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Pharmaindustrie : „Wir zahlen den Ärzten keine Kreuzfahrten“

  • Aktualisiert am

Kopierte Medikamente: Generika-Hersteller Ratiopharm Bild: AP

Claudio Albrecht, Vorsitzender von „Ratiopharm“, im Interview: Über die Sitten in der Pharmabranche, Rabatte für Arzneien und warum Abkupfern den Fortschritt beschleunigt.

          5 Min.

          Claudio Albrecht ist Vorsitzender des Generiker-Herstellers Ratiopharm. Insgesamt 750 Medikamente hat der Konzern mittlerweile von Originalherstellern kopiert. Die Strategie: hochwertige Qualität für wenig Geld - ohne selbst in die Grundlagenforschung zu investieren.

          Herr Albrecht, Deutschland hustet, bei Ihnen klingeln die Kassen.

          Das könnte man vielleicht glauben.

          Dem ist nicht so?

          Nein. Die Gesundheitsreform macht uns schwer zu schaffen.

          Jammern gehört zum Geschäft - gerade in der hochprofitablen Pharmaindustrie.

          Das ist kein Gejammer. Wir hatten dieses Jahr dramatische Einbrüche.

          Warum? Weil die Deutschen weniger Pillen schlucken, seit sie mehr selbst bezahlen müssen?

          Das spielt eine gewisse Rolle.

          Und war Sinn der Gesundheitsreform.

          Man spart aber nur auf den ersten Blick, wenn man die Patienten stärker belastet, auf den zweiten wird die Gesundheit teurer. Das schadet nachhaltig den Kassen. Da die Patienten für rezeptfreie Medikamente selbst aufkommen müssen, werden jetzt teurere Pharmaka verschrieben, die von den Kassen noch erstattet werden.

          Was daran liegt, daß der Arzt seiner Verantwortung nicht gerecht wird.

          Der Arzt bedient die Wünsche des Patienten. Für ihn ist es das Wichtigste, daß der Patient zufrieden ist.

          Und Ratiopharm schreibt deswegen erstmals Verluste?

          Zur Jahresmitte sah es danach aus. Die Lage war kritisch, da haben wir vehement gegengesteuert.

          Haben Sie Personal entlassen?

          Das nicht. Aber wir haben gekürzt, wo immer es ging, haben den Marketing-Etat zusammengestrichen.

          Heißt das: Keine Einladungen mehr für Ärzte zu Kreuzfahrten oder Kongressen in attraktiver Umgebung?

          So spendabel waren wir nie. Das können wir uns überhaupt nicht leisten. Weder die Kreuzfahrt noch den Ski-Urlaub. Dafür fehlen einem Generika-Hersteller schlicht die Mittel.

          Dafür sind die TV-Spots mit den Ratiopharm-Zwillingen ständig auf Sendung.

          Freut mich, wenn Sie das so empfinden. Tatsächlich haben wir die Werbung im zweiten Halbjahr drastisch zurückgefahren.

          Wie hoch ist Ihr PR-Etat?

          Jetzt liegt er praktisch bei Null - sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen.

          Wie teuer war es, einen Slogan wie „Gute Preise, gute Besserung“ zum geflügelten Wort zu machen?

          Wichtig war vor allem, daß die Kampagne über lange Zeit lief. Wir sind jetzt 30 Jahre alt und bewerben von jeher nur die Dachmarke Ratiopharm. Würden wir das für unsere 750 Präparate machen, würde das unsere Kraft weit übersteigen. Unsere Strategie war immer, hochwertige Qualität für wenig Geld zu bieten.

          Was Sie schaffen, indem Sie die Erfolge der forschenden Industrie abkupfern und ihr so das Wasser abgraben.

          Ganz im Gegenteil, die Originalhersteller sind für uns Verbündete.

          Das sehen die anders.

          Das stimmt aber. Wir bedingen uns gegenseitig. Generika treiben die Originalhersteller an zu forschen. Wenn ein Patent ausläuft und es ist absehbar, daß dann ein Generika-Präparat produziert wird, stärkt das die Innovationskraft.

          Der Forscher braucht den Atem des Nachahmers im Nacken, damit er vorwärtskommt?

          Genau, „Headroom for Innovation“ nennt sich diese Theorie.

          Sobald ein Patent abläuft, kommen Sie mit einem Nachahmer-Produkt?

          Das ist unser Ziel. Wir achten hundertprozentig das geistige Eigentum. Am ersten Tag aber, wenn das Patent auf ein Original abläuft, sind wir mit unserem Medikament auf dem Markt.

          Sie geben zu, daß das einfacher ist, als selbst zu forschen?

          Das gebe ich voll und ganz zu. Dafür sind wir auch billiger.

          Die Idee, selbstpatentierte Medikamente zu entwickeln, hatten Sie nie?

          Nein. Definitiv nicht. Wir steigen nicht in die Grundlagenforschung ein.


          Umgekehrt setzen forschende Konzerne wie Novartis oder Sanofi-Aventis offenbar verstärkt auf das Generika-Geschäft.

          Das wäre ein naheliegender Trend. Originalhersteller können so den Lebenszyklus ihrer Präparate optimal nutzen. Wenn es so kommt, dann hätte das den erfreulichen Nebeneffekt, daß das Verhältnis der Konzerne zu uns Generika-Herstellern besser wird.

          Bisher haben Sie darum gerangelt, wer von der Politik bei Sparbeschlüsse verschont bleibt - im Zweifel haben Sie gewonnen.

          Früher vielleicht. Mit der Gesundheitsreform zum Anfang dieses Jahres ist die Politik zum ersten Mal vor dem Druck der forschenden Hersteller zurückgewichen: Es werden weniger Generika und wieder verstärkt Originalpräparate verordnet. Dabei liegt auf der Hand, daß Generika die Kosten des Gesundheitssystems reduzieren. Sie sind das probate Mittel, um die Kassen zu entlasten.

          Das sagen Sie.

          Und alle Experten. Laut Arzneimittelverordnungsreport könnten rund 1,5 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr eingespart werden, wenn konsequent Generika verschrieben würden - die Frage nach dem Defizit der Krankenkassen wäre damit zur Hälfte erledigt. Die ganzen Kopfstände, die veranstaltet werden, um die Einnahmen zu steigern, könnte man sich sparen. Zudem sollte die Politik nicht immer nur auf die Kostenseite schauen, sondern auch die volkswirtschaftliche Bedeutung unserer Branche beachten. In Großbritannien kommen 30 bis 40 Prozent der Generika nicht aus einheimischer Produktion, sondern aus Indien. Das kann die deutsche Politik nicht wollen.

          Sie verlangen jetzt aber keine patriotischen Schutzzölle oder Subventionen?

          Nein. Ich sage nur, daß die Politik nicht aus dem Blick verlieren sollte, was Firmen wie Ratiopharm für den Standort und die Wertschöpfung in Deutschland bedeuten. Wir sind die wirklich deutschen Pharmaunternehmen. Wir investieren hier, wir schaffen hier Arbeit. Nicht zu vergleichen mit den Pharmafirmen, die nur die Vertriebsbüros ausländischer Multis sind.

          Sie reden von Firmen wie Pfizer.

          Pfizer ist nun mal kein deutsches Unternehmen, sondern Tochter eines amerikanischen Konzerns, der weltweit die Nummer eins ist. In Deutschland dagegen produziert niemand mehr Pillen als wir - an den Packungen gemessen. Im Umsatz liegen wir nur leicht hinter Pfizer, weil wir die Präparate zu günstigeren Preisen verkaufen.

          Wie hoch liegt Ihr Umsatz?

          Bei weltweit 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2003. Dieses Jahr stagniert er, vor allem wegen der 16 Prozent Zwangsrabatt, die wir abgeben müssen.

          Nächstes Jahr werden es nur noch sechs Prozent sein.

          Hoffentlich. Schwarz auf weiß haben wir das nicht. Mit den Zwangsrabatten beschädigt die Politik ihren engsten Verbündeten bei der Kostensenkung im Gesundheitswesen. 16 Prozent Zwangsrabatt auf ein Produkt heißt nichts anderes, als daß wir damit Verlust machen. Ein Jahr geht das vielleicht. Noch eines können wir uns nicht mehr leisten. Dann müßten wir Produkte vom Markt nehmen.

          Jetzt klagen Sie schon wieder.

          Das sind Fakten: Die ganze Dramatik im Generika-Bereich sehen Sie darin, wenn Sie bedenken, daß 2004 bei Medikamenten mit einem Marktvolumen von 720 Millionen Euro die Patente abgelaufen sind - mehr als die zehn Jahre davor. Das hätte ein riesiges Wachstum der Generika-Hersteller zur Folge haben müssen. Und was ist passiert? Es leiden alle, die Kleinen noch viel mehr als wir als Marktführer.

          Sie wachsen zumindest im Ausland.

          Da sind wir in der Tat sehr erfolgreich, die Wachstumsraten liegen bei 30 bis 33 Prozent pro Jahr. Für 2005 peilen wir ein Plus von 25 Prozent an. Unser Ziel ist es, die Hälfte des Umsatzes außerhalb Deutschlands zu erzielen, die nächsten zwei Jahre sollte das auch glücken.

          In welchen Ländern setzen Sie Ihre Schwerpunkte?

          Ich war gerade in Brasilien, das ist ein Riesenmarkt. Auch die jungen Generika-Märkte in Europa sind vielversprechend - Frankreich, Italien, die entwickeln sich erst. Auch die EU-Beitrittsländer sind eine enorme Herausforderung.

          Kleinere deutsche Generika-Hersteller, die diese Möglichkeit nicht haben, werden verschwinden?

          Die Branche wird sich in jedem Fall konsolidieren. 80 Prozent der Anbieter werden bis zum Jahr 2010 verschwunden sein. Von den großen zehn werden sich drei ganz Große herausschälen. Mittelfristig sehe ich in Deutschland drei bis fünf große multinationale Anbieter plus fünf oder sechs Nischenanbieter.

          Wer werden die großen Spieler sein? Welche Multis drängen nach Deutschland?

          Logisch wäre zum Beispiel, daß sich der Weltmarktführer, der israelische Konzern Teva, hier verstärkt. Der kann sich auf Dauer nicht damit zufriedengeben, auf dem zweitgrößten Generika-Markt der Welt nur eine Position unter ferner liefen zu belegen.

          Klingt wie die Einladung, mal bei Ihrem Eigentümer, dem Milliardär Merckle in Blaubeuren, anzurufen.

          Nein. Bei uns ist die Sache klar.

          Ratiopharm bleibt im Eigentum der Familie Merckle?

          Ja.

          Und geht auch nicht an die Börse, nicht mal scheibchenweise?

          Das sehe ich nicht. Auch nicht langfristig.

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