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Pharma : Gefahr für alle Naturarzneien

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Tee trinken macht das Immunsystem fit Bild: AP

Traditionelle Naturheilmittel wie Tees, Frischpflanzensäfte, Kräutertabletten und Rotölkapseln könnten in den kommenden Jahren vom Markt verschwinden.

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          Die deutschen Reformhäuser und die betroffenen Hersteller befürchten, daß alle traditionellen Naturheilmittel wie Tees, Frischpflanzensäfte, Kräutertabletten und Rotölkapseln in den kommenden Jahren vom Markt verschwinden könnten. Grund für diese Befürchtung ist der Plan des Bundesgesundheitsministeriums, zum 1. August des laufenden Jahres alle johanniskrauthaltigen Arzneimittel unter die Apothekenpflicht zu stellen. Anlaß für diese Entscheidung waren Untersuchungsergebnisse über die Wechselwirkungen johanniskrauthaltiger Arzneimittel mit anderen Medikamenten. Nach einer Studie des Institutes für Demoskopie Allensbach haben im Jahr 2001 rund 73 Prozent der Bevölkerung Naturarzneimittel verwendet. Unter den Frauen liegt der Anteil sogar bei 79 Prozent. Allein in den deutschen Reformhäusern hatten Naturarzneimittel im vergangenen Jahr einen Anteil von 13,7 Prozent am Gesamtumsatz von 671 Millionen Euro.

          Johanniskraut ist eines der gefragtesten Naturarzneimittel. "Es wird seit Jahrhunderten auch in niedrigen Dosierungen als Tee oder Pflanzensaft bei nervlicher Belastung und Stimmungsschwankungen eingesetzt", sagt Dieter Zeh, wissenschaftlicher Leiter des Naturarzneimittelherstellers Salus-Schoenenberger im oberbayerischen Bruckmühl. Doch diesen milden, nebenwirkungsarmen Präparaten drohe nun das Aus. Nach den Worten von Zeh konnte die Unbedenklichkeit von niedrig dosierten Johanniskrautpräparaten in Studien der Uniklinik Rostock nachgewiesen werden. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten hätten sich nachweislich nur mit höher dosierten, schon heute apothekenpflichtigen Präparaten ergeben. Der Vorstoß des Bundesgesundheitsministeriums geschehe zudem gegen das Votum des vom Ministerium selbst berufenen Sachverständigenausschusses für Apothekenpflicht.

          Das Ende für alle traditionellen Präparate befürchten Zeh und die Neuform Vereinigung Deutscher Reformhäuser, weil ein vereinfachtes Zulassungsverfahren für traditionelle Arzneimittel nach der Unterstellung unter die Apothekenpflicht nicht mehr zulässig wäre. Johanniskraut würde dann wohl kein Einzelfall bleiben. Nach der Ansicht von Neuform bedeutet dies, daß Verbraucher künftig keine andere Wahl mehr haben werden, als auf die höher dosierten Präparate aus der Apotheke zurückzugreifen, ungeachtet von Neben- oder Wechselwirkungen. "Einerseits wird zu mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung aufgerufen, andererseits werden dem Verbraucher traditionelle Naturarzneien für eine milde und natürliche Selbstmedikation entzogen", wird Neuform-Vorstand Erwin Perlinger zitiert. Für den Erhalt der Freiverkäuflichkeit von niedrig dosierten Johanniskrautpräparaten wird es deshalb im Juni in allen 2200 deutschen Reformhäusern eine Unterschriftensammlung geben.

          Der gesamte Markt für Johanniskrautpräparate hat im Jahr 2000 bei 137 Millionen Euro gelegen, wovon auf apothekenpflichtige Präparate 77,4 Prozent entfielen. In anderen Ländern, zum Beispiel in Belgien und den Vereinigten Staaten, sind Johanniskrautzubereitungen im Lebensmittelhandel erhältlich, die nach derzeitiger Rechtslage in Deutschland apothekenpflichtig sind. (Kno.)

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