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Opel-Protestkundgebung : „Yes we can - auch ohne GM“

  • -Aktualisiert am

Das Bekenntnis am Hut Bild: REUTERS

Zehntausende Mitarbeiter der europäischen GM-Töchter demonstrieren für den Erhalt ihrer Jobs. In Rüsselsheim kommen rund 15.000 Opel-Beschäftigte. Die Währungen, in denen das Publikum die Redner entlohnt, sind Applaus, Trommeln und Gelächter. Daran gemessen ist klar, welche Forderung der Masse aus der Seele spricht.

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          Schon lange, bevor der Mercedes des Vizekanzlers Frank-Walter Steinmeier heranrollt, ist Klaus Franz da. Das hier ist seine Veranstaltung. Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats geht durch die Reihen vor dem zentralen Verwaltungsgebäude der Adam-Opel-GmbH in Rüsselsheim. Er schüttelt die Hände von Journalisten, umarmt Kollegen. Nicht alle 15.000, die zur Protestkundgebung gekommen sind, das geht ja nicht, aber doch wohl Hunderte. Fast alle klopfen ihm auf die Schulter und lächeln ihm zu. Ganz anders als bei den Flugblattverteilern der trotzkistischen Gruppen, von denen eine Handvoll angerückt ist und die eher abseits stehen.

          Kein Wunder: Von Betriebsratschef Franz, dem „Komanager“ ohne Parteibuch, wird erwartet, dass er an diesem Freitag und in den folgenden Tagen die Verhandlungen mit dem Management des Mutterkonzerns General Motors (GM) zu einem guten Ende führt.

          Franz: GM-Europazentrale im fernen Zürich schließen

          GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster ist schon am Montag nach Detroit geflogen, um sich instruieren zu lassen. Am Donnerstagabend sollte er wieder in Frankfurt landen. An diesem Freitag wird es dann ernst. Irgendwo auf dem weitläufigen Opel-Gelände in Rüsselsheim wird der Aufsichtsrat über den Restrukturierungsplan beraten. Das Gremium wird den Plan an die Politik weiterreichen, verbunden mit der Bitte um Hilfe – in Form einer Milliardenbürgschaft.

          Vor dem Stammwerk in Rüsselsheim

          Aber so weit ist man an diesem Donnerstag vor der Opel-Zentrale noch nicht. Noch geht es nicht um harte Fakten, noch wird Stimmung gemacht. Franz redet zwar als dritter und damit letzter nach Steinmeier und dem IG-Metall-Vorsitzenden Huber. Aber er ist die Hauptperson. Franz ist den Arbeitern vertraut, ihm vertrauen sie. Die Währungen, in denen das Publikum ihn entlohnt, sind Applaus, Trommeln, Pfiffe und Gelächter. Daran gemessen ist sehr klar, welche Forderung der Masse aus der Seele spricht.

          Franz fordert die Schließung der GM-Europazentrale im fernen Zürich: „Das würde Hunderte Millionen sparen“, ruft er. Für Heiterkeit sorgt das Lob des Zierteichs vor der Zentrale, bekannt als „Opel-See“. „Er ist vielleicht nicht so schön und groß wie der Zürich-See. Aber auch hier kann man mittags zur Entspannung seine Füße reinstecken.“ Auch für den GM-Chefentwickler Bob Lutz gibt es Spott und Häme: „Ich denke, es ist gut, wenn er in Rente geht.“ Das kommt an. Tausende Köpfe mit den roten IG-Metall-Schirmmützen werden in den Nacken geworfen, das Gelächter schallt zum grauen Himmel. Auf vielen Kappen steht: „Yes we can – auch ohne GM.“

          „GM ist das Desaster, nicht Opel“

          Die ernsthaften Botschaften dagegen, die Franz überbringt, sind weitgehend bekannt. Er trägt sie seit Wochen vor – in Detroit, bei deutschen Politikern, bei den Gewerkschaften: Alles Böse im GM-Konzern komme von oben. GM habe die Trends in der Modellpolitik verschlafen, GM drohe die Insolvenz. „GM ist das Desaster, nicht Opel. GM wälzt die Verluste auf Opel ab.“ Verluste, die bei Saab gemacht würden, und Verluste aus der Beschäftigung von Tausenden Entwicklungsingenieuren bei Opel, die doch für den Gesamtkonzern arbeiteten. Nur die 450.000 Chevrolets von GM in Amerika, die in Europa verkauft werden, würden Opel nicht positiv angerechnet. „Wir werden von GM klein gehalten!“

          Glaubt man Franz, dann gibt es nur noch eine Chance – eine „historische“, wie er ruft: „Opel und Vauxhall müssen aus dem Konzern ausgegliedert werden, damit sie eine eigenständige Zukunft haben.“ Man brauche dafür eine Kooperation aller europäischen Regierungen der Länder mit GM-Standorten. Auch die 4000 Opel-Vertragshändler hätten bereits eine dreistellige Millionensumme zur Hilfe angeboten. Die Restrukturierung dürfe nicht mit Werksschließungen und Entlassungen einhergehen. Franz lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass der Umbau nicht ohne langfristigen Personalabbau abgehen wird. Auch Lohnverzicht könnte es geben – aber nur im Austausch gegen Beschäftigungsgarantien, Standorterhaltung und verstärkte Mitbestimmung. Die Idee einer Beteiligung der Mitarbeiter an einer Opel-Kapitalgesellschaft nennt er eine „historische Chance“. Vor 80 Jahren habe die Familie Opel ihr Aktienpaket in der Weltwirtschaftskrise nach New York verkauft, heute bestehe die Möglichkeit, die Tochtergesellschaft wieder in die Freiheit zu entlassen. GM solle sich auf einen Minderheitsanteil zurückziehen.

          „Opa, Papa, Enkel - alle wollen Opel lenken“

          Doch Franz ist auch Realist, wenn es um die Suche nach neuen Investoren geht: „Wir dürfen die Überkapazitäten nicht vertuschen.“ Das bekräftigt er auch später noch einmal, aus Anlass einer kleinen Pressekonferenz mit Opel-Chef Hans Demant. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die 15.000 schon weitgehend zerstreut. Nur um den Opel-See strolchen noch einige Transparentträger mit Kindern. Auf einem Plakat steht: „Opa, Papa, Enkel – alle wollen Opel lenken“.

          Und was wird aus Saab?

          Der schwedische Automobilhersteller Saab steckt in einem ähnlichen Teufelskreis wie Opel: Weil die Regierung in Zeiten unklarer Eigentümerperspektiven verhindern will, dass Staatshilfe am Ende General Motors (GM) zugutekommt, lehnt sie es strikt ab, eine Bürgschaft in Höhe von 500 Millionen Euro zu geben. Solange es diese Bürgschaft aber nicht gibt, sieht Saab keine Möglichkeiten, den Eigentümer zu wechseln - es gebe zahlreiche Interessenten, sagt Saab. Der konservative Ministerpräsident Reinfeldt beschuldigte GM gar, mit Hilfe von schwedischen Geldern Kosten seines Sanierungsplans abwälzen zu wollen. GM will sich spätestens 2010 von Saab trennen. Da der Konzern aber keine Anstalten machte, das schwedische Unternehmen bei der Suche nach einem Investor zu unterstützen, wird Saab nun anders behandelt als Volvo - der zweite, wesentlich größere schwedische Automobilhersteller, der bisher zu Ford gehörte. Auch Ford will seine schwedische Tochter verkaufen. Volvo wurde jetzt von der schwedischen Regierung eine Bürgschaft zugesagt, weil Ford Interesse zeige, den Schweden bei der Suche nach einem neuen Eigentümer zu helfen. Mit der Bürgschaft in Höhe von umgerechnet 445 Millionen Euro soll ein Kredit der Europäischen Investitionsbank abgesichert werden. Der Fall Volvo sei anders als der Fall Saab, sagte Reinfeldt, weil im Fall Volvos der Staat nicht Gefahr laufe, am Ende zum Eigentümer zu werden.

          Saab steht unter Gläubigerschutz, um die Trennung von GM vollziehen zu können, will aber weiter produzieren. Am Mittwoch musste die Produktion jedoch unterbrochen werden, weil Einfuhrzölle für Zulieferteile nicht bezahlt worden waren. Mit Zahlungsschwierigkeiten habe das aber nichts zu tun, versicherte das Unternehmen. Am Donnerstag wurde in Trollhättan wieder produziert.

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