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Lieferdienst für Lebensmittel : Wenn der Milchmann klingelt

Lieferung frei Haus: Auf Wunsch bringt Fahrer Kaveh die Ware auch bis in die Küche. Bild: Stefan Finger

Es muss nicht immer Rewe, Edeka oder Amazon sein: Ein Online-Händler aus Holland liefert frische Lebensmittel bis an die Tür. Billiger als alle anderen.

          6 Min.

          Kaveh studiert Deutsch und Geschichte in Düsseldorf, Lehrer will er werden. Um das Studium zu finanzieren, fährt er zweimal die Woche Lebensmittel in Kaarst aus. Er parkt das weiße Lieferauto vor einem Klinkerhaus, schnappt sich zwei Kisten mit Milch, Obst, Gemüse, Pampers und Chips, die die Familie am Vorabend online bestellt hat. „Ich bin der moderne Milchmann“, flötet er, nachdem er geklingelt hat. Der Student fährt die Ware nicht für den Rewe vor Ort aus, auch nicht für Edeka oder Amazon. Kaveh arbeitet für einen Konkurrenten aus den Niederlanden, den in Deutschland noch niemand auf dem Schirm hat. Picnic heißt der Online-Händler, der in Holland für mächtig Wirbel sorgt: Frische Ware zum besten Preis, ohne Liefergebühr und ohne lange Warterei. Das ist das Versprechen.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor zweieinhalb Jahren erst hat das Start-up in Amersfoort begonnen, klein und unauffällig zunächst: vier Gründer, eine Stadt, 150.000 Einwohner, ein paar Lieferautos, Lagerarbeiter und Fahrer. Die etablierten Supermarktketten rieben sich die Augen. Picnic expandiert bisher wie wild. Man liefert mittlerweile in 37 Städte, auch in die großen, Den Haag und seit März auch Amsterdam gehören dazu. Und wo immer Picnic startet, wird die Konkurrenz überholt. Binnen zwei Jahren hat sich so der Online-Anteil am Lebensmittelhandel verfünffacht, von einem auf fünf Prozent. 100.000 Kunden wurden erobert, die Marke von 100 Millionen Euro Umsatz rasch überschritten. „2018 werden wir bereits 300 Millionen Euro umsetzen“, tönt Michiel Muller, einer der vier Gründer, die jetzt ansetzen zum Angriff auf das große Nachbarland. Seit Oktober läuft ein Pilotprojekt in Kaarst und Neuss. „Der Test war erfolgreich“, sagt Frederic Knaudt vom Deutschland-Team. „Mitte April legen wir richtig los.“

          Bisher tauchte der Name Picnic in Kaarst nirgends auf. Es sollte nicht jeder mitbekommen, dass die Holländer sich nach Deutschland vorwagen. Drei bis fünf Städte in Nordrhein-Westfalen nahe der Grenze sollen dieses Jahr dazukommen, nächstes Jahr dann 20 bis 30.

          Der große Durchbruch ist noch niemandem geglückt

          Nun ist es nicht so, dass hierzulande kein Bringdienst für Lebensmittel existiert. Es hat sich herumgesprochen, dass Teile des Geschäfts ins Netz abwandern. So war das bei Büchern, dann bei Schuhen, Elektrogeräten und Möbeln. So wird es auch bei den Lebensmitteln kommen. Davon ist der Handel überzeugt, spätestens seit AmazonFresh, der Frischedienst des amerikanischen Online-Giganten, vor einem Jahr in Deutschland loslegte. Rewe liefert inzwischen in 75 Städten, der zu Edeka gehörende „Bringmeister“ steuert Berlin und München an. Die Start-ups MyTime und Allyouneedfresh verschicken Lebensmittel mit DHL im ganzen Land. Der große Durchbruch ist bislang jedoch noch niemandem geglückt. Selbst Amazon fährt bislang nur in Berlin, Potsdam, Hamburg und München durch die Viertel der Wohlhabenden, die sich den teuren Service leisten können. Aldi versucht sich gar nicht erst als Hauslieferant, Lidl hat seinen Test in Berlin vor kurzem aufgegeben, weil sich das Geschäft „nicht kostendeckend betreiben“ lasse. Auch Kaufland hat einen Rückzieher gemacht.

          Online bleibt fürs Erste in der Nische, nur ein Prozent der Lebensmittel werden im Netz bestellt. Die Deutschen sind da zögerlicher als Holländer, Franzosen und Engländer. Auf mittlere Sicht aber wird der Anteil auch hierzulande auf zehn Prozent steigen, da ist sich die Fachwelt einig. Die Frage ist nur, wer sich durchsetzt, wer die teure „letzte Meile“ bis zur Haustür in den Griff bekommt. Die Supermarktketten? Amazon? Oder vielleicht doch ein Neuling?

          Der Reihe nach: Picnic-Fahrer Kaveh belädt den Mini-Laster für die Tour. Bilderstrecke

          Die Holländer von Picnic rechnen sich gute Chancen aus. „Wir vermeiden die Fehler der anderen“, sagt Gründer Michiel Muller. So verzichtet Picnic als Einziger auf einen Liefer-Aufpreis (die Konkurrenz verlangt zwischen vier und zehn Euro) und garantiert trotzdem den niedrigsten Preis. Jeden Morgen scannt ein IT-Programm die Preise der Supermarktketten. Senkt Aldi den Preis für Milch oder Butter, zieht Picnic mit. „Nur Sonderaktionen machen wir nicht mit, da zahlen die Supermärkte schließlich drauf.“

          Wie ein Bus mit festem Fahrplan

          Pünktlichkeit versprechen die Holländer obendrein. „Bei uns warten die Kunden maximal 20 Minuten“, prahlt Muller. Die Konkurrenz plant oft zwei Stunden als Puffer ein. „Das nervt, keiner will stundenlang auf den DHL-Boten warten.“ Der Nachteil: Bei Rewe zum Beispiel kann der Kunde die Uhrzeit frei wählen, bei Picnic nicht. „Wir operieren eben nicht wie ein Taxi-Unternehmen, das jeden Kunden einzeln anfährt, sondern wie ein Bus mit festem Fahrplan.“ Das ist weniger flexibel, vermeidet aber unnötige Kilometer. Und jeder Kilometer kostet Zeit und Geld.

          Drei Jahre haben die Gründer an dem Konzept getüftelt, allein über das Lieferfahrzeug haben sie sich monatelang den Kopf zerbrochen. Ein Elektromotor sollte es sein, das war klar. Außerdem wollten sie ein schmales Fahrzeug, schmaler als ein Pkw, das den Verkehr nicht behindert. „Die dicken DHL-Laster verstopfen die Städte.“ Ein Hersteller in Frankreich hat das Modell eigens für Picnic entwickelt. Kostenpunkt: 25.000 Euro. Momentan besteht die Picnic-Flotte aus 418 Autos. Ende des Jahres wird das Startup 1000 Autos besitzen. Dazu fünf zentrale Warenlager, 25 „Hubs“, wie sie die kleineren Umschlageplätze vor Ort nennen, und 3000 Mitarbeiter in 60 Städten.

          Das rasante Wachstum des Frischlings finanzieren sehr traditionelle Investoren. 100 Millionen Euro haben vier alte holländische Handelsfamilien Ende 2017 in Picnic gesteckt. Und die Gründer selbst sind auch keine Anfänger: Muller, 53, hat zuvor eine unbemannte Tankstellenkette und einen Konkurrenz-Service zum ADAC aufgezogen. Joris Beckers und Frederik Nieuwenhuys, die IT-Experten, haben eine Handelssoftware für Otto, VentePrivee und andere entwickelt. Zu guter Letzt haben sie einen Supermarktkenner engagiert: Gerard Scheij hat zehn Jahre lang eine der größten Supermarktketten in Brasilien geleitet. „Mir kann keiner erzählen, dass Deutschland ein schwieriger Markt ist“, sagt er. Bislang entwickle sich alles nach Plan. „Holländer und Deutsche scheinen sich ähnlicher zu sein als sie denken.“ Dabei wurden die Picnic-Holländer eindringlich vor den Nachbarn gewarnt. Schwierige Kunden, hieß es: Die Deutschen hängen am Bargeld, die bezahlen nicht mit dem Handy. Scheij winkt ab: „Das ist bislang überhaupt kein Problem.“ Die Deutschen bestellen keine frischen Sachen, lautete der nächste Einwand. Die Holländer dagegen stellen fest: „Die Kunden ordern viel Frisches, vor allem Obst und Gemüse und auch Fleisch.“

          „Wir dürfen weder zu spät noch zu früh kommen“

          Aber können die Holländer halten, was sie versprechen? So billig wie Aldi sein, und dann noch frei Haus liefern? „Ganz bestimmt“, behaupten sie. Für die Supermarktketten bedeute jede Lieferung nach Hause Extrakosten zum bestehenden Supermarktgeschäft. „Für uns nicht, wir haben keine Supermärkte.“

          Das Modell ist simpel: Die Kunden ordern bis 22 Uhr über das Handy, dann gehen die Bestellungen an die Lieferanten raus. Am nächsten Morgen bringen die Hersteller die Ware an die Picnic-Zentrallager, dort wird alles in Kisten gepackt, gekühlte Waren in die schwarzen, der Rest in die roten. Diese bringt ein Laster dann in die kleinen Verteiler-Hubs wie das in Kaarst. Von hier starten Kaveh und seine Kollegen, durchweg Studierende, in die umliegenden Gemeinden. „Das sind alles kurze Strecken, die Autos fahren ja nur 40 Stundenkilometer.“

          Gegen 14 Uhr startet die erste Ausfuhr. Die Fahrer, „Runner“ wie sie hier heißen, haben feste Routen, die ein Algorithmus je nach Bestellungen Tag für Tag neu berechnet. Auf der App kann der Kunde verfolgen, wann der Wagen mit seinen Lebensmittel um die Ecke biegt. Schon nach vier Monaten, die er für Picnic arbeitet, kennt Kaveh einige Stammkunden mit Namen. Sie ihn auch. „Die vertrauen uns“, meint der 25-Jährige Student mit iranischen Wurzeln. Gut sehen die „Runner“ aus, alle in Jeans, weißem Hemd und gestärkter grauer Schürze. Sie sind freundlich, pünktlich, und tragen den Kunden – auf Wunsch – die Kisten bis in die Küche. „Wer würde den DHL-Boten ins Haus bitten?“, fragt Kaveh stolz. Die Kinder kommen oft rausgerannt und wollen zu ihm in das „lustige Auto“ klettern. Manche Kunden laden ihn auf einen Kaffee ein. Aber die Zeit hat er nicht. Schließlich wartet der nächste Kunde. „Timing ist alles“, sagt der Student. „Wir dürfen weder zu spät noch zu früh kommen.“ Zwei Stunden dauert die Tour, dann tuckern die Wagen zurück ins Hub, Nachschub aufladen und los, die nächste Milchmann-Runde drehen.

          Am Ende des Tages bleibt keine Banane übrig

          Obst und Gemüse legen sie immer ganz obenauf. So, dass es die Kunden gleich sehen können. Denn deren größte Furcht ist, dass ihnen faule Tomaten oder matschige Kiwis untergejubelt werden. Das soll alles schon vorgekommen sein. Rewe stand vor Weihnachten in der Kritik wegen „überreifer Bananen“ und weil mehrfach ein Teil der bestellten Ware fehlte. „Das darf nicht passieren“, meint Picnic-Deutschland-Chef Frederic Knaudt. Da springen die Kunden ab. Fällt etwas runter („Das passiert so gut wie nie“), schickt er einen Runner in den nächsten Supermarkt, um Ersatz zu holen. Denn sie haben keine Reserven. Picnic ordert exakt die Mengen, die von den Kunden bestellt wurden. „Da bleibt keine Banane, kein Brokkoli übrig.“

          Abends ist das Hub leer, das Zentrallager in Viersen auch, bis auf sogenannte Non-Food-Artikel wie Shampoo oder Küchentücher. „Wir schmeißen nichts weg, bei uns wird nichts schlecht. Die Ware kommt morgens an und ist noch am gleichen Tag beim Kunden.“ Auch der Verpackungsmüll hält sich in Grenzen; anders als bei manchem Konkurrenten. Kunden von MyTime zum Beispiel haben sich über die riesigen Müllberge beschwert, die eine Lieferung bei ihnen zu Hause hinterlässt. Das geht nicht anders, rechtfertigte sich der Lieferdienst, der die Lebensmittel in Pappkartons, Luftpolsterfolie oder Styroporboxen packt, sie mit Trockeneis versieht, damit die Sachen frisch und heil zum Kunden gelangen.

          Schließlich übernimmt die Auslieferung dann ein Paketdienst. Kaveh dagegen übergibt die Ware in Bio-Plastiktüten direkt dem Kunden. Die Tüten nimmt er beim nächsten Mal wieder mit. „Wir geben sie dann dem Hersteller zurück; sortenrein, so dass er sie wiederverarbeiten kann.“ Kaveh mag seinen Nebenjob. „Da entsteht etwas Neues, und wir sind dabei.“ Ständig kommen neue Mitarbeiter dazu. Sie haben schon Karneval zusammen gefeiert und im Hub Champions League geguckt. Bier und Essen gingen auf Kosten des Hauses. Um 22 Uhr ist Feierabend für die Studenten. Dann kommen die 20 Lieferautos an die Stromkabel, und im Hub werden die Lichter gelöscht. „Mal ehrlich“, meint Kaveh auf dem Weg nach draußen. „Wer kauft schon gerne jede Woche Toilettenpapier, drei Liter Milch, Brot und Rispen-Tomaten?“

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