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Pharma : Die deutsche Pharmaindustrie in der zweiten Liga

Standort Deutschland nur Mittelmaß Bild: dpa

Die deutsche Pharmaindustrie hat ihren Status als Apotheke der Welt längst abgegeben. Die Musik spielt in Amerika. Die Konsolidierung der Branche hat vor allem in der Forschung keine großen Fortschritte gebracht.

          6 Min.

          Die Rechnung ist einfach und besonders für die forschende Pharmaindustrie politisch gefährlich: Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen sind in Deutschland von 14,6 Milliarden Euro im Jahr 1991 auf 23,4 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gestiegen. In der Pharmabranche sind andererseits Gewinnmargen im hohen zweistelligen Prozentbereich üblich. Daß sich die Hersteller von Medikamenten immer neuen Sparversuchen durch Gesundheitspolitiker erwehren müssen, erscheint da nur folgerichtig.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Ein Blick auf die Tabelle der größten Pharmaunternehmen der Welt zeigt aber, daß die Sparanstrengungen der Gesundheitspolitik schon in der Vergangenheit einen für die deutsche Wirtschaft höchst unerwünschten Nebeneffekt hatten: Sie haben mit dafür gesorgt, daß Deutschland in die zweite Liga der Pharmaindustrie abgestiegen ist. "Unseren früheren Platz als ,Apotheke der Welt' haben wir über die Jahre verloren und damit deren Beitrag zum Bruttosozialprodukt durch Exportüberschüsse aufgegeben", schrieb Rolf Krebs, Sprecher der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim, jüngst in einem offenen Brief an das Bundesministerium für Gesundheit. Die Hersteller von Nachahmerpräparaten (Generika) hätten zwar eine Blüte erlebt. Doch verhindere die auch für diese Präparate nicht existierende freie Preisbildung die Ausschöpfung der Möglichkeiten, die der Generika-Markt zum Kostenabbau im Gesundheitswesen leisten könnte.

          Vorteilhafte Standortfaktoren in Amerika


          Zwar wurde die schlechte Entwicklung in Deutschland durch vorteilhafte Standortfaktoren in den Vereinigten Staaten begünstigt. Doch ist die staatliche Gesundheitsfürsorge der Hauptabnehmer für Medikamente und hat damit unmittelbaren Einfluß auf die Attraktivität des Standorts. Zudem haben die lange geltenden Beschränkungen für bio- oder gentechnologische Anwendungen aller Art deutsche Forscher in großer Zahl zum Umzug in die Vereinigten Staaten veranlaßt. "Die Versäumnisse der achtziger und frühen neunziger Jahre führten nicht nur zu einem relativ unterentwickelten Biotechnologiesektor, sondern beschädigten die gesamte Industrie nachhaltig", heißt es bei der Landesbank Rheinland-Pfalz.

          Die Vereinigten Staaten hingegen betreiben mit viel Geld Industriepolitik: Die "National Institutes of Health" (NIH) sind in Amerika für die bundesstaatliche Forschungsförderung der Medizin zuständig und hatten 2002 ein Budget von 23 Milliarden Dollar. Der Haushalt des Bundesministeriums für Forschung und Bildung beträgt insgesamt 8 Milliarden Euro, wovon weniger als 1 Milliarde Euro der Medizin zugute kommen. Die deutschen Ärzte wiederum sind durch die staatlichen Eingriffe auch bei der Verschreibung von Medikamenten zurückhaltend geworden. Deshalb werden nach Ansicht der Pharmaindustrie zu wenige moderne Medikamente verschrieben, wodurch hohe Folgekosten entstehen können. Unter anderem führe dieses Verhalten der Ärzte dazu, daß nur ein Viertel der Deutschen einen korrekt eingestellten Blutzuckerspiegel hat.

          Die Aussichten für die Branche sind demnach zwiespältig. Zum einen wird die Bevölkerung in den Industrienationen immer älter, und die Zahl chronischer Krankheiten, die durch Medikamente behandelt werden müssen, nimmt zu. Zum anderen wird das Gesundheitswesen nicht nur in Europa immer weniger finanzierbar, während die Branche unermüdlich darauf hinweist, ihre nur auf den ersten Blick teuren Produkte könnten wegen Einsparungen bei den Folgekosten erheblich zur Kostendämpfung beitragen.

          Stetiges Wachstum

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