https://www.faz.net/-gqe-6ymau

Opel : In Rüsselsheim droht die Viertagewoche

  • -Aktualisiert am

Die Opel-Werke sind nur zu drei Vierteln ausgelastet. Jede fünfte Fabrik in Europas Autoindustrie ist überflüssig Bild: dpa

Produktionschef Peter Thom zieht mit harschen Forderungen von Werk zu Werk: Wer langfristig überleben will, muss flexibler arbeiten und auf Wochenendzuschläge und Lohn verzichten. Die Sanierung scheint seit 2009 strukturell nicht vorangekommen.

          3 Min.

          Die Lage spitzt sich langsam zu bei Opel. Nach Jahren mit Milliardenverlusten dringt der amerikanische Mutterkonzern General Motors (GM) auf eine Wende - notfalls auch mit Hilfe von Werksschließungen und Personalabbau. Eigentlich wird dies durch Verträge mit der Belegschaft ausgeschlossen, die noch bis Ende 2014 gelten.

          Doch die Zeit drängt. An der Spitze von GM gibt es eine Fraktion, die die Verträge einhalten will, die andere jedoch steuert auf eine harte Konfrontation mit der IG Metall vor 2014 zu. GM-Vizechef Stephen Girsky, der als Aufsichtsratsvorsitzender die Opel-Sanierung leitet, hat ein Problem: Damit er ganz an die Spitze von GM gelangt, muss ihm die Wende in Europa möglichst schnell gelingen.

          Um das Tempo zu erhöhen, zieht deshalb Opel-Produktionschef Peter Thom von Werk zu Werk. Überall legt er seinen langen Forderungskatalog mit vielen einzelnen Punkten vor. Es geht vor allem um flexiblere Arbeit und Lohnverzicht. Thom weiß, was er tut, er war bis November 2011 Fertigungsleiter von GM China mit Sitz in Schanghai. Standorte mit renitenten Betriebsräten werden unter Druck gesetzt.

          Ihren Fabriken droht spätestens ab 2015, wenn der alte Sanierungsvertrag ausläuft, die Schließung, wenn sie keine Zugeständnisse machen. Als besonders gefährdet gelten Bochum und der englische Standort Ellesmere Port mit zusammen 5000 Beschäftigten.

          Opel-Spitze fordert Zugeständnisse - sofort

          In einer Präsentation, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt, schildert Thom den Betriebsräten der einzelnen Werke zunächst die Lage: Die Opel-Werke sind nur zu drei Vierteln ausgelastet. Jede fünfte Fabrik in Europas Autoindustrie ist überflüssig, und der europäische Markt ist im Januar und Februar dieses Jahres um 8 Prozent geschrumpft - bei Opel ging der Absatz sogar um 20 Prozent zurück.

          Als Konsequenz daraus fordert die Opel-Spitze sofortige Zugeständnisse auf zahlreichen Feldern: Beispielsweise soll ein Teil der Produktion des Kompaktwagens Astra aus dem Stammwerk in Rüsselsheim an den polnischen Standort Gleiwitz verlagert werden, um dort eine bessere Auslastung zu erreichen.

          An allen Standorten strebt die Opel-Führung zudem einen Dreischichtbetrieb an, um die Kosten im Griff zu behalten. Dabei soll es künftig leichter fallen, eine etwaige dritte Schicht wieder zu streichen.

          Im Rüsselsheimer Werk etwa, wo eine dritte Schicht geplant war, wird inzwischen wegen des Absatzrückgangs bei der Mittelklasselimousine Insignia nur noch an vier Tagen in der Woche überhaupt gearbeitet, wie aus dem Betriebsrat verlautet.

          Vorbilder BMW und Ford

          Thom fordert zudem, dass die Beschäftigten durch den Verzicht auf Tariferhöhungen und Teile des Urlaubs- und Weihnachtgeldes die vereinbarten Einsparungen von jährlich 265 Millionen Euro auch weiterhin aufbringen. Darüber hinaus sollen flexiblere Arbeitszeiten - mit kurzfristiger Verlängerung oder Verkürzung je nach Bedarf - eingeführt werden. Es soll keine Zuschläge für Wochenendarbeit mehr geben.

          Bis zu einem Viertel der Belegschaft soll künftig aus Leiharbeitern bestehen, wie aus dem Forderungskatalog hervorgeht, der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Bei Auftragsspitzen wären sogar bis zu 30 Prozent Zeitarbeiter im Einsatz. In puncto Lohn soll BMW als Vorbild dienen: Beschäftigte in Dienstleistungsbereichen würden dann nach einem eigenen, niedrigeren Tarif bezahlt.

          Zu wenig los: Das Opel-Werk in Gleiwitz soll besser ausgelastet werden (Foto von 2009)

          Auf einem anderen Feld wird Ford zum Vorbild genommen: So soll künftig ein größerer Teil der Produktion an externe Anbieter vergeben werden. Komponenten würden außerhalb eingekauft, statt sie selbst herzustellen.

          Das Frappierende an den Forderungen der Unternehmensleitung: Sie sind nicht neu. Offenbar ist in der Sanierung strukturell seit 2009 nicht allzu viel vorangekommen - wenngleich seitdem das Werk in Antwerpen geschlossen und 8000 der einst 48.000 Stellen bei Opel in Europa abgebaut wurden.

          Ein neuer Geschäftsplan für die Jahre bis 2016, der schon längst vorliegen sollte, wurde noch immer nicht ausgearbeitet, der Aufsichtsrat wird ihn auch in der kommenden Woche wieder nicht beschließen können.

          Schwere Vorwürfe gegen das Management

          Wie schon in den vergangenen Jahren halten die Betriebsräte auch jetzt wieder dagegen: Statt des Sparplans fordern sie eine Ausdehnung der Exporte in Märkte außerhalb Europas wie Brasilien, China oder Indien. Mit einer Verkaufsoffensive und Investitionen in neue Modelle solle die Misere bekämpft werden.

          Der Opel-Betriebsrat erhebt schwere Vorwürfe gegen das Management. Die Geschäftsführung setze die Arbeitnehmervertretungen brutal unter Druck, klagten in einem offenen Brief Betriebsräte aus sieben europäischen Ländern. Statt gemeinsam Wege aus der Absatz- und Ergebniskrise zu suchen, wolle das Management die einzelnen Standorte gegeneinander ausspielen.

          Angeführt von Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug, forderten das Europäische Arbeitnehmerforum und der Europäische Metallgewerkschaftsbund das Management „unverzüglich“ zu konstruktiven Gesprächen auf. Dabei müsste die Belegschaft endlich vollständig über einen realistischen Unternehmensplan bis 2016 informiert werden: „Opel und GM verweigern sich solchen Gesprächen und setzen auf die Methode „Teile und herrsche“, heißt es.

          Die Spekulationen um Einschnitte, Werksschließungen oder neuerlichen Personalabbau seien zudem schädlich für den Ruf der Marke Opel. Der Marktanteil in Europa schrumpfte zuletzt von 7 auf 6 Prozent.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundesinnenminister Horst Seehofer und Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang stellen den Verfassungsschutzbericht 2019 vor

          Rechtsextremismus : „Das ist eine Schande für unser Land“

          Der aktuelle Verfassungsschutzbericht zeichnet ein klares Bild: Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus seien weiter die größte Bedrohung für die Sicherheit in Deutschland, erklärt Innenminister Seehofer. „Wir müssen weiterhin wachsam und wehrhaft sein.“
          Der Dresdner Stadtteil Neustadt

          Lokalposse : Schaltet Dresden das Internet ab?

          Wie es die Partei „Die Partei“ in Dresden unter Mithilfe etablierter Politiker abermals schafft, die Kommunalpolitik lächerlich zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.