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Pharmaindustrie : „Wir zahlen den Ärzten keine Kreuzfahrten“

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Das sagen Sie.

Und alle Experten. Laut Arzneimittelverordnungsreport könnten rund 1,5 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr eingespart werden, wenn konsequent Generika verschrieben würden - die Frage nach dem Defizit der Krankenkassen wäre damit zur Hälfte erledigt. Die ganzen Kopfstände, die veranstaltet werden, um die Einnahmen zu steigern, könnte man sich sparen. Zudem sollte die Politik nicht immer nur auf die Kostenseite schauen, sondern auch die volkswirtschaftliche Bedeutung unserer Branche beachten. In Großbritannien kommen 30 bis 40 Prozent der Generika nicht aus einheimischer Produktion, sondern aus Indien. Das kann die deutsche Politik nicht wollen.

Sie verlangen jetzt aber keine patriotischen Schutzzölle oder Subventionen?

Nein. Ich sage nur, daß die Politik nicht aus dem Blick verlieren sollte, was Firmen wie Ratiopharm für den Standort und die Wertschöpfung in Deutschland bedeuten. Wir sind die wirklich deutschen Pharmaunternehmen. Wir investieren hier, wir schaffen hier Arbeit. Nicht zu vergleichen mit den Pharmafirmen, die nur die Vertriebsbüros ausländischer Multis sind.

Sie reden von Firmen wie Pfizer.

Pfizer ist nun mal kein deutsches Unternehmen, sondern Tochter eines amerikanischen Konzerns, der weltweit die Nummer eins ist. In Deutschland dagegen produziert niemand mehr Pillen als wir - an den Packungen gemessen. Im Umsatz liegen wir nur leicht hinter Pfizer, weil wir die Präparate zu günstigeren Preisen verkaufen.

Wie hoch liegt Ihr Umsatz?

Bei weltweit 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2003. Dieses Jahr stagniert er, vor allem wegen der 16 Prozent Zwangsrabatt, die wir abgeben müssen.

Nächstes Jahr werden es nur noch sechs Prozent sein.

Hoffentlich. Schwarz auf weiß haben wir das nicht. Mit den Zwangsrabatten beschädigt die Politik ihren engsten Verbündeten bei der Kostensenkung im Gesundheitswesen. 16 Prozent Zwangsrabatt auf ein Produkt heißt nichts anderes, als daß wir damit Verlust machen. Ein Jahr geht das vielleicht. Noch eines können wir uns nicht mehr leisten. Dann müßten wir Produkte vom Markt nehmen.

Jetzt klagen Sie schon wieder.

Das sind Fakten: Die ganze Dramatik im Generika-Bereich sehen Sie darin, wenn Sie bedenken, daß 2004 bei Medikamenten mit einem Marktvolumen von 720 Millionen Euro die Patente abgelaufen sind - mehr als die zehn Jahre davor. Das hätte ein riesiges Wachstum der Generika-Hersteller zur Folge haben müssen. Und was ist passiert? Es leiden alle, die Kleinen noch viel mehr als wir als Marktführer.

Sie wachsen zumindest im Ausland.

Da sind wir in der Tat sehr erfolgreich, die Wachstumsraten liegen bei 30 bis 33 Prozent pro Jahr. Für 2005 peilen wir ein Plus von 25 Prozent an. Unser Ziel ist es, die Hälfte des Umsatzes außerhalb Deutschlands zu erzielen, die nächsten zwei Jahre sollte das auch glücken.

In welchen Ländern setzen Sie Ihre Schwerpunkte?

Ich war gerade in Brasilien, das ist ein Riesenmarkt. Auch die jungen Generika-Märkte in Europa sind vielversprechend - Frankreich, Italien, die entwickeln sich erst. Auch die EU-Beitrittsländer sind eine enorme Herausforderung.

Kleinere deutsche Generika-Hersteller, die diese Möglichkeit nicht haben, werden verschwinden?

Die Branche wird sich in jedem Fall konsolidieren. 80 Prozent der Anbieter werden bis zum Jahr 2010 verschwunden sein. Von den großen zehn werden sich drei ganz Große herausschälen. Mittelfristig sehe ich in Deutschland drei bis fünf große multinationale Anbieter plus fünf oder sechs Nischenanbieter.

Wer werden die großen Spieler sein? Welche Multis drängen nach Deutschland?

Logisch wäre zum Beispiel, daß sich der Weltmarktführer, der israelische Konzern Teva, hier verstärkt. Der kann sich auf Dauer nicht damit zufriedengeben, auf dem zweitgrößten Generika-Markt der Welt nur eine Position unter ferner liefen zu belegen.

Klingt wie die Einladung, mal bei Ihrem Eigentümer, dem Milliardär Merckle in Blaubeuren, anzurufen.

Nein. Bei uns ist die Sache klar.

Ratiopharm bleibt im Eigentum der Familie Merckle?

Ja.

Und geht auch nicht an die Börse, nicht mal scheibchenweise?

Das sehe ich nicht. Auch nicht langfristig.

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