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Pferdefleischskandal : Darf’s ein bisschen mehr sein?

  • -Aktualisiert am
Dominiert den Markt: Schlachtriese Tönnies

So würden sicher auch andere Branchen gern ihre Preise regeln. Aber das Kartellamt würde allen Autobauern oder Süßwarenfirmen, die solche Absprachen treffen, kräftig auf die Finger schlagen. Die Fleischwirtschaft genießt eine Sondererlaubnis.

Dem Verbraucher hilft all dies nicht. Denn was nützt ein transparenter Schlachtpreis, wenn Preise und Rabatte zwischen Schlachtern und Lasagne-Herstellern oder Händlern verborgen bleiben?

Überlebenskämpfer sind anfällig für Betrug

Die wichtigste Stufe der Preisbildung findet ohnehin zwischen Supermarkt und Kunde statt. „Der Fleischpreis, den Verbraucher an der Supermarkt-Theke vorfinden, hat wenig zu tun mit dem Preis, zu dem der Händler eingekauft hat“, sagt Tim Koch von der unabhängigen Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) in Bonn. „Fleischpreise sind Lockpreise.“ Oft köderten die Ketten ihre Kunden in Prospekten mit Hackfleischpreisen weit unter Einkaufspreis - und holten sich die Differenz über andere Produkte zurück. Diese Mischkalkulation macht für den Kunden endgültig undurchschaubar, wie gut teures oder billiges Fleisch ist. Günstiges „Lockfleisch“ kann exzellente Qualität haben, ein teures Fertiggericht mit bulgarischen Kleppern gepanscht worden sein.

Wirkungslos ist der Preiskampf im Supermarkt aber nicht: Er hat fatale Folgen für die Fleischwirtschaft. „Die ständige Unterbietung schadet der gesamten Branche“, sagt Tim Koch. „Auf jeder Stufe kämpfen Anbieter um ihre Existenz.“ Das gelte vor allem für Erzeuger. Immer mehr kleine Mastbetriebe kapitulierten. Beispiel Schweinefleisch: Im November 2010 zählte AMI noch 32.000 Betriebe mit Schweinehaltung. Ein Jahr später waren es noch 30.900 Betriebe. Vergangenes Jahr schrumpfte die Zahl auf 29.800. Längst dominieren Riesen wie Tönnies oder Westfleisch die Hälfte des Marktes. Ein Ende der Konzentration ist noch nicht absehbar. Und eins ist sicher: Wer ums Überleben kämpft, ist anfällig für Betrug.

Wenn aber teuer nicht besser ist, fragen sich Verbraucher, ist wenigstens Bio besser? Auch hier streiten die Experten. Verteidiger der Industriehaltung argumentieren, dass frei laufende Hühner und ungeimpfte Schweine öfter krank seien. Kontrolleur Müller sagt, dass kleinere Anbieter, wie es sie in der Bio-Sparte häufig gibt, nicht unbedingt feiner sind. „Große Schlachter und Händler leisten sich Abteilungen mit Spezialisten für Kontrollen.“ Skandalprodukte bei Real oder Aldi beträfen zwar mehr Menschen, würden aber auch eher entdeckt, als die gepanschte Lasagne des Metzgers um die Ecke.

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