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Pharma : Auch Medikamente werden in großem Stil gefälscht

Für die Fälschung von Medikamenten braucht man nicht viele Zutaten. Gefälschte Pharmazeutika sind deshalb längst ein großes Problem.

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          Für die Fälschung von Medikamenten braucht man nicht viele Zutaten. Gefälschte Pharmazeutika sind deshalb längst ein großes Problem: Nach den Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind in einigen Ländern Südostasiens, Lateinamerikas und Westafrikas mehr als 70 Prozent aller erhältlichen Arzneimittel gefälscht. In Nigeria hat es 1990 Meldungen über einen Hustensaft mit giftigem Lösungsmittel gegeben, in Mexiko wurden 1991 Brandsalben mit Sägemehl-Zusatz verkauft, Tabletten mit Backpulver-Beimischung waren 1993 in der Türkei erhältlich, ein gefälschter Fiebersirup 1996 in Haiti und minderwertige Malaria-Präparate 1998 in Kenia.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Der internationale Verband der Arzneimittelhersteller geht davon aus, daß 7 Prozent aller auf der ganzen Welt gehandelten Medikamente Fälschungen sind, wobei Europa, Nordamerika oder auch Japan von diesem Phänomen bisher in viel geringerem Ausmaß betroffen sind. Doch auch für Deutschland ist eine Gefährdung durch Arzneimittelfälschungen nicht auszuschließen, zumal über deutsche Freihäfen schon unterdosierte Medikamente verschifft worden sind, in deutschen Apotheken gefälschte Arzneimittel entdeckt wurden und ein von Niederbayern aus agierender Ring von Anabolika-Fälschern ausgehoben wurde.

          "Pharmahersteller müßten daher ein großes Interesse daran haben, ihre Verpackungen fälschungssicher zu machen", sagt Manfred Witzstrock, Vorstandschef der Alcan Packaging Singen GmbH in Singen am Bodensee. Doch ist das Problembewußtsein der potentiellen Kunden von Anbietern fälschungssicherer Pharmaverpackungen offenbar nicht so ausgeprägt, wie es der Aluminiumhersteller gerne sähe. "Der Anteil der fälschungssicheren Produkte an unserem Gesamtumsatz mit Pharmaverpackungen liegt bei unter 10 Prozent", räumt Witzstrock im Gespräch mit dieser Zeitung ein. Manchmal werde die Gefahr lieber verschwiegen, würden gefälschte Medikamente eher aufgekauft, als daß aktiv etwas gegen die Möglichkeit zur Fälschung unternommen werde. Witzstrock warnt unterdessen vor der möglichen neuen Gefahr, die der Verkauf von Medikamenten über das Internet mit sich bringe - und Fälschern eine Tür in bisher geordnete Vertriebskanäle für Medikamente öffnen könnte.

          Gelangt eine Fälschung zum Patienten, können die Folgen jedenfalls katastrophal sein. "Wenn es sich bei der Fälschung nur um reinen Traubenzucker handelt, ist man im Zweifelsfall noch gut dran", sagt Werner Hammon, der bei Alcan Packaging die Forschung und Entwicklung leitet. Denn nur 5 Prozent der Fälschungen sind perfekte Kopien; sie unterscheiden sich höchstens in der Farbe, aber nicht im Inhalt. Bei 19 Prozent der Plagiate ist hingegen viel zuwenig Wirkstoff enthalten. 60 Prozent der Medikamente sind überhaupt keine, sondern sogenannte Placebos, also wirkungslose Pillen, die zudem häufig noch verunreinigt sind. "Gefahren gibt es in allen Ländern, in denen das System der kontrollierten Verteilung von Medikamenten durchbrochen ist", sagt Hammon.

          Pharmaunternehmen müssen durch die Fälschungen vor allem eine Rufschädigung hinnehmen. Die direkten wirtschaftlichen Schäden liegen nach sehr groben Schätzungen, denn die Branche ist mit Informationen zu dem Thema sehr zurückhaltend, zwar bei mindestens rund 1 Milliarde Dollar im Jahr. Doch fällt dies angesichts der Gesamtgröße des Marktes nicht weiter ins Gewicht. Die Gewinnmöglichkeiten für die Fälscher sind hingegen immens - und das bei einem sehr geringen Risiko. Denn selbst im deutschen Arzneimittelrecht und auch im Strafrecht kommt der Begriff der Medikamentenfälschung nicht vor. "Das ist eine Lücke", sagt Witzstrock.

          Trotz der vor diesem Hintergrund bisher noch verhaltenen Nachfrage aus der Industrie hat Alcan nach seinen Worten vor zehn Jahren damit begonnen, fälschungssichere Verpackungen zu entwickeln und anzubieten. Dabei können sich die Kunden für unterschiedliche Sicherheitsstufen entscheiden. Zum einen gibt es sofort sichtbare Sicherheitskennzeichen wie auf Banknoten, die Ergebnis spezieller Druckverfahren sind. Zudem werden nur unter ultraviolettem Licht lesbare Drucke eingesetzt, die ausschließlich mit Hilfsmitteln zu erkennen sind. Der höchste Entwicklungsschritt sind zur Zeit verdeckte Sicherheitsmerkmale, die kundenspezifisch entwickelt werden und nach den Worten Hammons in ihrer Nachweisbarkeit an die Grenzen der Physik und der Chemie stoßen.

          Alcan Packaging ist bei den sogenannten Aluminium-Blister-Verpackungen für Pharmazeutika, wie Hammon und Witzstrock sagen, mit einem Anteil von rund 80 Prozent Weltmarktführer. Fälschungssichere Verpackungen liefert der Konzern Kunden auf der ganzen Welt. Doch gebe es durchaus ernstzunehmende Wettbewerber. Zu diesen dürften wohl auch inhabergeführte Unternehmen wie die Hueck Folien GmbH & Co. KG aus der Nähe von Weiden zählen, das Pharmaunternehmen ebenfalls vom Sinn fälschungssicherer Verpackungen überzeugen will. Hueck wirbt jedenfalls unter anderem mit seiner Verpackung für das Produkt "Novalgina" des französisch-deutschen Aventis-Pharmakonzerns, dessen banknotenähnliche Sicherheitsausstattung ein Hologramm und weitere grafische Elemente umfasse.

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