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PC-Branche : Totgesagte laufen länger

Der PC, hier der erste von IBM, hat noch nicht ausgedient - sieht heute aber moderner aus. Bild: dpa

Viele haben schon das Ende der PCs vorausgesagt - aber das lässt auf sich warten. Die Hersteller können steigende Absatzzahlen verbuchen.

          3 Min.

          Lyn Vojvodich fährt ihren Personalcomputer nur noch selten hoch. Nur wenn sie mal wieder am Schreibtisch ihres Büros in San Francisco sitzt. Das passiert nicht oft. Denn mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit ist sie unterwegs: New York, London, Schanghai. Als Vorstandsmitglied des kalifornischen Softwarekonzerns Salesforce.com hat sie ihre Arbeit immer griffbereit und bei sich. Sie öffnet die Handtasche und holt ein Smartphone heraus. Ein notizblockgroßer Alleskönner.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Bildschirm leuchtet auf, die Internetverbindung steht, Vojvodich hat alles, was sie braucht - mit einem Klick, auf einen Blick. Handy, Funknetz und Big Data machen es möglich: Informationen, Analysen; Diagramme in Balken-, Kreis- und Kurvenform. Das Smartphone sei mittlerweile ihr wichtigstes Werkzeug, sagt sie. Ihren Personalcomputer im Büro wolle sie dennoch nicht missen. Er gehört dazu - irgendwie. Damit ist Vojvodich nicht allein. PCs sind wieder im Kommen.

          Dabei wurde das „schleichende Sterben des PCs“ seit dem Aufkommen von Smartphones und Tabletrechnern sowie dem Auftritt von Steve Jobs auf der Konferenz All Things Digital im Sommer 2010 immer wieder heraufbeschworen. Hatte damals doch der Apple-Gründer einen PC mit einem kleinen Lieferwagen verglichen - wichtig, aber von nur wenigen Menschen genutzt. Im Alltag werde nach den Worten des inzwischen verstorbenen Apple-Chefs das flache Tablet Einzug halten. Smartphone, Big Data und Cloudcomputing, wie es Unternehmen wie Salesforce.com anboten, eroberten die Märkte. Der PC schien ausgedient zu haben.

          Auch Orakel können irren

          Jobs hatte mit seinen Sprüchen und Vorstellungen als Orakel der Branche gegolten. Orakel aber können auch irren oder falsch verstanden werden. Nach Jahren fallender Verkaufszahlen, schrumpfender Gewinnspannen und vollmundigen Verlautbarungen vom „Ende des PC-Zeitalter“ gibt die Branche mit ihren mausgrauen Elektronikkisten wieder Gas. Tabletrechner und Smartphones scheinen bei den Kunden nichts von ihrer Popularität und Attraktivität verloren zu haben. Der revolutionäre Geist aber verblasst, die Verkaufszahlen wachsen längst nicht mehr so schnell. Noch immer werden im Jahr mehr PCs verkauft als Tabletrechner. Totgesagte leben länger.

          Der Absatz der klobigen Rechenkisten für den Schreibtisch und die tragbaren Laptopcomputer für unterwegs zogen Ende vergangenen Jahres deutlich an. In den Vereinigten Staaten wurden nach den jüngsten Angaben des Analysehauses Gartner im Schlussquartal des vergangenen Jahres 18 Millionen PC verkauft - 13 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. In Europa gingen in den drei Monaten vor Weihnachten 26,5 Millionen Geräte über den Ladentisch. Das waren knapp 3 Prozent mehr als im gleichen Zeitraums des Vorjahres. Rund um den Globus wurden im Schlussquartal des vergangenen Jahres mit 83,7 Millionen PC-Geräten 1 Prozent mehr verkauft als im Vorjahr.

          „Das vierte Quartal 2014 war das beste in der jüngsten PC-Geschichte“, schreibt Gartner-Fachfrau Mikako Kitagawa in ihrem Bericht. Aymar de Lencquesaing, Europachef des Weltmarktführers aller Computerhersteller, Lenovo, sagte angesichts eines Absatzsprungs von mehr als 7 Prozent im Schlussquartal: „Wir wachsen in allen Bereichen und allen Regionen. Der PC war und ist über alle Modelle und Produktklassen hinweg unser wichtigstes Produkt.“ Und die großen Konkurrenten ziehen mit.

          Deutliche Zuwachszahlen bei den Herstellern

          Sie verbuchten zuletzt ebenfalls deutliche Zuwachszahlen. Während Samsung sich aus dem Markt in Europa zurückzieht, konnte die kalifornische Hewlett Packard Company im Schlussquartal 2014 den Absatz um 16 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2013 steigern. Dell gewann 9 Prozent dazu, die taiwanische Acer fast 12 Prozent und Asustek Computer zumindest noch 1 Prozent. PC sind wieder in Mode. „In den letzten Quartalen sah die Branche eine Konsolidierungswelle über sich hinwegschwappen, aus der die großen Anbieter stärker als je hervorgingen“, erklärte Chrystelle Labesque vom Marktforschungsunternehmen IDC. Diese Welle hatte Folgen.

          Europäische Hersteller spielen nach dem Rückzug von Siemens in der ersten PC-Branchen-Liga keine Rolle mehr. Die japanischen Hersteller Sony und Toshiba schmissen aufgrund fehlender Masse jüngst das Handtuch. Größe zahlt sich im margenschwachen Computer-Geschäft aus. Wer je abgesetztem Exemplar wenig verdient, muss viel verkaufen. Lenovo schwang sich nach der Übernahme der PC-Sparte von IBM binnen einer Dekade quasi aus dem Nichts zum Branchenkrösus auf, kaufte auf allen Kontinenten kleine Wettbewerber zu und warb der Konkurrenz einen Teil der besten Manager ab. Der Rest hält nun dagegen.

          Hewlett-Packard macht sich nach langem Zögern im zweiten Anlauf daran, seine Computer- mit der Druckersparte zu verschmelzen und als selbständiges Unternehmen auf den Markt zu bringen. Der texanische Rivale Dell nahm all seine Aktien von der Börse und baut den gesamten Konzern zu einem integrierten IT-Anbieter samt Big-Data-, Cloud- und Speicherservice um. Für Asus und Acer loten Analysten und Investmentbanker immer mal wieder eine Übernahme aus.

          Kein Wunder: Ein Ende des jüngsten Aufschwungs ist nicht in Sicht. Denn Microsoft will nun eine zeitgemäße Variante des Windows-Programms auf den Markt bringen. Intel arbeitet an Prozessoren, die viele dagewesene in den Schatten stellen sollen. Damit könnten Computerhersteller die Leistung ihrer Rechner deutlich erhöhen. „Wir sind nicht in der Post-PC-Ära“, schrieb Frank Shaw von Microsoft vor drei Jahren schon in einem Essay. Es sei vielmehr eine Zeit, in welcher der PC zum Zentrum durchdigitalisierter Haushalte wird. Das Herz der Heim- und Büroelektronik.

          Lyn Vojvodich sieht das ähnlich. Ihr Unternehmen hat mit zentral angeboten, Dienstleistungen rund um das Sammeln, Speichern und Auswerten von digitalen Daten zwar die Computerindustrie auf neue Entwicklungspfade gesetzt. In der Branche sprechen sie von der Datenwolke, Vojvodich spricht von Cloudcomputing. Dem Personalcomputer aber konnte das nicht vom Markt fegen. „Und das“, sagt Vojvodich, „ist ja nicht das Schlechteste.“

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