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Orchester der Atomindustrie : Die Unvollendete

Nach den Konzerten ging es um Crescendor und Fortissimos

Große Auftritte im Ausland gehörten fest zum Jahresplan, auch wenn dort bei den Konzerten keine Atomkraftgegner auftauchten. Nach den Konzerten sprachen die Musiker deshalb auch viel öfter über Crescendos, Fortissimos und Sinfonien als über Kernspaltung, Rückbau oder Endlagerung. Diskutiert wurde eher zu Hause, in den Heimatorten, mit Anwohnern. Rieser ist ganz froh, dass er in seinem Bayern immer ganz vernünftig mit den Atomkraftgegnern sprechen konnte. „Nur manche müssen einfach gegen alles sein, die wehren sich auch heute gegen Windräder, da kann man nichts machen“, sagt er. Und so blieben Musik und Mission doch immer getrennt, auch weil die Camerata Nucleare viel häufiger vor Kollegen als vor Gegnern spielte.

Vier- bis fünfmal pro Jahr traf sich das Orchester in der Revisionsbaracke in Gundremmingen zum Üben, mal traten sie beim Familienfest für die Kraftwerksmitarbeiter in Philippsburg auf oder bei der 25-Jahr-Feier vom Kraftwerk Isar I. Einmal im Jahr musizierten sie auf der „Jahrestagung Kerntechnik“, dem Branchentreffen der Atomlobby, veranstaltet vom Deutschen Atomforum. Während draußen Greenpeace gegen Castortransporte demonstrierte, erklangen drinnen Mozart und Händel für Vorstandschefs und Politikprominenz.

Jene CDU-Politiker, die nach Fukushima mit einer Kehrtwende alle Kerntechniker enttäuschen sollten, standen früher meist auf der Seite der Nuklearindustrie. 1996 war Angela Merkel zu Besuch bei der „Jahrestagung Kerntechnik“, damals als Bundesumweltministerin. Sie hat ihnen gut zugeredet, den Kerntechnikern. „Frau Merkel: Deutsche Atomkraftwerke zuverlässig und sicher“, titelte die F.A.Z. damals. Später, als Kanzlerin, hat Merkel die Laufzeitverlängerung beschlossen und der Atombranche ein nie gekanntes Selbstbewusstsein verschafft. Eine Zeitlang haben sie auf der Jahrestagung sogar von der „Atomkraft“ gesprochen. Das verpönte Wort, das immer ideologisch besetzt war. Heute sagen wieder alle: „die Kernkraft“. Und schimpfen auf Merkel, die sie „im Stich gelassen“ habe mit dem plötzlichen Atomausstieg. Das war auf der jüngsten Jahrestagung in Frankfurt so, als schon längst niemand mehr vor den Türen der Messehallen demonstrierte. Und das ist auch in Gundremmingen so. Dort, wo alles begann und alles endet.

Der letzte Auftritt

In der Revisionsbaracke neben dem Kernkraftwerkszaun proben 65 Musiker für das Abschiedskonzert. Und wenn sich alle konzentrieren, klingt Schubert selbst in einer Baracke, deren Vitrinen mit Wimpeln, Urkunden und Tellern der örtlichen Fussballklubs und Heimatvereine gepflastert sind, irgendwie erhaben. Die tiefen Celli dröhnen durch die dünnen Holzwände, die hohen Oboentöne tanzen durch die Gänge. Im Aufenthaltsraum der Revisionsbaracke steht Hans-Jürgen Goebelbecker und wundert sich über den Lieferzettel für die belegten Brötchen. „Kamperata Nocleare“ steht darauf, Goebelbecker lacht und zeigt ihn rum. „Wie wär’s mit einer Namensänderung kurz vor Schluss?“ Goebelbecker trägt einen weißen Käptn-Iglo-Bart, eine schwarze Brille und immer ein freundliches Lächeln im Gesicht.

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