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Outlet-City Metzingen : Vom Schnäppchendorf zur Luxusmeile

Metzingen-Romantik: Blick auf den Puma-Store Bild: picture alliance / Bildagentur H

Schuhe für 700 Euro: In Metzingen reicht Kleingeld nicht aus für die Schnäppchen. Von den 3,5 Millionen Besuchern kommen 40 Prozent aus dem Ausland – weil die Outlet-City als Touristenattraktion vermarktet wird.

          Touristin fotografiert Bäuerin mit farbenprächtigem Gemüse – ein klassisches Urlaubsmotiv. Wunderlich wirkt das, wenn die Bäuerin in der Kittelschürze Schwäbisch spricht und die Touristin eine Asiatin ist. In Metzingen ist auch das Alltag. Das 25.000-Einwohner-Städtchen am Fuß der Schwäbischen Alb hat es zu einiger Berühmtheit gebracht unter den konsumfreudigen Asiaten, Russen und Arabern. Hier finden sie große Marken zu Schnäppchenpreisen, einschließlich Fachwerkidylle und Blick auf die Weinberge. Rund 3,5 Millionen Menschen kamen allein im vergangenen Jahr nach Metzingen, knapp 40 Prozent davon kommen aus dem Ausland. Treiber dieser Entwicklung ist die Holy AG, ein Unternehmen, das kaum jemand kennt. Nun schickt sich Holy an, Metzingen noch einmal in eine andere Liga zu katapultieren: 6,5 Hektar mitten in der Stadtmitte sind neu zu überbauen, das ist beinahe noch einmal so viel wie der harte Kern der bisherigen Outlet-Ansiedlungen. Zwei Designerhotels, eine Tiefgarage, eine Hausbrauerei und ein liebevoll begrünter Abschnitt des Flüsschens Erms sind auf dem Plan zu sehen, vor allem aber: fünf Häuser für internationale Top-Marken und als vermutlich alles überstrahlendes Haupthaus mit 8000 Quadratmetern Verkaufsfläche der neue Fabrikverkauf von Hugo Boss.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Diese Marke ist letztlich die Keimzelle von allem, was heute den Ruf von Metzingen ausmacht: Hugo Ferdinand Boss, der die Realschule ohne Abschluss verlassen und danach Kaufmann gelernt hatte, gründete hier 1924 seine Schneiderei, die zunächst Arbeitskleidung herstellte, später auch Uniformen. Seine Enkel Jochen und Uwe Holy schafften den Wandel zum Nobel-Label für Herrenanzüge. Nachdem sie die Mehrheit des Modeunternehmens 1991 an Marzotto verkauften, entwickelte Hugo Boss sich immer dynamischer zur Lifestyle-Marke, während das Geld der Holys aus Metzingen ein Lifestyle-Shopping-Center ganz eigener Art machte.

          Gelegenheit beim Schopf gegriffen

          Allerdings dauerte das. Wolfgang Bauer, Vorstandschef der Holy AG, schüttelt sich, wenn er daran denkt, wie es damals war in Metzingen. Banker in Minibussen enterten den Fabrikverkauf von Hugo Boss, oft auch Studenten, die sich für ihre erste Anstellung günstig einkleiden wollten. Knarrende Holzdielen, Pressspanplatten und braune Samtvorhänge als Umkleidekabinen prägten das Bild in der alten, verwinkelten Fabrik von Hugo Boss. Die Anzüge wurden in braune Papiertüten ohne Aufschrift verpackt, und nur der rote Klebebandstreifen verriet Insidern, dass da jemand ein Boss-Schnäppchen gemacht hatte. Anfragen zum Thema wurden von dem Modekonzern stets mehr oder weniger rüde abgewiesen. „Keiner hat die Situation realisiert“, sagt Bauer. Er selbst, der seine Karriere nach dem BWL-Studium als Assistent der Holy-Brüder in der Boss-Führung startete, hatte in Amerika aber beobachtet, wie sich dort Factory-Outlets zu touristischen Anziehungspunkten entwickelten.

          Für die Holys griff der heute 50 Jahre alte Wolfgang Bauer die Gelegenheit beim Schopf, kaufte direkt neben dem Boss-Fabrikverkauf ein Areal, das mit einer ausgedienten Kartonagenfabrik und Asylantencontainern belegt war, und ließ neue, schmucke Häuser bauen, in die Escada und Bally, Wolford und Joop einzogen. Bald danach investierte Holy in noch schönere, auffälligere Häuser für Windsor und Marc O’Polo.

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