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Neuer Schnelltest von Roche : „Unter normalen Bedingungen kann es Jahre dauern“

Symbol der Hoffnung: Aus der Roche-Zentrale (Mitte) in Basel kommen gute Nachrichten für die Corona-Diagnose. Bild: Reuters

Mitte in der Coronakrise schafft der Schweizer Pharmakonzern einen gewaltigen Sprung in der Diagnostik. Amerikas Gesundheitsbehörde gibt im Eilverfahren grünes Licht.

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          „Wir sind sehr stolz, dass wir das geschafft haben“, sagt Severin Schwan. Der Vorstandsvorsitzende des Schweizer Pharmakonzerns Roche durfte am Freitag von einem Durchbruch berichten, der inmitten der unzähligen Hiobsbotschaften rund um die Corona-Krise ein positives Schlaglicht setzt. Roche hat von der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA die Freigabe für einen neuen Schnelltest zum Nachweis des Coronavirus erhalten.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Damit können nun in Amerika, Europa und Asien jeden Monat Millionen erkrankte Menschen darauf hin untersucht werden, ob sie sich das Virus eingefangen haben oder ob sie nur an einer normalen Erkältung oder Grippe leiden. Die aktuell noch gravierenden Engpässe in der Diagnostik werden damit allerdings nicht vollständig behoben.

          Die Diagnostikspezialisten von Roche waren nach dem Ausbruch des Coronavirus in China die ersten, die einen zuverlässigen Test zur Verfügung stellen. Allerdings war dieser nur für Testgeräte mit einem geringen Durchsatz ausgelegt. Derartige Tests, die inzwischen auch noch andere Unternehmen anbieten, müssen einzeln manuell ausgeführt werden und erfordern einen hohen personellen Aufwand.

          „Unter normalen Bedingungen kann es Jahre dauern“

          Daher sind die Labors und Krankenhäuser bezüglich der Diagnose des Virus schon jetzt stark überlastet und die Wartezeiten für die Patienten oftmals unerträglich lang. Manche Länder haben mangels Masse sogar aufgehört, in Verdachtsfällen breit zu testen.

          Dieses Problem vor Augen habend, hat Roche in den vergangenen Wochen mit Hochdruck daran gearbeitet, das Testverfahren auch auf den sogenannten Hochdurchsatzplattformen durchführen zu können. Das sind mannshohe, meterlange Apparate, die in allen großen Labors auf der Welt stehen und die normalerweise für das systematische Screening ganzer Bevölkerungsgruppen auf Infektionen wie HIV eingesetzt werden. Roche ist auf diesem Gebiet Weltmarktführer.

          „Wir haben hier keine Konkurrenz“, sagt Schwan im Gespräch mit der F.A.Z. Seine Leute hätten rund um die Uhr daran gearbeitet, diese Hochleistungsgeräte auch für die automatisierte Detektion des Coronavirus einsetzen zu können. Dabei sei man Hand in Hand mit der FDA vorgegangen, die das entwickelte Testverfahren am Freitag im Rahmen einer Autorisierung unter Notfallbedingungen freigab. „Unter normalen Bedingungen kann es Jahre dauern, bis eine solche Zulassung vorliegt“, lobt Schwan die Amerikaner.

          „Für den einzelnen Test bekommen wir rund 15 Franken“

          In Europa hat Roche aufgrund der für die Vereinigten Staaten verwendeten Daten eine Selbst-Zertifizierung durchgeführt. Im Ergebnis führe dies dazu, dass die Schnelltests nun über alle rund 800 installierten Großgeräte (namens Cobas 6800 und 8800) in Amerika, Europa und Asien laufen könnten, sagt Schwan. „Das führt zu einem Quantensprung in der Diagnosegeschwindigkeit.“ Mit dem Cobas 8800 könnten mehr als 4100 Patientenproben am Tag vollkommen automatisiert ausgewertet werden. Insgesamt ließen sich so monatlich Millionen an Tests durchführen, wobei die Ergebnisse nach jeweils dreieinhalb Stunden vorlägen.

          Dies sei eine bedeutende Erleichterung für das Gesundheitssystem. „Wir sind sehr froh, dass wir in dieser schwierigen Situation einen Beitrag leisten können“, sagt Schwan. Zugleich betont der Roche-Chef, dass damit der Bedarf an Tests immer noch nicht voll gedeckt werden könne. Daher hält er es weiterhin für richtig, nicht flächendeckend vorzugehen und nur jene Personen auf das Virus zu testen, die entsprechende Symptome zeigen oder aus Hochrisikogebieten kommen.

          Für die an der Kapazitätsgrenze laufende Produktion der eigentlichen Testkits, die dann in den Laborgeräten zum Einsatz kommen, bezieht Roche Teile aus drei Ländern. Die Basisinstrumente kommen aus der Schweiz, das Plastik-Verbrauchsmaterial kommt aus Deutschland und die Reagenzien kommen aus den Vereinigten Staaten. „Es bestehen also gegenseitige Abhängigkeiten“, erläutert Schwan. Das von Donald Trump verhängte Einreiseverbot für Europäer gefährde die Lieferkette nicht, weil Warenlieferungen davon ausgenommen seien. Und was passiert mit der Fracht, die normalerweise auch an Bord von Passagierflugzeugen gen Übersee geflogen wird? „Für diese Lieferungen mieten wir ein Charterflugzeug“, antwortet Schwan.

          Aus geschäftlicher Sicht sei der Verkauf der Corona-Testpakete für Roche von untergeordneter Bedeutung. Der größte Teil der Kosten falle in den Labors und Kliniken an. „Für den einzelnen Test bekommen wir rund 15 Franken“, rechnet Schwan vor. Trotzdem reagierten die Anleger positiv auf die Nachrichten aus Basel: Der Aktienkurs von Roche kletterte am Freitag im Verlauf um mehr als 9 Prozent auf gut 300 Franken. Allerdings ging es nach dem Absturz am Vortag auch mit dem Swiss Market Index (SMI), dem Leitindex der Schweiz, kräftig bergauf.

          Roche zählt mit einem Umsatz von zuletzt 61 Milliarden Franken zu den größten Pharmakonzernen der Welt. Davon entfallen knapp 13 Milliarden Franken auf das Diagnostikgeschäft.

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