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Peter Hartz vor Gericht : Geld, Macht, Sex

Die zwei zelebrieren auf Augenhöhe die Vereinigung von Kapital und Arbeit. Der Bonus verwandelt den Gewerkschafter in den Co-Manager, von Gnaden des Managers, der eigentlich ein Gewerkschafter ist. Das ist in deutschen Unternehmen so üblich. Bei VW wird es nur ganz besonders sichtbar. „In Wolfsburg kann keine Maschine ohne Zustimmung der Arbeitnehmer verschoben werden“, registrierte der frühere VW-Chef Carl C. Hahn. Der Personalvorstand heißt Arbeitsdirektor und wird von den Arbeitnehmern bestimmt. Karl Marx hat sich das alles ein bisschen anders vorgestellt. Adam Smith auch. Nur die Deutsche Arbeitsfront (DAF) der Nationalsozialisten träumte schon in den 30er Jahren von einer derart versöhnten Betriebsgemeinschaft.

„Gebauer, wo sind die Weiber?“

Knapp zwei Millionen Euro soll Betriebsratschef Volkert aus den Konzernkassen kassiert haben, neben seinem regulären Gehalt. Zudem hat Hartz das System von Vertrauensspesen zweckentfremdet: Über Konto 1860 wurden Ferienclubs abgerechnet (vier Nächte 23 500 Euro), ein Sprachkurs für Volkerts Geliebte (8400 Euro in London), diverse Einkäufe beim Juwelier, für Geliebte wie für Ehefrauen. Immer zahlte die Kostenstelle 1860. Die Belege durfte niemand prüfen - außer Peter Hartz.

Ausgegeben hat das Geld ein Personalmanager namens Gebauer, der Lustreisen auf Firmenkosten organisiert hat. (“Gebauer, wo sind die Weiber?“) Er habe von Hartz den Auftrag gehabt, Volkert jeden Wunsch zu erfüllen, inklusive aller Bestellungen von Volkerts brasilianischer Geliebter. In den Jahren von 2000 bis 2004 hat diese - Adriana Barres - insgesamt 399 000 Euro für angebliche Dienstleistungen erhalten. Die Filme, die sie dafür gedreht haben will, hat im Konzern niemand gefunden.

Kein Gesicht hinter der Maske

„Ich bin nicht gescheitert“, sagt Peter Hartz heute. Er hat sich nichts vorzuwerfen. Er ist der gute Mensch von St. Ingbert geblieben. Das ist zugleich naiv, ehrlich und eitel bis zum Überschießen. Die Fährte, wonach durch die Rotlicht-Affäre der Mr. Jekyll hinter Mr. Hartz sichtbar geworden sei, eine Fratze hinter der Maske, führt in die falsche Richtung. Hartz hat sich nie maskiert. Es gibt gar kein Gesicht hinter der Maske. Und er hat sich dieses maskierte Äußere selbst immer abgenommen. Deshalb hat ihn der Absturz so verstört. Deshalb der unbändige Drang zur Rechtfertigung.

Und deshalb war Peter Hartz auch wie kaum ein anderer die perfekte Inkarnation des Systems VW. Er ist die Versöhnung der Gegensätze. Davon hat nicht nur VW profitiert, sondern auch die Stadt Wolfsburg (allen voran der Bürgermeister, der mit seiner Spedition die Golfs durch die Lande transportiert), der Standort (im Zweifel werden lieber in Brüssel als Wolfsburg Stellen gestrichen) und die Mitarbeiter, die mit 28-Stunden-Arbeit in der Woche zurechtkamen. Sogar die Kunden können sich nicht beschweren. Die Autos sind von erstaunlich guter Qualität. Noch nicht einmal die Aktionäre klagen.

Wer zahlt bei VW den Preis?

Win-Win. Kann es eine Welt geben, in der alle gewinnen? Gibt es einen Nutzen ohne Kosten? Der Träumer Peter Hartz hat das immer geglaubt. Jetzt zahlt er vor Gericht: mit Peinlichkeit (über Rotlicht will er nicht reden), mit Statusverlust (aus dem Erlöser wurde ein Frührentner), mit Einkommenseinbußen (ohne Abfindung haben sie ihn vom Fabrikhof gejagt) und mit dem Stigma des Kriminellen.

Und wer zahlt bei VW den Preis? Das ist noch nicht heraus. Das System der Versöhnung braucht Zeit und gönnt sich die Verschwendung. Nötige Restrukturierungen werden auf die lange Bank geschoben. Am Ende könnten alle noch einmal zahlen müssen. Kein Manager (und kein Politiker) legt sich in Wolfsburg mit der Belegschaft an. Man benutzt einander.

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