https://www.faz.net/-gqe-8wyb3

Pfandsystem : Die Bierflaschen-Krise

  • Aktualisiert am

Standard-Bierflaschen könnten künftig abgenutzter aussehen. Bild: dpa

Das Bierflaschen-System steht auf der Kippe. Die Flaschen werden immer individueller. Ist das nur Marketing? Nein, es gibt einen anderen Grund.

          So war es früher: Praktisch alle Bierflaschen sehen gleich aus, auch wenn unterschiedliches Bier drin ist. Im Pfandsystem wechseln die Flaschen von Brauerei zu Brauerei hin und her. Doch das ändert sich.

          Große Brauereien in Deutschland setzen immer häufiger auf individualisierte Flaschen. Immer mehr Flaschen können nur noch von einzelnen Brauereien befüllt werden – schließlich will keine Brauerei ihr Bier in der speziellen Flasche eines Konkurrenten abfüllen. „Die individualisierten Flaschen sind dem Mehrweg-System damit quasi entzogen“, sagt Detlef Projahn, Präsident des Verbands Private Brauereien und Chef der Vereinsbrauerei Apolda in Thüringen. Das Sortieren der Pfandflaschen wird vom Getränkefachgroßhandel mit speziellen Maschinen übernommen, einige Brauereien sortieren die verschiedenen Flaschen aber auch selbst aus ihren Kästen heraus. Bezahlt wird die Sortierleistung in beiden Fällen von den Brauereien.

          Der Aufwand werde immer größer: „Es gibt einen klaren Trend hin zur individualisierten Flasche“, sagt Thomas Fischer, Leiter des Bereichs Kreislaufwirtschaft der Deutschen Umwelthilfe. 30 Prozent der Flaschen, die in den Kästen der Apolda-Brauerei angeliefert werden, seien inzwischen Fremdflaschen, schätzt Projahn. „Statt früher drei Leuten müssen bei uns nun fünf Mitarbeiter die Flaschen sortieren.“

          Für die kleinen Brauereien steigen die Kosten

          Speziell bei kleinen Brauereien verursacht das höhere Kosten, denn nach der Sortierung müssen die Brauereien die für sie unpässlichen Flaschenformen wieder loswerden. Projahn erklärt das Problem anhand seiner Brauerei: „Ich verkaufe jede Woche rund 26.000 Pfandflaschen, die ich selbst bei der Abfüllung nicht gebrauchen kann.“

          Die Käufer sind in diesem Fall Firmen, die sich auf das Sortieren und Beliefern der Brauereien mit passenden Pullen spezialisiert haben. Das Problem: Während die Brauerei bei der Rückkehr der Flasche die acht Cent Pfandwert zahlen musste, erhält Projahn beim Weiterverkauf der falschen Flasche an ein Sortierunternehmen nur rund drei Cent dafür – und macht allein durch den unrentablen Verkauf nach eigenen Angaben jede Woche 1300 Euro Verlust.

          Die große Vielfalt: Bierflaschen im Hopfenmuseum in Wolnzach.

          Der Trend zur individualisierten Flasche hat zudem eine unangenehme Folge für die Verbraucher. „Die kleinen Brauereien werden in Zukunft gezwungen sein, den Pool selber zu pflegen“, sagt Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Bisher hätten vor allem die großen Brauereien für frisches Glas im Kreislauf gesorgt. Sollte das nicht gelingen, sehen die Flaschen in den Regalen bald immer abgenutzter aus.

          Eine Glasflasche könne zwar mehr als 50 Mal wiederbefüllt werden, aber sie trage dabei auch deutliche Spuren davon. „Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die Spanne der Wiederbefüllungen bei Glasflaschen zwischen 30 und 50 liegt, je nachdem wie viel Wert eine Brauerei auf das Aussehen der Flaschen legt“, sagt Fischer.

          Bisher haben vor allem die großen Brauereien gezahlt

          Da ist das Kernproblem: Wer zahlt für die neuen Flaschen, die immer wieder in den großen gemeinsamen Pool eingeführt werden müssen?

          Ende 2016 hat auch Krombacher eine neue 0,5-Liter-Flasche eingeführt. Prägungen im Glas machen das Gebinde unverwechselbar – und damit unbrauchbar für alle anderen Brauereien. 130 Millionen dieser Flaschen hat das Unternehmen auf den Markt gebracht. Nach groben Schätzungen des Deutschen Brauer-Bundes sind insgesamt drei bis vier Milliarden Glas-Mehrwegflaschen im Brauwesen im Umlauf.

          Eine Marketing-Maßnahme soll die Einführung der neuen Flasche nicht gewesen sein, sagt Krombacher-Sprecher Franz-Josef Weihrauch. Denn auch die Brauerei aus dem Sauerland hat Probleme mit dem bestehenden Pool. „Wir haben die neue Flasche schweren Herzens eingeführt, da es keine Einigung für einen neuen Flaschenpool gab“, sagt Weihrauch.

          Rund 60 Millionen Flaschen habe Krombacher in den Jahren 2014 und 2015 neu ins System eingespeist, um die abgenutzten Flaschen im Kreislauf zu ersetzen. Nun wollte man sich der Unterstützung anderer Brauereien versichern. Denn gerade die kleinen Brauereien profitierten von diesen Investitionen der Großen ins gemeinsame Pfandsystem. Eine Einigung kam nicht zustande - und Krombacher wählte wie viele andere Branchengrößen den eigenen Weg mit eigenen Flaschen.

          Eine langfristige Lösung hat Projahn für die kleineren Brauereien noch nicht gefunden, eine gemeinsame Poolflasche für private Brauereien sei aber schon mal in der Diskussion gewesen. „Wir wären immerhin mehr als 800 Brauereien.“ Um flexibel zu bleiben, hat der Brauerei-Chef seine Produktion in Thüringen aber zunächst auf andere, bereits existierende Flaschentypen umgestellt.

          Weitere Themen

          Das ist das teuerste Land Europas Video-Seite öffnen

          17 Euro für eine Pizza : Das ist das teuerste Land Europas

          Für eine Einzimmerwohnung in Reykjavik werden durchschnittlich 1300 Euro fällig, für eine Pizza zahlt man 17 Euro und selbst eine Flasche Bier kostet sieben Euro – das Leben in Island ist eindeutig nichts für Sparfüchse.

          Jeder Riegel eine Spende

          Start-up Share : Jeder Riegel eine Spende

          Sebastian Stricker wurde vom Berater zum Entwicklungshelfer – und gründete dann ein Unternehmen, das Konsum und Hilfe für Menschen in Not vereinen soll. Das gelingt dank mächtiger Partner.

          Topmeldungen

          Pläne der neuen Ministerin : Was die Bundeswehr braucht

          Die Streitkräfte müssen bereit und fähig für den Einsatz sein. Die bisherigen Bemühungen müssen deshalb fortgesetzt und verstärkt werden – daran wird man die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer messen.

          FAZ Plus Artikel: Forderungen der Hohenzollern : Die Selbstversenkung

          Der Prinz von Preußen fordert Werke, Wohnrecht, ein Museum. Was vordergründig wie ein Streit um Ohrensessel aussieht, ist ein Ringen um Deutungshoheit. Wurden die Hohenzollern missbraucht? Ein Gastbeitrag.

          Engpass bei Medikamenten : Wenn die Arznei nicht mehr zu haben ist

          Patienten im Rhein-Main-Gebiet bekommen immer häufiger nicht ihre benötigten Medikamente. Apotheker müssen manche Kunden aufgrund von Lieferengpässen wegschicken. Doch das Problem ist längst nicht mehr nur regional.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.