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Pharma : Schering beendet seinen Traum

Vermutlich die letzte „ordentliche” Hauptversammlung Bild: dpa/dpaweb

Wehmütig debattieren die Aktionäre der Schering AG auf ihrer Hauptversammlung in Berlin die Übernahmeofferte von Bayer. Trauer überwiegt, weil sich nun das letzte Dax-Unternehmen aus der Hauptstadt verabschiedet.

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          Hubertus Erlen braucht keine zwei Minuten, bis er zu seinem entscheidenden Satz kommt. Gerade hat der Schering-Vorstandsvorsitzende referiert, daß der feindliche Übernahmeversuch der Merck KGaA abgewehrt worden sei, da schaut er auf von seinem Manuskript und blickt in die weite Runde der vielen Aktionäre im großen Saal des Internationalen Congresscentrums (ICC). Erlen macht eine kurze Pause, hebt die Stimme ein wenig und sagt: "Sie haben aber letztlich unseren Traum beendet, ein unabhängiges Schering als globalen Pharmaspezialisten zu erhalten". Vorstand und Aufsichtsrat des Pharmakonzerns, so führt er sieben Sätze später aus, empfehlen den Aktionären die Bayer-Offerte anzunehmen und 86 Euro je Schering-Aktie in Bar zu kassieren. Und das sei auch "unter allen Stakeholder-Aspekten richtig".

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Es liegt Wehmut über dieser vermutlich letzten "ordentlichen" Hauptversammlung der Schering AG, auch wenn in deren Verlauf deutlich wird, daß der eine oder andere Aktionär darauf spekuliert, eine zusätzliche Prämie von Bayer für einen möglichst späten Verkauf seiner Schering-Papiere bei einem "Squeeze out" zu kassieren. In dem Fall dürfte eine weitere Hauptversammlung notwendig werden, um die erwartete mehrheitliche Übernahme Scherings durch Bayer durch etwaige Beherrschungsverträge abzusichern.

          Großer Saal fast zu klein

          Gut 2100 Anteilseigner sind an diesem Mittwoch in das ICC gekommen. Der große Saal kann die Menge kaum fassen. Einige Aktionäre haben sich auf die Treppenstufen gesetzt. Sie hören, daß das Schering-Geschäft in den kommenden Jahren viele Chancen biete, "umso mehr in Kombination mit dem Geschäft von Bayer." Etwas Beifall erhält Erlen, als er die Dividenerhöhung um 20 Prozent auf 1,20 Euro anspricht, mehr Applaus, als er der Belegschaft dankt. Viele Aktionäre im Saal sind oder waren bei Schering beschäftigt. Sie kommen aus Berlin, Westberlin, wie einer korrigiert.

          Erlen wirbt für Bayer

          Bei ihnen überwiegt die Trauer darüber, daß sich mit Schering das letzte Dax-Unternehmen aus der Hauptstadt verabschiedet. "Schering hat Berlin immer die Stange gehalten, auch in schlechten Zeiten", bemerkt Wolfgang Pöhler, ein ehemaliger "Siemensianer". Er erinnert an Siemens, AEG und andere, die im Kalten Krieg mit ihren Zentralen aus Westberlin geflohen seien. Ob Bayer die eingegangenen Zusagen für den Erhalt des Forschungsstandorts einhalten werde, hält der Rentner für fraglich: "Auch Bayer könnte von einem noch Größeren geschluckt werden." Sitznachbar Karl-Heinz Purbst sekundiert: "Ich halte von der Übernahme nichts." Ihm geht es ähnlich wie den Belegschaftsvertretern, die angesichts von 6000 zu streichenden Stellen ein "ganz flaues Gefühl im Magen" beklagen. Kleinaktionär Helmut Peters, fünf Reihen hinter Purbst träumt Erlens Traum von einem unabhängigen Nischenanbieter auf dem globalen Pharmamarkt ein wenig weiter. "Es sollte alles so bleiben wie es ist." Verkaufen werden sie dennoch.

          155 Jahre nach Gründung der „Grünen Apotheke“

          Die meisten Aktionäre haben mit dem Kapitel Schering 155 Jahren nach Gründung der "Grünen Apotheke" des Pharmazeuten Ernst Schering im Berliner Stadtbezirk Wedding bereits abgeschlossen. Von 4000 Anteilseignern, die sich angemeldet hatten, sind nur wenig mehr als die Hälfte auch erschienen. Immerhin liegt die Quote des vertretenen Kapitals mit 42,79 Prozent knapp 10 Punkte über dem Vorjahreswert. Allein auf Merck dürften davon knapp 5 Prozentpunkte entfallen ein. Doch kein Vertreter des Unternehmens, dem die Niederlage mit einem Spekulationsgewinn von 250 bis 300 Millionen Euro entgolten werden dürfte, meldet sich zu Wort. Bayer, der weiße Ritter, wendet sich lediglich in Form eines Faltblattes öffentlich an die Aktionäre.

          Auch für die Vertreter der großen Investmentfonds ist alles gesagt. Keiner von Union, DWS oder Deka klagt über eine zu niedrige Dividende, lobt den Vorstand, der den Aktionären einen ansehnlichen Zuwachs von 60 Prozent beschert hat oder bedankt sich bei den Beschäftigten. Das bleibt den Vertretern der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz oder der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger vorbehalten.

          Deren Vertreter rügt, daß die vom Vorstand lange verfolgte Strategie als Nischenanbieter gescheitert sei. Auch hätten Erlen und seine Vorstände zwar oft angekündigt, Unternehmen oder Lizenzen zukaufen zu wollen, dem aber dann keine Taten folgen lassen. Ob Bayer der richtige strategische Partner sei, müsse sich auch noch weisen: "Zusammen kommt eben oft nicht das, was paßt, sondern was finanziert wird."

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