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Pharma : Neue Wunderwaffen gegen den Krebs

Krebs wird immer gezielter bekämpft Bild: dpa

Pharmakonzerne schreiben die Medizingeschichte neu - und verdienen dabei gutes Geld.

          3 Min.

          Chicago im Frühjahr, Kopenhagen vor wenigen Tagen, - in beiden Städten haben zu dieser Zeit Ärztekongresse stattgefunden, die die Behandlung der Krebskrankheit zum Thema hatten. Sowohl aus Amerika als auch aus Dänemark kamen zu diesem Anlaß gute Nachrichten, zum einen für die Patienten, zum anderen für die Pharmakonzerne. Denn als das Unternehmen Genentech, der Gentechnik-Pionier aus San Francisco, kurz vor der Konferenz in Chicago von positiven Studienergebnissen für sein Krebsmedikament Avastin berichtete, schoß der Aktienkurs an einem Tag um 38 Prozent in die Höhe. Noch vor einem Jahr hatte die Arznei als gescheitert gegolten, weil sie in Tests keinerlei Wirkung gegen Brustkrebs gezeigt hatte. Jetzt hieß es, daß Avastin aber die Lebenszeit von Darmkrebspatienten um mehrere Monate verlängern könne. Über die guten Nachrichten von Genentech freute sich auch die Schweizer Roche, denn die ist zu knapp 60 Prozent an dem Unternehmen aus Kalifornien beteiligt.
          Roche bezeichnet sich vor allem auf der Basis dieser Verbundenheit mit Genentech, die die Produkt- und Forschungspipeline füllt, als führender Anbieter von Krebsmedikamenten der Welt. Im ersten Halbjahr wuchs Roche schneller als Wettbewerber und Gesamtmarkt, wozu vor allem die Krebsmedikamente der neuesten Generation beigetragen haben. Glückliche Schweizer: Auch der Umsatz von Novartis, dem anderen großen Pharmakonzern des Landes, hat in dieser Zeit um 20 Prozent zugelegt. Ein Medikament zur Behandlung von Blut- oder Magenkrebs mit dem Namen Glivec ist zum zweitwichtigsten Umsatzträger des Konzerns geworden. Mediziner sind von Glivec begeistert. Bei zwei Drittel der früh im Krankheitsverlauf mit dem Wirkstoff behandelten Patienten können die Leukämiezellen mit typischen Chromosomenveränderungen nicht mehr nachgewiesen werden. In einem Buch mit dem Titel "Magic Cancer Bullet" (Wunderwaffe gegen Krebs) spricht Novartis-Vorstandschef Daniel Vasella davon, daß die kleine orangefarbene Pille die Medizingeschichte neu schreibe.
          Die Unternehmen wollen aber nicht nur Geschichte schreiben. Sie wollen Geld verdienen. Und der Markt ist leider groß: "Jeder dritte Mensch erkrankt eines Tages an Krebs, jeder fünfte wird daran sterben, und die Tendenz ist steigend", sagt Raymond Spencer, Finanzvorstand des in London ansässigen Unternehmens Antisoma, das sich vor diesem Hintergrund ebenfalls auf die Krebsforschung spezialisiert hat. "Zur Zeit sterben in jedem Jahr 6 Millionen Menschen an Krebs, diese Zahl wird bis 2015 auf 15 Millionen steigen." Antisomas hoffnungsvollstes Präparat hat noch keinen festen Namen, es heißt kryptisch "R1549" und befindet sich in der dritten Phase der klinischen Tests. Anders als viele andere Biotechnologieunternehmen muß sich Antisoma in der Zeit des Wartens auf die Markteinführung keine Sorgen um seine Finanzen machen. Denn die Entwicklungspipeline der Briten war attraktiv genug, um einmal mehr Roche vor einem knappen Jahr zu veranlassen, 37 Millionen Dollar in das Unternehmen zu investieren und sich mit 9 Prozent am Kapital von Antisoma zu beteiligen. R1549 wird ein jährlicher Umsatz von bis zu 600 Millionen Euro zugetraut.
          Genentech und Antisoma sind zwei Beispiele dafür, daß ohne Partner in der Biotechnologie fast nichts mehr läuft. Kein großer Pharmakonzern kommt ohne solche Partnerschaften aus, um sich den Nachschub an neuen Produkten zu sichern. Die Biotechnologieunternehmen wiederum brauchen in der Regel das Geld der Großen, um weiter forschen zu können. Letztlich wird damit auch der Gewinn aus Biotechnologie-Präparaten in der Kasse der großen Pharmakonzerne landen. Bis es aber soweit ist, brauchen alle Beteiligten einen langen Atem. Als Beispiel soll wiederum Genentech dienen: Dort wurde schon 1985 ein sogenanntes Rezeptormolekül entdeckt, das bei einer bestimmten Brustkrebsform das Wachstumssignal überträgt. Doch erst 1998 brachte Genentech mit Herceptin schließlich das Medikament auf den Markt, das diesen Rezeptor durch eine gezielte therapeutische Antikörpertherapie blockiert. Das Warten hat sich dennoch gelohnt. Zwar hilft das Mittel nur bei einem Viertel aller Brustkrebstumoren, die Investmentbank UBS geht aber davon aus, daß das Unternehmen im laufenden Jahr mehr als 400 Millionen Dollar mit Herceptin umsetzen wird.
          Die Größe des Marktes hilft auch hier. Jedes Jahr werden mehr als eine Million neuer Fälle an Brustkrebs diagnostiziert, fast 400000 Frauen sterben jedes Jahr an der Krankheit. Und so ist es für viele Menschen schon eine gute Nachricht, wenn jüngst aus Kopenhagen zu hören war, daß sich die mittlere Form der Überlebensdauer von Patientinnen mit einer aggressiven Form von Brustkrebs durch die Kombination von zwei Krebsmedikamenten, nämlich Herceptin und Docetaxel, das vom deutsch-französischen Pharmakonzern Aventis unter dem Markennamen "Taxotere" angeboten wird, nahezu verdoppeln läßt. Mit Taxotere hat Aventis im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,26 Milliarden Euro gemacht. Jetzt stellen sich Analysten die Frage, welcher Umsatz Avastin, der Überraschung aus Chicago, zuzutrauen ist. Avastin ist ein Medikament, das dazu geeignet sein soll, den Krebstumor von der Blutversorgung abzuschneiden. Das Medikament will sich dabei zunutze machen, daß sich Tumoren neue Blutgefäße aus dem Adernetz des Körpers abzweigen müssen, um ihren Nährstoffbedarf zu stillen.
          Noch immer sind aber nicht alle Zweifel beseitigt: Avastin ist auf einen einzigen Wachstumsfaktor zugeschnitten, doch es sind noch mehr als 20 andere Faktoren bekannt, die Gefäße wachsen lassen. Wenn der Krebs auf mehrere davon zurückgreift, würde Avastin nicht seine volle Wirkung entfalten können. Die Gefahr von Rückschlägen bleibt somit groß. Und Risiko und Chance steigen, je weiter die Erprobung eines neuen Medikaments voranschreitet. Davon bleiben auch Roche und Genentech nicht verschont. So haben die Partner erst in der vergangenen Woche bei einer Studie zur Effektivität des Medikaments "Tarceva" zur Behandlung von Lungenkrebs einen Rückschlag erlitten. Die Lebenserwartung der Patienten hatte sich nicht verbessert.




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