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Orchester der Atomindustrie : Die Unvollendete

Goebelbecker ist seit 2006 Vorsitzender des Orchesters. Weil er auch der Karlsruher Gruppe der Kerntechnischen Gesellschaft vorsteht, bescherten seine guten Kontakte dem Orchester so manches Sponsorengeld von den Energieversorgern. Kurz nach Fukushima und kurz vor der Jahrestagung 2011 stellte Goebelbecker seinem Orchester das erste Mal die Frage, ob sie noch weiterspielen wollten. Die Antwort war ja, jetzt erst recht, auch als moralische Unterstützung für die Industrie. Bei der Jahrestagung gab es minutenlangen Applaus nach dem Konzert.

Im Orchester spielt Goebelbecker die Posaune, in der Organisation die erste Geige. Goebelbecker war mal Fachmann in der Sicherheitsforschung mit Brennstoffen, speziell für einen besonderen Kernreaktor, den Schnellen Brüter. Inzwischen leitet er bereits seit mehr als zehn Jahren die Bibliothek im Karlsruher Institut für Technologie. Das habe seinen Blick verändert darauf, wie die Atomtechnik in der Gesellschaft gesehen wird, sagt er. Man habe Ängste der Menschen nicht ernst genommen, aus der Sicht vieler Kerntechniker seien Ängste schließlich Irrationalitäten. „Wir neigen in Deutschland dazu, Technik in einer ländlichen Romantizität zu sehen“, sagt Goebelbecker, „wo große Maschinen mit gefährlichen Monstern gleichzusetzen sind“. Das könne man als Ingenieur irrational finden, damit müsse man aber umgehen. Und nicht Fehler zwei machen: sich weltweit zu solidarisieren mit der Atomindustrie etwa in Japan oder der Ukraine. Dabei, so sind sie sich alle sicher, würde es in Deutschland solch einen Zwischenfall niemals geben.

Dietmar Nieder kümmert sich in Biblis um die Endlagersuche und spielt seit 20 Jahren Querflöte im Orchester. Er ist ein Familienvater mit Fleecepulli, einer, der in mehreren Kammerensembles spielt und mit seinen Kindern musiziert. Und einer, der sagt: „Die Unehrlichkeit in der Politik kann ich nicht akzeptieren.“ Er ärgerte sich über die Medien, die Flutopfer in Fukushima mit dem Störfall vermischten, und nennt die Energiewende einen Propagandatrick. Nieder ist vielleicht der Wütendste im Orchester. Einer, der beruflich keine Probleme hat, aber der sich mit Mitte 50 nicht sicher ist, ob er in Deutschland bleiben will. „Wenn man Deutschland an die Wand fahren will, soll man es machen. Es gibt auch andere schöne Länder.“ Und dann beißt er in ein Brötchen, lächelt freundlich und entlockt seiner Querflöte fünf Minuten später bezaubernd klare Töne.

Abends, im Gasthof Adler im Nachbarort, keine 24 Stunden vor seinem letzten Auftritt, sitzt das Orchester an zwei langen Tischreihen versammelt. Der letzte gemeinsame Abend gilt der Erinnerung. Der Kassenwart wird gelobt und geehrt, Posaunist Goebelbecker trägt bereits seine feine, rote Krawatte mit dem Atomlogo, und Dirigent Jaroslav Opela weint bei seiner Ansprache vor Rührung. Opela hat das Orchester die gesamte Zeit von beinahe 30 Jahren dirigiert, er ist der einzige Profimusiker und nicht weniger überzeugt von der Kernenergie als alle anderen im Raum. Der Abschied fällt ihm schwer. Doch die meisten Musiker im Orchester sind recht alt, nicht alle fit genug, auch in Zukunft noch stundenlang zu proben, geschweige denn konzentriert Stücke von Beethoven bis Schubert aufzuführen. Nachwuchs ist nur nicht mehr zu erwarten, die Branche findet kaum noch junge Ingenieure, von musikalischen Kerntechnikern ganz zu schweigen. Und Auftrittsmöglichkeiten gibt es auch kaum noch, die Energiekonzerne sparen sich die Kultur. Und der neue Kraftwerksleiter von Gundremmingen ist zum Abschiedskonzert auch nicht aufgetaucht.

Und trotzdem stehen sie da zusammen, nachdem alle Gäste gegangen sind, in dem kleinen Proberaum hinter dem Konzertsaal. Sie wissen, Kontakt zu halten wird schwierig, ohne die verbindende Musik. Und doch lächeln sie jetzt alle. Die „Unvollendete“ beginnt in Moll und endet in Dur.

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