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Pflegenoten : Wie misst man die Qualität eines Pflegeheims?

Im hohen Alter werden auch alltägliche Dinge schwierig: Ein Pflegeheim-Bewohner hält sich an seinem Rollator fest, während er die Tür aufmacht. Bild: dpa

Die Benotung von Heimen funktioniert nicht. Forscher basteln an einem neuen System. Doch damit würde es viel komplizierter werden.

  • -Aktualisiert am

          Einen Platz in einem Pflegeheim zu bekommen ist für viele Patienten und ihre Angehörigen nicht einfach. Noch viel schwerer fällt es ihnen, die Qualität eines Heims einzuschätzen. Zwar weisen viele Einrichtungen „Pflegenoten“ aus, doch weil sie fast alle irgendwo zwischen 1,2 bis 1,5 liegen, sind sie kaum aussagekräftig. Der Gesetzgeber will das ändern. Deshalb wurden Wissenschaftler beauftragt, Vorschläge für eine neue Qualitätseinstufung der Heime zu erarbeiten und zu überlegen, wie man die Ergebnisse verständlich darstellen kann.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das Resultat ist ernüchternd: Statt wie bisher auf eine Art Schulnote zu vertrauen, müssten sich die Interessenten künftig durch 25 Seiten voller interner und externer Indikatoren zur Qualitätsmessung durcharbeiten. „Das ist nicht verbraucherfreundlich“, moniert der Pflege-Vorstand im Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung, Gernot Kiefer. Gute und schlechte Qualität in der Pflege müsse für jeden einfach zu erkennen sein. „Das muss für alle Beteiligten der Gradmesser sein“, sagt Kiefer.

          Er schlägt deshalb vor, dass der Ausschuss, in dem alle Pflegebranchen vertreten sind, Kommunikationsfachleute beauftragt, einen Vorschlag für eine „zeitgemäße und nutzerfreundliche Online-Suche“ zu machen. Alternativ böte sich an, dass die Pflegekassen selbst solche Online-Angebote auf Basis der Pflegedaten gestalteten. Dazu sei aber eine Gesetzesänderung notwendig.

          „Massive Gefahr einer Desinformation“

          Auch wenn Kiefer und der Medizinische Dienst des Spitzenverbands die Vorschläge der Wissenschaftler im Kern loben, so haben sie doch im Detail einiges auszusetzen. Unter anderem sind ihnen die Bewertungen für die Qualität der Pflege nicht scharf genug. Kiefer sieht sogar die „massive Gefahr einer Desinformation“ von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen.

          Der Grund dafür liegt in der Art der Messung der Qualität in den Heimen. Die Gutachter unterscheiden zwischen Defiziten im Pflegeprozess und im Ergebnis der Pflege. Wenn etwa ein Bewohner mit chronischen Schmerzen kein Mittel dagegen bekommt oder wenn er vom langen Liegen wund geworden ist, dann ist das das Ergebnis einer defizitären Pflege. Reagiert das Heim dagegen nicht darauf, dass ein Bewohner immer weniger isst und trinkt, dann ist das ein Defizit im Pflegeprozess. Anders als die Gutachter wollen Kiefer und der Chef des MDS, Peter Pick, dass Defizite im Ergebnis der Pflege schärfer in die Endbewertung eingehen als Defizite im Pflegeprozess. Da müsse noch nachgearbeitet werden.

          Grundsätzlich soll die Qualitätsbewertung der 12.000 Heime künftig auf zwei Pfeilern ruhen. Der erste ist die standardisierte Auswertung von Routinedaten, die die Pflegekräfte eingeben müssen. Dazu gibt es 15 Indikatoren in zehn unterschiedlichen Themenbereichen wie Mobilität und Selbständigkeit. Diese werden jedes halbe Jahr bei allen Bewohnern aller Einrichtungen in Deutschland erhoben. Darüber wird ein Durchschnittswert gebildet. An der in fünf Stufen gemessenen Abweichung des einzelnen Hauses vom Bundesdurchschnitt soll dann die Qualität seiner Arbeit ersichtlich werden.

          Die zweite Qualitätsmessung wird vom Medizinischen Dienst durchgeführt. Er prüft nach Voranmeldung von einem Tag die Versorgung von neun zufällig ausgewählten Bewohnern eines Hauses. Themen hier sind beispielsweise die Hilfe bei Essen und Trinken, Bewegung, Körperpflege, Wundversorgung, beim Sehen und Hören, der Beschäftigung über den Tag und der Kommunikation. Am Ende dieser externen Qualitätsprüfung, die einmal im Jahr stattfindet, stehen dann „keine“, „moderate“, „erhebliche“ oder – im schlechtesten Fall – „schwerwiegende“ Qualitätsdefizite.

          Für die Umsetzung und Nachbesserung der Vorschläge bleibt dem Steuerungsgremium „Qualitätsausschuss Pflege“ nicht mehr viel Zeit. Im Herbst kommenden Jahres soll das neue Bewertungssystem, das kein Benotungssystem mehr sein soll, nach dem Willen des Gesetzgebers in Kraft treten. Anfang 2020 dürften die ersten externen Prüfergebnisse vorliegen, sagte Pick. Allerdings wird man auf die Veröffentlichung der intern in den Heimen erhobenen Daten länger warten müssen. Bisher sollten den Einrichtungen „zum Einschwingen auf das neue System“ zwei Durchläufe ohne Veröffentlichungspflicht gewährt werden. Demnach würde es aber bis 2021 dauern, bis alle Qualitätsdaten bekanntgegeben würden.

          So lange will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nicht warten. Derzeit wird im Bundestag eine Gesetzesänderung debattiert. Demnach soll das Ergebnis des zweiten Durchlaufs mit den Routinedaten früher als bisher bekanntgegeben werden – das wäre dann im Herbst 2020.

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