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Pharmaindustrie : Der kühle Rechner

  • -Aktualisiert am

Marketing-Fachmann: Patrick Schwarz-Schütte Bild: dpa

Schwarz Pharma geht als Firma unter, die Marke besteht jedoch weiter. Patrick Schwarz-Schütte verkauft die Anteile des Familienunternehmens an UCB. Mit seiner Strategie hat er vorher den Wert um ein Vielfaches gesteigert.

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          „Wer sich einmal dafür entschieden hat, zu unternehmen, anstatt zu unterlassen, der ist sein ganzes Leben dazu verpflichtet.“ So lautet eine Devise des mittlerweile fünfundachtzigjährigen Rolf Schwarz-Schütte, der 1946 unterstützt vom Vater, einem Apotheker, ein pharmazeutisches Unternehmen startete.

          Sein Sohn Patrick, der seit 1992 als Vorstandsvorsitzender die Schwarz Pharma AG führt, hat eine andere Sicht. Er ist ein Marketing-Fachmann, der es in den vergangenen Jahren hervorragend verstand, die Leistungen des mittelständischen Familienunternehmens in der Öffentlichkeit und am Kapitalmarkt zu verkaufen.

          Untergang als Firma, Bestehen als Marke

          Der fünfzigjährige Betriebswirt hat nach kaufmännischen Jahren in der Pharmaindustrie und dem Studium zunächst einige Jahre als Berater bei Booz, Allen gearbeitet, ehe er im väterlichen Unternehmen als Assistent des Marketing-Vorstandes startete. Der Schwarz Pharma-Chef ist ein kühler Rechner, ein geschätzter Gesprächspartner der Analysten-Gilde. Und als solcher verkauft er nun tatsächlich die Schwarz Pharma AG, oder zumindest die rund 61 Prozent, die ihm und etwa 10 anderen Familiengesellschaftern an der im MDAX geführten Publikumsgesellschaft noch gehören.

          Käufer ist weder ein Pharma-Riese wie Pfizer noch einer der vielen umtriebigen Finanzinvestoren. Vielmehr hat sich die Familie für die hierzulande außer in der Pharmabranche weitgehend unbekannte belgische UCB entschieden. Schwarz Pharma wird als Firma zwar untergehen, soll aber als Marke für das allgemeine medizinische Geschäft bestehen bleiben.

          Parkinson-Pflaster vor der Markteinführung

          In dem sich in der Pharma-Branche immer schneller drehenden Übernahmekarussell wurde zwar UBC gelegentlich genannt als Mittelständler mit Aufholbedarf. Aber bei Schwarz Pharma hätte man eher erwartet, daß die Familie ihrem Unternehmen noch einige Zeit treu bleiben würde. Und dies um so mehr, da sich das Unternehmen derzeit am Ende einer Durststrecke befindet.

          Während der Umsatz mit zunehmendem Alter des Angebots schrumpft, nähern sich einige vielversprechende Neuheiten, darunter ein Parkinson-Pflaster, der Markteinführung. Das spiegelt auch der Börsenkurs des Unternehmens wider. So werden die Aktionäre, die sich für das UCB-Angebot entscheiden, mit dem Viereinhalbfachen des Börsenkurses von Ende 2004 entgolten. Innerhalb der vergangenen 12 Monate haben sich der Kurs und damit der Börsenwert verdoppelt.

          Ausgeweitetes Forschungsbudget

          Dabei sind die aktuellen Geschäftsdaten mau. Die Prognosen für das gesamte Jahr lauten 10 Prozent Umsatzrückgang und nur ein ausgeglichenes Konzernergebnis. Einer der wesentlichen Gründe für die aktuelle Ertragsschwäche ist das für Neuentwicklungen kräftig auf 200 Millionen Euro ausgeweitete Forschungsbudget. Und mit Pressemitteilungen wie der erst vor wenigen Tagen verbreiteten Nachricht über mehr Datenmaterial zu den Neuheiten hat Schwarz-Schütte geschickt das Interesse geschürt.

          Die Familiengesellschaften sollen, wie man hört, das Unternehmen mit mehr als 5 Milliarden Euro bewertet haben. Am Freitag bewertete die Börse den Mittelständler mit knapp 3,6 Milliarden Euro. Ein Zuschlag bei 4,4 Milliarden klingt auch nicht schlecht. Allein für den Familienclan sind das immerhin 2,6 Milliarden Euro, also fast 600 Millionen Euro mehr, als die Börsenkapitalisierung des gesamten Unternehmens vor 12 Monaten.

          Strategiewechsel für Lizenzprodukte

          Von diesem Betrag wird an die Familiengesellschafter zwar nur etwas mehr als die Hälfte bar ausgezahlt und der Rest in UCB-Aktien entgolten. Aber auch die zum Aktientausch getroffenen Stillhalte-Vereinbarungen sind klug kalkuliert. Schwarz-Schütte signalisierte für sich und die Familiengesellschafter, daß sie mit einem Teil ihres Vermögens noch eine Reihe von Jahren auf die von beiden Unternehmen propagierten wirtschaftlichen Vorteile dieser Übernahme setzen.

          Vor sechs Jahren hatte der Schwarz Pharma-Chef einen ambitionierten Strategiewechsel für das damals vor allem vom Verkauf von Nachahmer- und Lizenzprodukten lebende Unternehmen eingeschlagen. Innerhalb weniger Jahre wollte er mit hohem Forschungsaufwand eine Reihe eigener Medikamente an den Markt bringen. Wenn das bis 2003 kein Erfolg würde, wollte er den Hut nehmen. Seit dieser Ankündigung hat er den Wert des Unternehmen glatt um 800 Prozent gesteigert und damit durchaus unternehmerische Qualitäten bewiesen.

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