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Pauschalreisen : Meistermacher mit Zweifeln

Auslaufmodell Pauschaltourist: Strand von Arenal auf der Ferieninsel Mallorca Bild: dpa

Etwa zwanzig Millionen Deutsche buchen jährlich Urlaub im Ausland. Die Mehrheit ist mit Pauschalangeboten nicht zufrieden. Veranstalter suchen Auswege in einem Mix aus Entspannung, Erlebnis und Natur.

          3 Min.

          Sie sind die Meistermacher. Die Deutschen sind Rekordhalter im Reisen, keine andere Nation gibt so viel für den Urlaub im Ausland aus. Und die Touristiker von der TUI über Thomas Cook bis zu hin zu Alltours beanspruchen für sich, maßgeblich dazu beigetragen zu haben, dass die Deutschen ihren Rekordplatz jedes Jahr verteidigen - und immer noch vor der viel größeren Gruppe der Chinesen liegen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch die Meistermacher treibt die Sorge um, dass die Rekordhalter immer weniger auf ihre Angebote zurückgreifen, bevor sie in den Flieger gen Ausland steigen. „Ich weiß nicht, ob wir noch zwingend Reiseveranstalter brauchen“, hält Touristik-Professor Jan Mauelshagen den Meistermachern entgegen. Ein mündiger Kunde könne sich seine Wunschreise selbst zusammenstellen.

          Sommer für Sommer die gleiche Prozedur

          Noch ist es seit Jahrzehnten stets das gleiche Schauspiel. Der Ferienflieger aus Deutschland landet. Während die Neuankömmlinge ihre Koffer vom Förderband wuchten, rollen die Busse auf dem Flughafen-Vorplatz vor, um die Urlaubsgäste in Fünfziger-Gruppen zu ihren Unterkünften zu karren. Sommer für Sommer die gleiche Prozedur. Doch die Zahl der Ankommenden, die nicht mehr zu den Transferbussen marschieren, wächst. Sie verlassen sich nicht mehr darauf, dass irgendein Reiseveranstalter ihnen ein festes Paket aus Flug, Busfahrt, Unterkunft oder Tagesausflügen schnürt. Sie schlüpfen in die Rolle des persönlichen Reisemanagers und stellen sich die „ Bausteine“ ihrer Ferien auf einer Vielzahl von Internet-Seiten individuell zusammen.

          TUI-Firmenzentrale in Hannover

          Schöne neue Reisewelt - und ein florierendes Geschäft. 2011 brachen die Deutschen laut einer Untersuchung der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reise (FUR) zu fast 60 Millionen Auslandsreisen auf - zählt man Tagesfahrten dazu, waren es mehr als 90 Millionen Reisen. Für die Urlaubstage gaben sie gut 61 Millionen Euro aus, doch mittlerweile zählt nicht einmal jeder zweite Urlaub noch zu den sogenannten organisierten Reisen, die ein Veranstalter arrangiert hat. Mehr Buchungen bekommen die etablierten Pauschalreiseanbieter von Paaren über 50 Jahre, deren Kinder das Elternhaus verlassen haben. Urlauber unter 30 Jahren sind in ihrem Kundenstamm hingegen deutlich unterrepräsentiert. Es wächst eine neue Generation heran, die die pauschalen Urlaubsangebote von TUI & Co. im Reisebüro stehenlässt.

          „Es gibt viel Nachfrage, die an klassischen Veranstaltern vorbei geht“, räumt Michael Tenzer, der Deutschland-Geschäftsführer des Thomas-Cook-Konzerns, ein. Er ist mitverantwortlich für den Erfolg der Traditionsmarke Neckermann-Reisen, die vor Jahrzehnten die Keimzelle des deutschen Pauschalreisetourismus war. Beim Gipfeltreffen der Reise-Meistermacher, dem Kongress des Branchenmagazins „FVW“ in Köln, bekommt er vom Tourismus-Professor attestiert, dass viele Urlauber das einst von Josef Neckermann geschaffene Traditionsprodukt nicht mehr nutzen oder brauchen. „Früher konnte man die Reise nach Fuerteventura nur als Komplettangebot kaufen“, sagt Mauelshagen. Die Unterkunft auf der Insel war nur telefonisch zu erreichen, der Hotelier sprach nur Spanisch. Der Anbieter einer Pauschalreise hatte dabei eine „Ermöglichungsfunktion“, ohne ihn wäre der Urlauber nicht ans Ziel gekommen. Mittlerweile hätten die klassischen Veranstalter diese Funktion vielfach eingebüßt, sagt Maulshagen. Noch im vergangenen Jahr mischte er selbst im Urlaubsgeschäft mit. Im Frühjahr hat er seinen Managerposten gegen einen Lehrstuhl an der Fachhochschule Worms getauscht und blickt seitdem von außen auf die Branche.

          Entspannung, Erlebnis und Natur

          Zwei Wege gehen die Veranstalter, um auch in Zukunft Reise-Meistermacher zu blieben. Zwar kokettiert der TUI-Travel-Vizevorstandsvorsitzende Johan Lundgren damit, dass der Wandel der Branche den führenden Reiseveranstalter in Europa nur am Rande tangiert. „Wir haben unsere Strategie nicht verändert. Ich erzähle immer noch dasselbe wie vor fünf Jahren“, sagt er. Doch wenige Minuten später spricht er dann doch von „differenzierten Produkten“ und meint damit Hotels mit speziellen Konzepten, die individuell auf die Vorlieben einer Urlaubsgruppe - seien es Entspannungssuchende, Erlebnishungrige oder Naturverbundene - zugeschnitten sein sollen. Ein solches Konzept hatte die TUI vor Jahren noch nicht im Programm, heute gehören sie laut Lundgren immerhin zur „DNA der TUI“.

          Einige Wettbewerber böten bis zu 100.000 Hotels an, er wolle das richtige Hotel für einen Kunden anbieten. Was als Vorzug für den Reisenden gepriesen wird, soll sich aber auch für den Anbieter auszahlen, der so dem Wettkampf um den günstigen Preis entkommen will. Lundgrens Touristikgeschäftsführer für den deutschen Markt, Oliver Dörschuck, formuliert es so: „Geringe Preisunterschiede schaffen keine Kundenloyalität.“Mit den Konzepthotels sollen Stammkunden gewonnen werden.

          Thomas-Cook-Manager Tenzer setzt auf eine andere Strategie: „In den vergangenen Jahren sind nicht die großartig differenzierten Veranstalter gewachsen“, bilanziert er. Und auch die Konzepthotels erschienen in denselben Angebotslisten auf Internetseiten, in denen der günstigste Anbieter stets oben steht. „Wer dort nicht zu finden ist, dem nützt seine Differenziertheit nichts“, ist Tenzer überzeugt. Thomas Cook setzt daher auf eine immense Ausdehnung des Angebots. Zu den Domizilen in den Katalogen sind Tausende Unterkünfte dazugekommen, die nur im Internet oder in Datenbanken zu finden sind. Schon zur beginnenden Wintersaison machen sie 70 Prozent des eigenen Portfolios aus. Aussortierte Hotels gelangten häufig in die konzernfremden Reiseportale im Internet. Doch von diesen Buchungen profitieren die Reise-Meistermacher allerdings nicht.

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