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Pharmaforschung : HP-Chefin: Grid-Computing nicht überschätzen

Intel 4-Prozessor Bild: intel

Carly Fiorina, die Chefin des Computer- und Druckerherstellers Hewlett-Packard (HP), hat davor gewarnt, die Chancen des sogenannten Grid-Computing überzubewerten. Novartis will mit der Nutzung brachliegender Prozessorkapazitäten aber bald viel Geld sparen.

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          Carly Fiorina, die Chefin des Computer- und Druckerherstellers Hewlett-Packard (HP), hat davor gewarnt, die Chancen des sogenannten Grid-Computing überzubewerten. "Bislang ist Grid-Computing mehr Hype als Wirklichkeit gewesen", sagte Fiorina jüngst in San Francisco. Dabei setzt die Computerindustrie große Hoffnungen auf das Grid-Computing, das man auch mit "Gitter-Berechnung" übersetzen könnte, und auf der Idee des verteilten Rechnens basiert. Umschrieben wird damit eine Methode, die die Rechenleistung vieler Computer innerhalb eines Netzwerkes so zusammenfaßt, daß verschiedene Computer gleichzeitig an der Lösung von rechenintensiven Aufgaben arbeiten können. Dabei können die Nutzer, anders als bei einem Computernetz, das aus einer Hierarchie einzelner Personalcomputer (Clients) und übergeordneter Netzwerkrechner (Servern) besteht, gleichberechtigt auf die gesamte Rechenkapazität aller angeschlossenen Geräte zugreifen. Nach der Ansicht von Fiorina ist das verteilte Rechnen zwar ein wichtiges Mittel, um Geschäftsprozesse in Unternehmen zu beschleunigen. Auch leiteten die Grids eine neue Phase im technischen Lebenszyklus der Computerbranche ein.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Doch liege vor der Branche noch viel Arbeit, bis die Vision des Grid-Computing in das Alltagsleben durchschnittlicher Geschäftskunden Einzug halte. So gelte es, die dem System zugrundeliegenden Standards weiter zu verbessern. Fiorina geht vor diesem Hintergrund davon aus, daß es noch drei bis fünf Jahre dauern wird, bis Grid-Computing für alltägliche Aufgaben wie zum Beispiel die Lohnabrechnung eingesetzt werden kann. Die ungewissen Aussichten zur weiteren Entwicklung des Marktes lassen auch die Angaben zu seinem Volumen stark voneinander abweichen: HP zitiert Analysten, die den Markt für Grid-Computing auf 4 Milliarden Dollar im Jahr 2008 schätzen. Die Marktforscher von Grid Technology Partners wiederum gehen sehr viel optimistischer davon aus, daß der Markt dieses Volumen schon im Jahr 2005 erreichen wird. Die Kosten für die Einrichtung eines Grid-Rechnerverbundes werden sich nach diesen Angaben auf 160 bis 600 Dollar je Prozessor verlaufen, was angesichts der breiten Spanne ebenfalls wenig aussagekräftig ist.

          Konkreter ist vor wenigen Tagen der Schweizer Pharmakonzern Novartis geworden. Novartis hat sich im Rahmen der Erneuerung seiner Personalcomputer (PC) mit dem "Pentium 4"-Chip von Intel für die Erstellung eines Grid entschieden. Bei Novartis heißt es, daß die Vernetzung verschiedener Einzelplatz-PC letztlich günstiger als die separate Anschaffung von Supercomputern sei. Durch die bessere Auslastung der vorhandenen Computerkapazitäten mit Hilfe des Grid rechnen die Schweizer innerhalb von drei Jahren mit Einsparungen von rund 200 Millionen Dollar. "Durch die Investition können wir die maximale Produktivität aus unseren Informationstechnologie-Systemen herausholen. Das beschleunigt die Entwicklung neuer und lebensrettender Medikamente", sagt Novartis-Informatikchef Manuel Peitsch. Tatsächlich ist gerade die Medikamentenerforschung besonders abhängig von leistungsstarken Computern, da hierbei riesige Datenmengen verarbeitet werden müssen.

          Nach den Angaben des Computerherstellers IBM gibt es bei seinen Kunden inzwischen mehr als 100 Grid-Computing-Projekte. Zwar habe die Grid-Technologie ihren Ursprung im technisch-wissenschaftlichen Umfeld, doch gebe es jetzt zunehmend kommerzielle Grid-Lösungen, heißt es bei IBM. Unter anderem wird bei IBM auf ein Grid aus Netzwerkrechnern mit Intel-Prozessoren bei der Investmentbank Morgan Stanley verwiesen, die auf diesem Weg Finanzanalyse-Anwendungen berechnen läßt. Die Nippon Life Insurance Group wiederum nehme mit einem Grid ihre Risikomanagement-Analyse vor. Wesentliche Anbieter von Grid-Technologien sind zur Zeit IBM, Sun Microsystems, Microsoft und eben HP. Sun hat seine Kenntnisse auf diesem Bereich im Juni 2000 durch den Kauf des deutschen Unternehmens Gridware gestärkt. Sun und IBM haben die Grid-Technik und verwandte Anwendung sogar zur Grundlage ihrer Unternehmensstrategie gemacht. Ob diese Strategie bei IBM "On-Demand-Computing" oder bei Sun "N1" genannt wird, ist dabei gleichgültig. Letztlich geht es in beiden Fällen darum, daß Anwender immer die Computerressourcen zur Verfügung haben sollen, die sie gerade brauchen. Auf dem Weg dorthin ist die Grid-Technik ein wesentlicher Bestandteil.

          Zu den Schwierigkeiten, die es zu lösen gilt, ehe solche Visionen in einem sehr viel größeren Kundenkreis Wirklichkeit werden, zählt Fiorina nicht zuletzt den Bereich der Datensicherheit - denn der Zugriff auf viele Rechner durch eine große Zahl von gleichberechtigten Nutzern bringt schon grundsätzlich viele Sicherheitsprobleme mit sich. Fachleute gehen deshalb davon aus, daß sich Grids zunächst nur innerhalb der Grenzen einzelner Unternehmen durchsetzen, nicht aber Computer unterschiedlicher Firmen miteinander verbinden werden. Zudem sind viele Computernetze nach wie vor nicht miteinander kompatibel, sie kommunizieren also nicht mit denselben Standards. Daß auch Michael Dell, der Vorstandschef und Gründer des gleichnamigen texanischen Computerherstellers, Werbung für seine Grid-Lösungen macht, ist für Fiorina unterdessen ein Ärgernis. Dell investiere magere 500 Millionen Dollar in Forschung und Entwicklung. Zur Weiterentwicklung des Grid Computing, das einen erheblichen Entwicklungsaufwand erfordere, trage Dell kaum etwas bei.

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