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Pharma : Roche will die Vogelgrippe nicht ausnutzen

  • Aktualisiert am

Dürfen nicht ins Freie - Federvieh in Bayern Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Pharma-Konzern Roche muß aufpassen, mit seinem begehrten Grippemittel Tamiflu nicht das Image eines Krisengewinnlers zu bekommen. Der Umsatz steigt und die Angst vor der Vogelgrippe nimmt jedenfalls zu. In Bayern herrscht seit heute Stallpflicht für Geflügel.

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          Die Angst vor einer Vogelgrippe-Pandemie, die selbst bei den bedächtigen Schweizern fast schon panikartige Züge annimmt, füllt dem Roche-Konzern die Kassen und steigert den Börsenwert, doch zugleich gerät das Unternehmen immer mehr in eine politisch heikle Lage.

          Roche muß aufpassen, mit seinem begehrten Grippemittel Tamiflu nicht das Image eines Krisengewinnlers zu bekommen, der aus Gewinnsucht keine weiteren Produzenten duldet und somit einen Engpaß beim Mittel verschuldet. Denn dies könnte dazu führen, daß Regierungen sich über Patente und Roche-Interessen hinwegsetzen und billige Generika produzieren lassen.

          Roche bereit Unterlizenzen zu vergeben

          Wie geschmeidig der Konzern in dieser Lage agiert, bewies er am Dienstag. Roche verkündete einerseits, daß in Amerika eine neue Tamiflu-Produktionsanlage von der Gesundheitsbehörde zugelassen wurde, so daß die Gesamtzahl der internationalen Produktionsstätten auf 13 stieg, wobei nur 6 Roche gehören. Die übrigen sieben Tamiflu-Anlagen sind im Besitz von Pharma-Zulieferfirmen.

          Trotz des beschleunigten Ausbaus seiner Kapazitäten (eine weitere Verdoppelung ist bis 2006 geplant) zeigte sich der Konzern erstmals bereit, an Regierungen oder Unternehmen Unterlizenzen zu vergeben, um bei einer möglichen Vogelgrippe-Pandemie die globale Nachfrage besser befriedigen zu können. „Die wichtigste Herausforderung für Tamiflu ist zur Zeit die schnelle Erweiterung der Kapazität“, sagte William Burns, der Leiter der Roche-Pharmasparte.

          Unterlizenzen werde man jedoch nur an jene Hersteller vergeben, so Burns, die eine substantielle Menge für Notsituationen liefern sowie Qualität und Sicherheit garantieren könnten. „Wir halten nun die Tür offen, um Diskussionen mit Partnern zu beginnen", versicherte David Reddy, der Leiter des Virologie-Geschäfts, in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Bisher habe sich noch niemand gemeldet, und man wisse bei Roche auch nicht, wie viele Pharmafirmen überhaupt in der Lage wären, solch eine Fertigung schnell zu starten.

          Klage gegen Roches Anspürche auf Tamiflu

          Obwohl Roche Tamiflu nicht selbst entwickelte, sondern lediglich eine Lizenz der amerikanischen Biotech-Firma Gilead zur Marktreife brachte, erlaubt der bis 2016 gültige Vertrag nach Angaben von Reddy die Vergabe solcher Unterlizenzen. Vor einigen Monaten hat Gilead Roche verklagt, weil das Unternehmen angeblich zuwenig für den globalen Vertrieb des Mittels getan habe.

          Roche-Manager Reddy bezeichnet die Tamiflu-Herstellung als derart kompliziert, daß seiner Meinung nach kein Pharma-Zulieferer sie kurzfristig starten könnte. Es seien dazu zehn Schritte erforderlich, wobei der dritte hochexplosiv sei und daher nur in kleinen Portionen vollzogen werden könne. Einer der Ausgangsstoffe ist eine chinesische Anispflanze, die nur in vier Provinzen des Landes vorkommt. Man kann diesen Stoff inzwischen aber auch auf biotechnologische Weise gewinnen. Die Partner, die Roche schon jetzt Tamiflu liefern, bezeichnete Reddy als „spezialisierte Hersteller“, wobei er nicht sagen wollte, ob darunter auch schon Produzenten von Generika (Nachahmerprodukten) sind.

          Roche hat in den ersten 9 Monaten des Geschäftsjahres 2005 ihren Umsatz in Deutschland um 8,6 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro gesteigert. Die Zahl beinhalte auch Exporte und konzerninterne Verkäufe - sowie die großen Investitionen in neue Verwaltungs, - Logistik- und Produktionsanlagen in Mannheim, Penzberg, sowie Grenzach bei Basel, gab der Pharma- und Diagnostikkonzern am Mittwoch in Frankfurt bekannt.

          Beim Geschäft mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln konnte Roche den Angaben zufolge in den ersten neun Monaten in Deutschland einen Umsatz von 663,4 Millionen Euro erzielen, 23,4 Prozent mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Zum Umsatzwachstum wesentlich beigetragen hätten die drei Neueinführungen Avastin, Tarceva und Bonviva, hieß es.

          Umsatzsteigerung mit Tamiflu

          Der Pharma- und Diagnostikkonzern rechnet im zweiten Halbjahr 2005 mit mehr Umsatz als bisher angenommen für sein Grippemittel Tamiflu. Roche geht für das vierte Quartal von 200 Millionen bis 250 Millionen Dollar Tamiflu-Umsatz im Zusammenhang mit Pandemie-Vorsorge aus, hieß es in einer am Mittwoch auf der Internetseite des Unternehmens (www.roche.com) verfügbaren Präsentation. Damit würde sich der Umsatz alleine für die Pandemie-Vorsorge im zweiten Halbjahr auf 385 Millionen bis 435 Millionen Schweizer Franken belaufen. Bisher war Roche von für das zweite Halbjahr von 300 Millionen bis 350 Millionen Franken Tamiflu-Umsatz ausgegangen.

          Insgesamt belief sich der Tamiflu-Umsatz im dritten Quartal auf 279 Millionen Franken und lag damit in lokalen Währungen um 148 Prozent über dem entsprechenden Vorjahrswert. Auf Pandemie-Verkäufe entfielen dabei laut Roche 185 Millionen Franken. Tamiflu gilt nach einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Medikament zum Schutz vor einer massenhaften Verbreitung der Vogelgrippe, was das Mittel zum Renner gemacht hat.

          Früher erzielte Roche nur kümmerliche Erlöse von etwa 30 Millionen Franken mit seinem Grippemittel. In den vergangenen Monaten hat Roche mit 40 Ländern Verträge über Notvorräte abgeschlossen hat. Am meisten verwendet wird Tamiflu in Japan. Die letzte Grippe-Epidemie erfaßte 16 Millionen Menschen, von denen allein 6 Millionen zu diesem Mittel griffen. Unter Verweis auf die Erfolge in Japan versicherte Roche, daß die angebliche Resistenz von Grippeviren gegen Tamiflu bei Erwachsenen sehr gering sei.

          Angesichts des ersten Vogelgrippe-Verdachtsfalles in Griechenland herrscht Nervosität in der EU. Die Europäische Kommission fühlt sich auf eine Epidemie nicht vorbereitet. Als erstes Bundesland verbietet seit dem heutigen Mittwoch Bayern flächendeckend die Freilandhaltung von Haus- und Zuchtgeflügel.

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