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Opel in der Krise : Wie vom Blitz getroffen

Entdecke Opel: An diesem Samstag fährt die neue Mittelklasselimousine „Insignia” bei den Opel-Händlern vor Bild: dpa

Draußen vor dem Werkstor von Opel verlieren die Bäume ihre letzten Blätter. Drinnen sieht es kaum freundlicher aus. Unter dem Schock der Autokrise wird alles in Frage gestellt, was das Unternehmen einst zusammengehalten hat. Eine Reportage über die Novemberdepression in Rüsselsheim.

          6 Min.

          Es ist Dienstagmorgen, kurz vor 11 Uhr. Im Adam-Opel-Haus sind wieder einmal die Kameras aufgebaut. Im gleißenden Licht der Scheinwerfer ist das Gesicht von Klaus Franz ausgeleuchtet, sind seine Sorgenfalten auf der Stirn für ein Fernsehpublikum gut zu erkennen. „Wie aussichtslos ist die Lage, Herr Franz“, will die Journalistin wissen. „Herr Franz“ ist der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Opel und hat diese Frage in unterschiedlichsten Variationen schon dutzendfach gehört. Er ist geübt im medialen Auftritt, seine Antwort kommt aus dem Effeff und in leicht schwäbischem Singsang: Opel stehe gut da, gäbe es nicht die Schwierigkeiten mit der Muttergesellschaft General Motors, lautet die Kurzfassung. Milliardenbürgschaft hin oder her.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          So geht das seit Tagen. Das Adam-Opel-Haus in Rüsselsheim ist umstellt von Fernsehteams. Alle wollen Bilder von dem Tochterunternehmen, das in dieser Woche vom Boulevard erst totgesagt, dann zur Revolte gegen die Muttergesellschaft in Amerika aufgefordert wurde und zwischendurch an das Bonner Solarunternehmen Solarworld zum Nulltarif abgegeben werden sollte.

          Draußen vor dem Werkstor verlieren die Bäume ihre letzten Blätter, Novemberdepression. Drinnen müssen Opel-Mitarbeiter immer wieder vor die laufenden Kameras treten. Immer wieder die gleichen Fragen beantworten. Betriebsrat Franz wird zum obersten Öffentlichkeitsarbeiter. Die Rolle kennt er noch von der letzten großen Opel-Krise vor vier Jahren, als General Motors 12.000 Stellen streichen wollte und das gesamte Werk in Rüsselsheim in Frage stellte.

          Ein neuer Name, ein neues Auto, eine neue Ära - das verspricht die Insignia-Werbung. Doch die Markteinführung wird überschattet von lauter dramatischen Nachrichten

          Einer, der weniger geübt ist vor den Kameras, ist Marco Molinari. Der Mann mit italienischem Nachnamen ist Österreicher und seit drei Jahren Finanzchef der Adam Opel GmbH. Er spricht mit Bedacht und erweckt beinahe den Eindruck, als gehe ihn der ganze Rummel nichts an. „Wenn es hektisch wird, gehe ich gern einmal spazieren“, sagt Molinari. Und hektisch waren die letzten Tage für ihn, wie für alle. Nur fehlt die Zeit für einen entschleunigten Spaziergang. Molinari steht im permanenten Austausch mit Finanz- und Wirtschaftsministerium, muss einem Bürgschaftsausschuss darlegen, warum Opel nicht zu einem Präzedenzfall für die Bundesregierung wird und die Bürgschaft nicht im sogenannten Cash-Pool von General Motors landet.

          Der Finanzmarkt steht Opel nicht zur Verfügung

          Auch seine Antwort kommt prompt: „Weil die Adam Opel GmbH nicht über ein eigenes Kreditrating verfügt, könnte sie ohne Bürgschaft nicht am Kreditprogramm der Europäischen Investitionsbank teilnehmen, das anderen Autoherstellern zur Verfügung steht.“ In der Europäischen Investitionsbank soll ein Paket mit zinsvergünstigten Krediten von 40 Milliarden Euro geschnürt werden, damit Europas Autohersteller verbrauchsarme Fahrzeuge entwickeln können. Opel steht der Finanzmarkt nicht zur Verfügung. Eine Bürgschaft würde das schlagartig ändern.

          Die Opel-Bürgschaft solle sowieso nur eine reine Vorsichtsmaßnahme sein. Der Erste, der das betont, ist der Europa-Präsident von General Motors und Aufsichtsratsvorsitzende von Opel, Carl-Peter Forster: Es ist Montag, halb fünf, als Bundeskanzlerin Angela Merkel das Opel-Management und den Betriebsratsvorsitzenden ins Kanzleramt bestellt. Zum Krisengipfel. Eine gute Stunde später treten sie vor die Kameras. Der großgewachsene Forster überragt die Kanzlerin um einiges und lächelt dankbar ob der in Aussicht gestellten Bürgschaft. Auch die Kanzlerin tut ihr Bestes, um die Lage des Unternehmens nicht so dramatisch erscheinen zu lassen. Schließlich gehe es nicht um Soforthilfen vom Staat, sondern nur um eine Versicherung für den Fall, der hoffentlich nie eintritt.

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