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Kommentar : Oh, wie Opel?

  • -Aktualisiert am

Bald von Kurzarbeit betroffen: das Opel-Werk in Eisenach Bild: Reuters

Opel gibt derzeit Rätsel auf: Im nächsten Jahr will der Autohersteller Gewinn machen, in seinen deutschen Werken aber Kurzarbeit einführen. Es ist ein einziges Auf und Ab - und Russland ist nur ein Grund dafür.

          Opel geht es besser. Aber Opel geht es auch schlechter. Das Unternehmen will im nächsten Jahr Gewinn machen. Doch vor ein paar Tagen hat die Tochtergesellschaft des amerikanischen Autoherstellers General Motors (GM) Kurzarbeit für ihre Werke in Eisenach und Rüsselsheim beantragt. Es ist seit einigen Jahren nicht mehr leicht, Opel zu verstehen – und das geht wohl auch vielen Kunden so. Einerseits ist sogar so etwas wie Begeisterung zu spüren. Neulich schwärmte ein Freund noch aus dem Opel-Autohaus per E-Mail vom kleinen Stadtgeländewagen Mokka und beklagte sich über die Lieferzeiten. Und erst ein paar Wochen davor hatte sich eine Bekannte in den kleinen Stadtflitzer Adam förmlich verliebt. „Oh, wie Opel“, heißt es dazu in der aktuellen Werbekampagne. In solchen Momenten hat man das Gefühl, dass der Imagewandel hin zu einem Anbieter junger, moderner Autos gelingen könnte.

          Andererseits sind die Pflanzen der Erholung immer noch sehr zart. Die Opel-Führung muss jeden Tag aufpassen, frisches Grün nicht sogleich wieder irgendwo zu zertreten. Dafür gibt es viele Gründe. Zwar hat sich der Mutterkonzern eindeutig zu Opel bekannt und investiert in die Marke. Aber die Jahre des Darbens sind an den Rüsselsheimern eben auch nicht spurlos vorübergegangen – und nicht immer gelingt es, das nach wie vor bestehende Spardiktat so erfolgreich zu übertünchen wie bei den Modellen Mokka und Adam und wohl auch bei der zur Automobilmesse IAA in Frankfurt neu auf den Markt kommenden, jüngsten Generation des Astra.

          Russland-Ausfall hat Kurzarbeit zur Folge

          Der neue Corsa zum Beispiel wirkt nicht nur auf Fachleute etwas zu halbherzig aufgefrischt. Ganz eindeutig fehlen in der Modellpalette zudem die prestigeträchtigen, margenstarken Modelle in höheren Preissegmenten. Im Gegenteil schwächelt der Absatz beim Mittelklassemodell Insignia sogar. Gerade wer 30.000 Euro und mehr für ein Auto ausgeben kann und will, betrachtet dabei Opel nicht als erste Wahl. „Im Kopf umgeparkt“ hat hier noch fast niemand, um einen anderen Opel-Werbespruch aus der jüngeren Zeit zu zitieren.

          Aber die Modellpalette ist nicht alles. Immer war es ein Thema, auf welchen Märkten die Marke Opel vertreten ist und auf welchen nicht. Auf dem Wachstumsmarkt der vergangenen Jahre schlechthin, in China, fahren zwar Autos, die man hierzulande als Opel kennt. Nur verkauft sie GM nicht unter dieser Marke. Auch andere Märkte fehlen im Portfolio der Rüsselsheimer. Dafür ist Opel in Russland stark; wobei in dieser Hinsicht gilt, dass Opel wegen der Russland- und Ukraine-Krise in dieser Region im wahrsten Sinne des Wortes aus der Kurve geflogen ist. Rund 80.000 Autos sollten in Russland in diesem Jahr verkauft werden, nun sind es wohl deutlich unter 10.000. Denn aus Russland hat sich Opel zurückgezogen; die Verkäufe sind seither nicht mehr nennenswert. Dass überhaupt noch von einer Tausenderzahl die Rede ist, speist sich allein aus den ersten Monaten dieses Jahres. So etwas steckt kein Autohersteller locker weg und Opel mit seiner künstlich limitierten geographischen Ausdehnung schon gar nicht. Zwar läuft es auf vielen anderen europäischen Märkten inzwischen auch für die gesamte Branche wieder erheblich besser, aber das Niveau aus der Zeit vor der Finanzkrise ist noch lange nicht erreicht. Kompensiert werden kann der beinahe totale Russland-Ausfall durch zusätzliches Wachstum zum Beispiel in Großbritannien oder Deutschland jedenfalls nicht, daher der Antrag auf Kurzarbeit.

          In Rüsselsheim gibt man sich hoffnungsvoll

          Nun kommt Opel aber trotzdem voran, weshalb tapfer am Gewinnziel für 2016 festgehalten wird. Zum Teil hat das handfeste operative Gründe. Das Werk in Bochum zum Beispiel, das Sorgenkind der vergangenen Jahre, wurde geschlossen, was sich künftig positiv auf die Ertragslage auswirkt. Die Auslastung des Werks Rüsselsheim wird sich in der Folge verbessern, wenn dort im kommenden Jahr ein weiteres Modell zusätzlich vom Band laufen wird. Hinzu kommt, dass der Rückzug aus Russland zwar Absatz kostet, in der derzeitigen Situation aber auch Geld sparen hilft: In den ersten drei Monaten dieses Jahres belastete das Russland-Geschäft den Ertrag des Unternehmens noch mit 400 Millionen Dollar.

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          Endlich werden jetzt auch die Möglichkeiten genutzt, die man im Verbund mit GM längst hätte ausspielen können. So sorgt das sogenannte „On Star“-System in den Vereinigten Staaten schon seit sage und schreibe 19 Jahren für Sicherheit im Straßenverkehr und ist bei den Kunden beliebt. Opel-Fahrern stand das Angebot bisher nicht zur Verfügung. Dabei ist ein Fahrzeug, das mit „On Star“ ausgerüstet ist, in der Lage, Notfalldienste oder eine Fernwartung zu aktivieren. Und natürlich gibt es einen Wlan-Hotspot im Wagen. So reibt man sich hier, typisch Opel, abermals die Augen: Warum nur hat das so lange gedauert?

          Wie das zweite Quartal gelaufen ist, erfährt man an diesem Donnerstag. Und eigentlich gibt man sich mit Blick auf diesen Tag in Rüsselsheim recht hoffnungsvoll, Kurzarbeit hin oder her. Das gilt jedenfalls bis zum nächsten „Oh“. Und das muss bei Opel nicht immer einen erfreulichen Unterton haben.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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