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Jetzt reiner Onlinehändler : Otto sagt „Tschüss“ zu seinem gedruckten Hauptkatalog

Der Otto-Katalog aus dem vergangenen Jahr Bild: dpa

„Unsere Kunden haben ihn suksessive selbst abgeschafft.“ – Waren und Preise des Versandhändlers lassen sich demnächst nur noch online begutachten. Damit endet auch ein Stück deutscher Geschichte.

          Für viele Menschen war der Otto-Katalog von den 1950er bis in die 1990er Jahre ein Symbol wachsenden Konsums und westdeutscher Wirtschaftskraft, wenn er dick und schwer im Briefkasten lag. Vom kommenden Jahr an wird der legendäre Katalog in der gedruckten Version Geschichte sein. Wie der Versandhändler Otto am Montag mitteilte, will das Hamburger Handelsunternehmen den Hauptkatalog im Dezember mit dem Frühjahr-/Sommer-Sortiment 2019 zum letzten Mal verschicken. Der einst dicke Wälzer pries seit 1950 Waren zur Bestellung an. Models wie Claudia Schiffer, Heidi Klum oder Gisele Bündchen zierten das Titelbild.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          „Unsere Kunden haben den Katalog sukzessive selbst abgeschafft, weil sie ihn immer weniger nutzen und schon längst auf unsere digitalen Angebote zugreifen“, sagte Bereichsvorstand Marc Opelt, als er die Entscheidung begründete. „Entsprechend sagen wir jetzt ,tschüss‘ – als letztes Zeichen einer gelungenen Transformation vom einstigen großen Katalogversender zum reinen Onlinehändler.“ Mittlerweile bestellten 95 Prozent der Kunden bei Otto digital.

          Schon seit Jahren habe der dicke, gedruckte Hauptkatalog mit einem einstelligen Prozentanteil am Gesamtumsatz von knapp 3 Milliarden Euro nur noch eine untergeordnete Rolle gespielt Mittlerweile sei Otto.de der zweitgrößte Online-Shop Deutschlands mit fast sieben Millionen aktiven Kunden. Mehr als die Hälfte aller Käufe erfolge mobil über Smartphone und Tablet, hieß es. „In Deutschland reden wir von Digitalisierung oft so, als wäre sie etwas Störendes“, sagte Opelt. „Wir bei Otto meinen dagegen: Sie ist das Beste, was uns passieren konnte.“

          Der erste gedruckte Katalog, erschienen im ersten Jahr nach der Gründung des Versands, war noch handgebunden und hatte gerade mal eine Startauflage von 300 Stück. Auf 14 Seiten mit eingeklebten Fotos wurden 28 Paar Schuhe präsentiert. Unter dem Motto „Vertrauen gegen Vertrauen“ hat Otto nach eigenem Bekunden damals als erster Versandhändler den Kauf auf Rechnung eingeführt. Das Unternehmen prosperierte und mit dem Erfolg wuchsen auch der Katalog und das Angebot. 1997 wurde der gedruckte Hauptkatalog dann erstmals komplett ins Internet gestellt.

          Der Hauptkatalog in seiner jetzigen Form sei nicht mehr zeitgemäß, stellte das Unternehmen jetzt zum Abschied fest: „Otto ist ein E-Commerce-Unternehmen und entwickelt sich zu einer online-getriebenen Plattform.“ Mit der Verbreitung des Smartphones haben auch immer mehr Kunden von Otto die digitalen Angebote genutzt. Der gedruckte Katalog wurde damit nach den 1990er Jahren zunehmend zu einem Marketinginstrument, von dem sich die Verbraucher inspirieren ließen, um nachfolgend auf otto.de zu bestellen, heißt es in der Mitteilung von Otto. Durch den Boom im digitalen Marketing sei er aber auch hier schnell ersetzt worden. Als reiner Onlinehändler sei Otto heute erfolgreicher, als es die Handelsgruppe zu Zeiten des Hauptkatalogs je hätte sein können, sagte Opelt weiter.

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