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Pharma : "Der Pharmastandort Deutschland wird weiter zurückgeworfen"

Nikolaus Schweickart: „Die deutsche Pharmaforschung steht unter massivem Druck.” Bild: dpa

In dem von Regierung und Opposition erzielten Konsens zur Gesundheitspolitik sieht der Chef des Pharma- und Chemiekonzerns Altana, Nikolaus Schweickart, eine immense Belastung für den Forschungsstandort Deutschland.

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          Das Kostensenkungsprogramm im Gesundheitswesen ist für den Chef des Pharma- und Chemiekonzerns Altana eine weitere Belastung für den Forschungsstandort Deutschland und eine verpaßte Chance. "Es kann überhaupt keine Rede davon sein, daß die Pharmaindustrie hier glimpflich davongekommen ist", nimmt Nikolaus Schweickart im Gespräch mit dieser Zeitung erste Kritik an dem Reformvorhaben auf. Tatsächlich bestrafe das Programm einmal mehr die wenigen, in Deutschland noch verbliebenen forschenden Pharmahersteller.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          "Die 1996 eingeführte Patentschutzklausel zum Schutz der innovativen Pharmaindustrie wird mit den geplanten Regelungen wieder rückgängig gemacht", sagt Schweickart. "Damit sollten damals auch internationale Investoren nach Deutschland gelockt werden; jetzt wird das Gegenteil erreicht." Dabei sei ein sicheres Patentrecht für Forschungsarbeiten, die bis zur Markteinführung eines Medikaments im Durchschnitt 750 Millionen Euro kosteten, unerläßlich. "Die geplanten dirigistischen Maßnahmen führen dazu, daß der Forschungsstandort Deutschland weiter zurückgeworfen wird."

          "Wir sind schließlich keine Vaterlandsverräter"

          Schweickart droht nicht damit, die in Konstanz ansässige Altana-Forschung aus Deutschland abzuziehen. "Wir sind schließlich keine Vaterlandsverräter." Doch fehle den Politikern der Blick für die langfristigen Auswirkungen ihrer Beschlüsse. Denn schlimm sei es nicht nur, wenn bestehende Standorte geschlossen würden, sondern auch, wenn keine neuen Investitionen in Deutschland erfolgten. "Die deutsche Pharmaforschung steht unter massivem Druck und wird nun weiter geschädigt." Jedenfalls werde Altana seine Forschung Schritt für Schritt internationalisieren, analog zur Präsenz auf den einzelnen Märkten. "Die Reformvorschläge belasten die deutsche Pharmaindustrie im kommenden Jahr über die vorgesehenen Zwangsrabatte unmittelbar mit Zusatzkosten von 1 Milliarde Euro." Eine weitere Milliarde Euro falle wahrscheinlich mittelbar an, unter anderem wegen der vorgesehenen Regelungen für rezeptfreie Medikamente.

          "Das ist Geld, das für Investitionen künftig nicht mehr zur Verfügung steht." Und ob die Reformen auf der anderen Seite nun tatsächlich zu Einsparungen von 7 Milliarden Euro führten, sei unter Branchenkennern mindestens umstritten. Für Altana beziffert Schweickart die zusätzlichen Kosten für 2004 auf rund 20 Millionen Euro. "Doch erwirtschaften wir, in diesem Fall glücklicherweise, schon mehr als 80 Prozent unseres Pharmaergebnisses und -umsatzes im Ausland. Die Auswirkungen auf den gesamten Konzern sind deshalb überschaubar."

          Pharmaforschung am Scheideweg

          Grundsätzlich befänden sich von den 130 Forschungsstätten, die die großen Pharmaunternehmen auf der Welt betrieben, nur noch zehn in Deutschland. "Das waren vor 20 Jahren noch deutlich mehr." Die heutigen Rückschläge sind nach Ansicht von Schweickart besonders bedeutend, da die Pharmaforschung zur Zeit an einem Scheideweg stehe. Die Forschungsarbeiten verzahnen immer stärker die Arbeit von Chemikern, Biologen und Bioinformatikern. Deshalb bildet sich nach Ansicht des Altana-Chefs heute die Infrastruktur für die sehr viel modularere Pharmaforschung der Zukunft.

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