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Kein Abzug nach China : Penicillin-Hersteller bleibt doch in Europa

Österreichs Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP), Christian Pawlu (r), Sandoz-Vorstandsmitglied, und Michael Kocher, Präsident von Novartis Östterreich, geben eine Pressekonferenz zur Sicherung der Produktion von Antibiotika in Europa. Bild: dpa

Die Novartis-Tochtergesellschaft Sandoz will den österreichischen Produktionsstandort für Penicillin nun doch erhalten. In den nächsten fünf Jahren sollen 150 Millionen Euro investiert werden.

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          Cineasten wissen schon lange um die besondere Verbindung Österreichs zum Penicillin. Spielte das lebensrettende Antibiotikum doch im 1949 gedrehten Schwarz-weiß-Klassiker „Der Dritte Mann“ neben Orson Wells, einer Arzneimittelschieberbande und der Wiener Kanalisation eine Hauptrolle. Kanalführungen und das „Dritter Mann Museum“ erinnern daran. Was aber die wenigsten wissen: Österreich ist heute der letzte verbliebene Standort für die Antibiotika-Produktion in der westlichen Welt.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als würde der Schweizer Pharmakonzern Sandoz nun auch noch die Produktion in Kundl in Tirol aufgeben, so wie 2016 das vorletzte Werk in Frankfurt. Doch jetzt kommt es anders. Nachdem die österreichische Regierung die Penicillin-Produktion in Kundl zur „volkswirtschaftlich wichtigen kritischen Infrastruktur“ erklärt hatte, blieb der Standort erhalten.

          150 Millionen Euro sollen in den kommenden fünf Jahren investiert werden, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der integrierten Antibiotikaproduktion zu sichern, teilte die für das Generikageschäft zuständige Novartis-Tochtergesellschaft am Montag mit. Man wolle aktive pharmazeutische Wirkstoffe (APIs) sowie fertige Darreichungsformen (FDF) auf dem neuesten Stand der Technik und mit optimierten Prozessen herstellen.

          Keine Rede mehr von einer Abwanderung nach China, neben Indien ein wichtiger Produzent auf dem globalen Antibiotikamarkt. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Gerede, weil Verschmutzungen oder Lieferausfälle nach Unfällen sich auch bis in deutsche Arztpraxen und Apotheken auswirkten: Medikamente waren nicht verfügbar, Patienten mussten auf andere Wirkstoffe umgestellt werden. Die Corona-Pandemie hat mit der Unterbrechung von Lieferketten noch einmal ein Schlaglicht darauf geworfen. Seither wird viel über die Rückverlagerung in der Arzneimittelproduktion nachgedacht. Die Bundesregierung hat das in ihre Agenda für die EU-Ratspräsidentschaft genommen.

          Abhängigkeit in der Medikamentenversorgung wurde in der Krise sichtbar

          Österreich macht nun schon einmal Nägel mit Köpfen: Kundl statt China. Die Regierung in Wien lässt sich das 50 Millionen Euro an Forschungsförderung und neuen Investitionsprämien kosten. So hoch sind die Zuwendungen die Novartis für das Investment in Aussicht gestellt wurden. Die aktuelle Krise zeige nicht nur, dass die pharmazeutische Industrie zu den Schlüsselindustrien eines Landes zähle, sondern auch die klare Abhängigkeit bei der Medikamentenversorgung von Asien, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, sagte Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP). „Uns wurde vor Augen geführt, wie schnell wir in Abhängigkeit von anderen Ländern geraten. Daher ist unsere strategische Pflicht, Schlüsselindustrien zu sichern und Österreich resilienter zu machen.“

          Widerstandsfähiger soll die nun gefundene Lösung nicht nur den Standort machen, an dem Sandoz nun verspricht, für die nächsten zehn Jahre Penicillin zu erzeugen. „Die Sicherung einer autarken Wirkstoffproduktion in Österreich und Europa geht über den wirtschaftlichen Nutzen hinaus“, sagte Schramböck. Die starke Abhängigkeit von globalen Lieferketten in der Medikamentenversorgung für Europa habe sich insbesondere im Zuge der Corona-Krise offenbart.

          In der Wirkstoffproduktion der „weltweit wichtigsten Penicilline“ nehme das Werk, in dem mehrere hundert Leute beschäftigt sind, eine Schlüsselfunktion ein, sagte der Sandoz-Vorstandsvorsitzende Richard Saynor. „Antibiotika sind das Rückgrat moderner Medizin, und unser Werk in Kundl in Österreich ist die letzte verbliebene voll integrierte Antibiotikaproduktion in der westlichen Welt, in der sowohl die Wirkstoffe als auch Fertigformen hergestellt werden.“ Er pries die Unterstützung der öffentlichen Hand als „großartiges Beispiel für die enge Zusammenarbeit zwischen der öffentlichen Hand und dem privaten Sektor“. So würden langfristig Patienteninteressen innerhalb und außerhalb Europas gesichert. Angesichts des wechselseitigen Lobes sollte die rechtsgültige Unterzeichnung der nun gefundenen Übereinkunft bis Jahresende kein Problem bereiten.

          Potentiell lebensrettendes Antibiotikum kostet so viel wie ein Kaugummi

          Ein Problem indes bleibt. Es blieb Michael Kocher, dem Landeschef von Novartis Austria vorbehalten darauf hinzuweisen, dass die Politik für die von ihr beklagte Abwanderung der Grundstoffproduktion und jener der Nachahmerarzneimittel nach Asien mitverantwortlich sei. Denn angesichts hoher hiesiger Produktionskosten reichten die niedrigen Verkaufspreise im regulierten Pharmamarkt nicht aus.

          Um nachhaltige Preismodelle für Generika zu gestalten, brauche man eine kostendeckende Produktion. Die negative Preisspirale bei Generika müsse durchbrochen werden. „Wir sind bereits an dem Punkt angelangt, dass eine Therapie-Einheit eines potentiell lebensrettenden Antibiotikums so viel kostet wie ein Kaugummi. Das ist nicht nachhaltig.“

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