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Otto Bock im Silicon Valley : Prothesen kommunizieren mit dem Smartphone

  • -Aktualisiert am

Hightech-Prothese Bild: dpa

Künstliche Beine, Füße und Hände sind heute keine einfachen Ersatzteile mehr. Künftig sollen sie auch das Fühlen ermöglichen und miteinander kommunizieren. Ein deutscher Medizintechnikkonzern sucht das Gespräch mit Apple, Google und Microsoft.

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          Das Leid der Kriegsversehrten hatte der Orthopädiemeister Otto Bock vor Augen, als er 1919 in Berlin die erste industrielle Serienfertigung von Prothesen startete. Menschen wieder auf die Beine zu helfen ist auch heute noch das Leitbild des Familienunternehmens. Aber mit den vergleichsweise einfachen Ersatzteilen von damals haben die futuristisch anmutenden künstlichen Füße, Beine oder Hände, welche die Otto-Bock-Gruppe heutzutage fertigt, nichts mehr gemein. Allein in den vergangenen zehn Jahren seien mehr technologische Schritte in der Prothetik gemacht worden, als in den 100 Jahren zuvor, sagt der Eigentümer Hans Georg Näder, der das Unternehmen in dritter Generation führt. „Und das Innovationstempo nimmt weiter dramatisch zu.“

          Schon seit einigen Jahren unterstützen Mikroprozessoren in den Prothesen die Bewegungsabläufe. Elektroden werden in Prototypen unter der Haut an die verbliebenen Muskeln angebracht um die Steuerung der künstlichen Glieder zu verbessern. Jüngst ist das Unternehmen mit einem künstlichen Fuß an den Markt gegangen, der sich beim Laufen selbständig auf verschiedene Untergrundarten einstellt und damit auch das Tragen unterschiedlicher Absätze ermöglicht.

          Dieser technische Fortschritt „wird sich in den nächsten Jahren durch die Digitalisierung nochmals beschleunigen“, sagt Näder. Handprothesen sollen das Fühlen ermöglichen, lautet ein Ziel. „Zuerst warm und kalt, dann echtes Fühlen.“ Implantate und Prothesen sollen durch Bluetooth-Schnittstellen miteinander kommunizieren können. Vor allem aber werden künftig die Bewegungsdaten der Prothesen genau ausgelesen und zum Beispiel auf Smartphones überspielt. „Der Mobilitätsgewinn wird dokumentiert und das Versorgungsniveau kann individuell verbessert werden“, sagt Näder. Dass damit auch Krankenkassen und Versicherungen ein Werkzeug in die Hände bekommen können, um Betroffene stärker zu klassifizieren, verschweigt er nicht. „Aber diese Entwicklung lässt sich vor allem in Amerika nicht mehr aufhalten.“

          Fühlen mit künstlichen Händen

          Für den Familienkonzern mit Stammsitz im niedersächsisch-thüringischen Grenzgebiet stellt sich daher die Frage, wie die eigene Marktführerschaft angesichts eines solchen Wandels erhalten werden kann. Ein höheres Forschungsbudget ist eine Antwort, „Wir werden unsere Forschungsinvestitionen von 7 Prozent des Umsatzes in Richtung 10 Prozent bringen“, sagt Näder. Die zweite lautet, sich mit ganz neuen Spielern auf dem Medizingerätemarkt zusammenzutun oder Kooperationen wenigstens auszuloten.

          Dazu gehören zum Beispiel Hersteller sogenannter Exoskelette, also Roboteranzüge, die unter anderem für Schlaganfallpatienten entwickelt werden. Mit dem amerikanischen Unternehmen Ekso Bionics hat Otto Bock bereits eine Lizenzpartnerschaft vereinbart. Aber auch die ganzen großen Technologiekonzerne Apple, Google und Microsoft interessieren Näder. Demnächst will er für Gespräche ins Silicon Valley fahren. „Alle drei haben Gesundheits- und Medizintechnikbereiche“, sagt er. „Und wir haben sehr viel Erfahrung in der Biomechanik, deshalb kommt von dort großes Interesse an unserem Know-how.“ Und für einen Mittelständler sei es allemal besser, sich rechtzeitig zu verbünden, „bevor wir überholt werden“, fügt Näder hinzu.

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