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Pfizer stoppt Forschung : Rückschlag für Alzheimerkranke

Ein herber Rückschlag für alle Alzheimerpatienten: Pharmaunternehmen Pfizer will die Forschung einstellen. Bild: dpa

Rund eine Million Menschen in Deutschland leiden an Alzheimer. Mit Pfizer zieht sich eines der größten forschenden Pharmaunternehmen zurück. Doch der Forschungsbedarf ist riesig, ein wirksames Medikament nicht in Sicht.

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          John Spencer macht mit seiner Frau Ella im etwas betagten Wohnmobil einen Ausflug durch Amerika – und vergisst sie an der Tankstelle. Was Donald Sutherland und Helen Mirren derzeit im Film „Das Leuchten der Erinnerung“ auf die Kinoleinwand bringen, ist tragisch und komisch zugleich – und vor allem aktueller denn je.

          Ilka Kopplin
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Allein in Deutschland gibt es rund eine Million Alzheimerkranke. Die Tendenz ist steigend, schließlich befällt die Nervenkrankheit insbesondere ältere Menschen, besonders häufig im Alter von 85 Jahren an. Mit dem demographischen Wandel steigt also auch die Zahl der Alzheimerkranken. Am Montag wurde nun bekannt, dass sich mit Pfizer einer der größten forschenden Pharmahersteller überhaupt nach Jahrzehnten aus der Alzheimerforschung zurückziehen will. „Pfizer wie auch andere Pharmaunternehmen mussten in der Alzheimerforschung Rückschläge einstecken. Nach wie vor ist unklar, welcher wissenschaftliche Weg Erfolg verspricht. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, unsere Forschungsausgaben auf solche Bereiche zu konzentrieren, in denen unsere wissenschaftliche Expertise am größten beziehungsweise unsere Pipeline am vielversprechendsten ist“, begründete der Konzern.

          Für Alzheimerkranke ist das ein Rückschlag. Schließlich ist die Krankheit, bei der nach und nach Nervenzellen absterben, bislang unheilbar. Bis heute sind zwar einige Prozesse der Krankheit bekannt, Ursache und Gesamtzusammenhänge sind jedoch weiterhin nicht in Gänze erforscht. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es lediglich wenige Arzneien gibt, die den Verlauf der Krankheit für eine gewisse Zeit verlangsamen können, vorausgesetzt der Patient wird früh genug diagnostiziert. Das letzte neu zugelassene Alzheimer-Medikament war das Präparat Memantine des Frankfurter Herstellers Merz im Jahr 2002. Der Bedarf für neue, wirksamere Arzneien ist also immens. Für forschende Pharmaunternehmen verspräche es Milliardenumsätze. So schätzt das Analysehaus Global Data, dass der Alzheimer-Medikamentenmarkt allein in den Industrienationen Amerika, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien jährlich um 17,5 Prozent auf knapp 15 Milliarden Dollar im Jahr 2026 wachsen wird.

          Dabei mangelt es nicht an Versuchen: Egal ob Abbvie, Biogen, Boehringer Ingelheim, Eli Lilly, Novartis oder Roche, um nur einige zu nennen – allein 13 der 42 Mitgliedsunternehmen des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA) forschen im Alzheimerbereich. Derzeit sind 19 Medikamente in der letzten klinischen Studienphase. Doch an der Wirksamkeit der Arzneien hat es bislang gekrankt. „Wie schwierig die Entwicklung von Alzheimer-Medikamenten ist, zeigt sich daran, dass seit 2002 aus mehr als 100 Studienprogrammen noch kein neues Alzheimer-Medikament hervorgegangen ist“, sagt Siegried Throm, VfA-Geschäftsführer für den Bereich Forschung. Die allermeisten Wirkstoffe seien deshalb nicht auf den Markt gekommen, weil sie nicht wirksamer gewesen seien als schon existente Präparate, sagte er. So zuletzt geschehen im November 2016, als Eli Lilly mit dem bis dahin verheißungsvollen Wirkstoffkandidaten Solanezumab nicht die gewünschte Wirkung erzielen konnte.

          Im Übrigen wäre ein Forschungserfolg nicht nur für Erkrankte und ihre Angehörigen eine Erlösung. Schließlich bedürfen Alzheimerkranke einer intensiven Pflege und Betreuung. Das Analysehaus IMS Health schätzt, dass die globalen Krankheitskosten für Alzheimer in diesem Jahr auf eine Billion Dollar steigen werden – nach 818 Milliarden Dollar im Jahr 2015.

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