https://www.faz.net/-gqe-nm75

Pharma : "Die Pharmaindustrie wird zu sehr als Kostenverursacher betrachtet"

  • -Aktualisiert am

Igor Landau: „Feindliche Übernahmen machen keinen Sinn” Bild: Wonge Bergmann

Die europäischen Staaten liefern sich einen Wettbewerb um die schlechtesten Standortbedingungen, warnt Igor Landau, Vorstandsvorsitzender von Aventis, im F.A.Z.-Gespräch. „Woanders sind wir willkommener.“

          4 Min.

          Auch große Pharmakonzerne können überschaubar sein: 15 Produkte und diverse Impfstoffe sorgen bei dem 1999 aus dem Zusammenschluß von Hoechst und Rhône-Poulenc entstandenen Unternehmen Aventis für einen Kernumsatz von zuletzt 17,6 Milliarden Euro im Jahr. Mit einem dieser Präparate, dem Medikament "Lantus" zur Behandlung der Volkskrankheit Diabetes, verbindet Aventis-Vorstandsvorsitzender Igor Landau besondere Hoffnungen: "Mit Lantus werden wir schon in zwei bis drei Jahren 1 Milliarde Euro im Jahr umsetzen". Das würde bedeuten, daß das Medikament zu jenem Zeitpunkt den Status eines sogenannten "Blockbusters", also eines Verkaufsrenners, erreicht. Die längerfristigen Perspektiven sind noch glänzender: "Ich kann mir auch ein Vielfaches davon vorstellen", sagt Landau geradezu euphorisch und deutet damit in seinem Straßburger Büro sehr ehrgeizige Umsatzhoffnungen an.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Der erreichbare Markt sei tatsächlich riesig. "Auf der Welt leiden schon heute 140 Millionen Menschen an Diabetes. Diese Zahl wird in zehn Jahren auf 250 Millionen steigen", meint Landau. Lantus sei ein Medikament, das die Lebensqualität der Diabetes-Patienten erheblich verbessern könne. Bei Diabetes, einer Krankheit, die im Volksmund Zucker genannt wird, ist der Körper nicht in der Lage, ausreichend Insulin zu produzieren oder zu verarbeiten, um den Blutzuckerspiegel unter Kontrolle zu halten. Häufig werden Diabetes-Kranke auf diese Veränderung im Köper nur schlecht eingestellt, wodurch das Risiko von Komplikationen beträchtlich steigt. Lantus sorgt dafür, daß eine einzige Spritze des Medikaments über eine Zeitspanne von 24 Stunden hinweg dazu führt, daß der Körper stets die notwendige Grundversorgung an Insulin hat.

          "Von Juni an haben wir ausreichend Produktionskapazität, um Lantus in allen großen Märkten einzuführen", sagt Landau. Danach gelte es, Ärzte und Patientenverbände von den Vorteilen der neuen Behandlungsmethode zu überzeugen. Es sind neuere Produkte aus strategischen Indikationsgebieten wie eben Krebs und Diabetes, die es Aventis möglich machten, in der überschaubaren Zukunft den Gewinn je Aktie prozentual weiterhin doppelt so schnell wie den Umsatz zu steigern. Das gilt in der Einschätzung des Aventis-Chefs, obwohl der Pharmamarkt insgesamt unter immer stärkeren Druck gerät. Die Gleichung gehe auf, weil neue Aventis-Präparate zu sehr viel höheren Preisen verkauft werden können als die älteren Medikamente. Landau rechnet im laufenden Jahr für die gesamte Pharmabranche mit einem Umsatzzuwachs von 6 bis 8 Prozent. "Und in diesem und im nächsten Jahr werden wir nur noch so schnell wie die Branche wachsen." Im Jahr 2002 hatte das Wachstum im Kerngeschäft noch 11,6 Prozent betragen.

          Die Gewinnmarge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, die zuletzt bei 25,6 Prozent gelegen hat, soll aber trotz des gebremsten Umsatzwachstums wiederum um 2 Prozentpunkte steigen. Nach den Worten von Landau gelten diese Planungen bei einem Wechselkurs von 1,08 bis 1,10 Dollar je Euro. Seine zur Zielerreichung so wichtigen Diabetesmedikamente entwickelt und produziert Aventis zu einem wesentlichen Teil in Frankfurt-Höchst, wo das Unternehmen in den vergangenen drei Jahren insgesamt rund 800 Millionen Euro investiert hat. "Das ist mehr als die ehemalige Hoechst AG dort jemals über dieselbe Zeitspanne hinweg für ihre damals 16 Divisionen investiert hat", sagt Landau. Ob Aventis in Deutschland auch in Zukunft weiter so viel Geld zum Ausbau und zur Modernisierung von Produktion und Forschung und Entwicklung ausgeben wird? "Das ist eine offene Frage", sagt Landau - und kommt plötzlich zu einem Thema, das ihn offensichtlich sehr bewegt, denn die ohnehin schon tiefe Stimme des 58 Jahre alten Managers und "Gitanes"-Rauchers wirkt nun noch eindringlicher.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Annegret Kramp-Karrenbauer : Sie setzt alles auf eine Karte

          Sollte die Verteidigungsministerin einmal Kanzlerin sein, wird sie für den Mut gepriesen werden, den sie mit ihrem Syrien-Vorstoß beweist. Sollte sie es nicht werden, wird der Vorschlag ein Beispiel dafür sein, dass sie sich übernommen hat. Eine Analyse.
          Die erste Eiskunstläuferin der Vereinigten Arabischen Emirate: Zahra Lari

          Frauen aus den Emiraten : Ihr braucht uns nicht zu retten!

          Auch wenn der Westen es kaum bemerkt: Am Golf verbessert sich die Stellung der Frau in kleinen Schritten: Fünf Beispiele aus den Vereinigten Arabischen Emiraten – über Träume, Vorbilder, Pflichten und Ängste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.