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Ostdeutsche Wirtschaft : Vom Aktendulli zum Kleinstsportwagen

Bild: F.A.Z.

Mit Pfiff und Fördermitteln haben Automobilbau und Chemieindustrie in Ostdeutschland Erfolg. Und die Finanzierung übernimmt in Halle an der Saale auch schon einmal ein Schokoladenhersteller.

          5 Min.

          Die Sachsen fühlen sich im Kleinen ganz groß. Sie rühmen sich, für den Herren den Bierdeckel als „Faserguß-Untersetzer“ 1892 zum Patent angemeldet zu haben und für die Dame 1899 den BH, das „Frauenleibchen als Brustträger“. Den Teebeutel von 1929 verbuchen sie ebenso auf ihrem Tüftlerkonto wie die Filtertüte für den Kaffee, die sich eine Dresdner Hausfrau mit dem schönen Namen Melitta Bentz 1908 patentieren ließ.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Vielleicht weiß außerhalb der Mundart nicht jedermann, was ein Aktendulli ist. Aber benutzt haben den in Chemnitz erdachten Heftstreifen zum Ablegen gelochter Papierbündel wohl die meisten. Jetzt kommt auch der kleinste und billigste Wohnwagen aus dem Freistaat. Gemeinsam haben die Sportwagenmanufaktur Funke und Will und der Anhängerhersteller Stema einen Caravan entwickelt, der 5.555 Euro kosten soll (F.A.Z. vom 9. August).

          Entrepreneur des Jahres

          Wie pfiffig die beiden Fahrzeugbauer aus Großenhain bei Riesa sein können, haben sie schon früher gezeigt. Stema, 1951 in der DDR gegründet, hat sich seit der Wende so hochgearbeitet, daß heute jeder dritte Personenwagen-Anhänger auf deutschen Straßen aus Großenhain kommt. Rund 200 Mitarbeiter fertigen 62.000 Einheiten im Jahr, und das offenbar so erfolgreich, daß ihr Unternehmen 2004 als „Entrepreneur des Jahres“ ausgezeichnet wurde.

          Der BH kommt aus Sachsen. Hätten Sie´s gewußt?
          Der BH kommt aus Sachsen. Hätten Sie´s gewußt? : Bild: picture-alliance / dpa

          Hinter Funke und Will verbergen sich zwei Ingenieure gleichen Namens, die ebenfalls manche Anerkennung gewannen. Als erstes ostdeutsches Unternehmen haben sie den Deutschen Gründerpreis 2004 in der Kategorie „Aufsteiger“ erhalten.

          Geheime Autos unter bunten Planen

          Die beiden gebürtigen Rheinländer erfüllten sich einen Traum, als sie aus ihrer Diplomarbeit an der Fachhochschule Köln - den Entwurf eines Kleinsportwagens - einen Prototypen machten und diesen 1999 auf der Automesse IAA in Frankfurt präsentierten. Ursprünglich sollte der schnittige Flitzer mit dem Namen Yes nur als Referenzobjekt für ihre Ingenieurskunst im Fahrzeugbau dienen. Als dann der Yes selbst viele Bestellungen einbrachte, gingen Funke und Will mit ihm in die Serienfertigung.

          Dazu bezog das Unternehmen einen Hangar auf dem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen in Großenhain. Auf der Startbahn können die Testfahrer die kleinen Boliden auf bis zu 300 Kilometer in der Stunde beschleunigen. 50 Mitarbeiter bauen heute etwa ebenso viele Yes-Fahrzeuge im Jahr und eine ungenannte Zahl von geheimen Auftragsautos, die sich in der Flugzeughalle unter bunten Planen verstecken.

          Im Osten groß geworden

          6 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften die Großenhainer und bezeichnen sich seit dem ersten Jahr als profitabel. „Geboren sind wir und unsere Idee in Westdeutschland, groß geworden sind wir hier im Osten“, sagt Vorstand und Aktionär Philipp Will. Richtig wachsen soll das Projekt freilich im fernen Westen: von 2006 an will Will den Yes in den Vereinigten Staaten verkaufen und den Umsatz verdoppeln.

          Um die Expansion zu finanzieren, hat seine Gesellschaft eine fünfjährige Inhaber-Teilschuldverschreibung über 2 Millionen Euro aufgelegt. Das Skurrile daran ist, daß nicht eine Bank die Anleihe vertreibt, sondern eine Schokoladenfabrik.

          Nicht alles so festgefahren

          Nach dem Erfolg der eigenen Emission über das hauseigene Call-Center hat der Süßwarenhersteller Halloren in Halle an der Saale die Halloren Finanzdienstleistungs GmbH gegründet. Gerade einmal acht Wochen alt, verkauft das Service-Center schon die Wertpapiere für drei Unternehmen, darunter für Funke und Will zu 7,25 Prozent Jahreszins.

          „Hier im Osten geht noch was“, sagt Will, „da ist nicht alles so festgefahren“. Natürlich seien es auch die Fördermittel gewesen, die ihn nach Großenhain lockten, gibt er zu. Wer alle Subventionen nutzt, kann sich als Mittelständler in Ostdeutschland bis zur Hälfte seiner Investitionen vom Steuerzahler finanzieren lassen.

          Lange automobile Tradition

          Aber ähnlich wichtig seien ihnen die großzügige Anlage gewesen, die niedrigen Kosten, die hohe Qualifikation und Motivation der Mitarbeiter und die „lange automobile Tradition mit den wachsenden Zulieferstrukturen“.

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