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Lebensmittel-Bestelldienste : Tante Emma ist jetzt online

  • -Aktualisiert am

Essen im Internet zu bestellen ist in Deutschland kein Trend. Doch der Markt dafür wird größer. Bild: dpa

Im Internet Lebensmittel bestellen - das ist nur was für Nerds? Von wegen. Überall im Land parken die roten Laster von Rewe und Co. die Straßen zu. Wie Bestelldienste unser Einkaufsverhalten ändern.

          6 Min.

          Einen Supermarkt betreten Marite und Lukas nur noch selten. Das junge Ehepaar, das im Frankfurter Westend lebt, hat eine Arbeitsteilung perfektioniert, in der Einkaufen kaum noch eine Rolle spielt. Banker Lukas verbringt den Tag und manchmal auch die halbe Nacht im Büro, Marite ist in Elternzeit und kümmert sich um die beiden kleinen Töchter.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          „Milch, Wasserflaschen, Kartoffeln, das bestelle ich alles bei Rewe“, erzählt sie. Im vergangenen Jahr hat sie das Online-Angebot der Supermarktkette getestet, und als sie dann nicht nur ein, sondern noch ein zweites Kind durch die Einkaufsregale bugsieren musste, hat sie fast vollständig auf den virtuellen Einkauf umgestellt.

          Nur für frisches Obst, Fleisch und Aufschnitt geht sie noch in Läden, der Rest kommt mit dem Lieferwagen. Schlechte Erfahrungen mit eingedrücktem Gemüse oder verspäteten Lieferungen? Bislang Fehlanzeige.

          Der Küchenschschrank kommt aus dem Netz, das Essen auch.

          Dass wir Bücher, Kleidung und Schuhe online bestellen, daran haben wir uns längst gewöhnt. Auch sperrige Produkte wie Tierfutter und Windeln kommen in vielen Haushalten per Online-Abo und Lieferdienst. Selbst Sofas und Schränke werden mittlerweile im Netz geordert. Nur bei Lebensmitteln scheiden sich bislang die Geister – oder besser gesagt: die Generationen.

          In einem Land, in dem es fast 40.000 Lebensmittelgeschäfte gibt, muss man nicht online einkaufen, murren die Traditionalisten. Die Jüngeren dagegen preisen das Glücksgefühl, wenn freitagabends der DHL-Fahrer klingelt und den Wocheneinkauf in die vierte Altbau-Etage schleppt.

          Die Zahlen sind, so viel ist klar, noch auf Seite der Traditionalisten. Bei Produkten wie Büchern, Kleidung und Schuhen mag der Online-Anteil am Gesamtumsatz schon bis zu 20 Prozent betragen – bei Gütern des täglichen Bedarfs ist es weniger als ein Prozent. Ein Geschäftsfeld für Optimisten sei das, sagt das Kölner Handelsforschungsinstitut EHI.

          Und doch, es tut sich was: Im vergangenen Jahr haben 15 Millionen Menschen Lebensmittel im Internet gekauft, das sind 28 Prozent aller Internetnutzer, hat der Digitalverband Bitkom ausgerechnet. Verglichen mit dem Stand vor vier Jahren, hat sich die Zahl damit mehr als verdreifacht.

          Auch Investoren sehen Gewinnchancen

          Kein Wunder, dass Wagniskapitalgeber dieser Tage mit Vorliebe in Start-ups investieren, die mit Essen handeln. Gerade erst beteiligte sich Rocket Internet mit 30 Prozent an der Delivery Hero Holding, die Restaurants und Lieferdienste mit Kunden zusammenbringt. Fast 500 Millionen Euro ist den Samwer-Brüdern das wert, Delivery Hero wird jetzt mit stolzen 1,65 Milliarden Euro bewertet.

          Zuvor hatte Rocket Internet bereits 130 Millionen Euro in Hello Fresh investiert. Hier bekommen die Kunden Kochboxen mit allen Zutaten für ein Gericht, das sie dann selbst zubereiten. Selbst die Deutsche Post ist in das Geschäft eingestiegen: Sie hält die Mehrheit am Online-Supermarkt Allyouneed.

          Der Unterschied zu Bofrost und Co.

          Im Prinzip ist das alles gar nicht so neu. Pizzadienste gibt es seit Jahrzehnten, und der Bofrost-Mann brachte schon in den achtziger Jahren die Monatsration Tiefkühlspinat ins Haus. Doch was sich durch das Internet geändert hat, sind Auswahl und Geschwindigkeit. So ziemlich alles lässt sich heute online bestellen, vom kompletten Wocheneinkauf über Zutaten für exotische Gerichte bis hin zum fertiggekochten Menü.

          Geliefert wird nicht Tage oder Wochen später, sondern binnen Stunden – es lebe die „On-demand-Economy“. Und Rezepte, die auch Menschen ohne Hauswirtschaftslehre auf Anhieb gelingen, gibt es vielfach gratis mit dazu. Wer schon einmal eine Biokiste vom Bauern bestellt und sich gefragt hat, was er mit Mairübchen oder Topinambur anfangen soll, weiß derlei Service zu schätzen.

          Gibt es bald nur noch Fertig-Lasagne in den Regalen?

          Als Vorreiter in Sachen Online-Einkauf gelten die Briten. Zwar gibt es auch dort gefühlt an jeder Ecke einen Supermarkt, aber eigentlich sind es eher Supermärktchen. Es gibt dort den halben Liter Milch fürs Müsli, Lasagne für die Mikrowelle und mundgerecht zerteiltes Obst – viel mehr aber auch nicht. Tesco, eine der führenden Ketten im Land, erzielt schon heute mehr als 8 Prozent des Umsatzes über das Internet.

          Konkurrent Sainsbury’s hat gerade 40 Supermarktprojekte abgesagt. Mancherorts werden selbst fertig gebaute Märkte gar nicht mehr eröffnet. „Das Bild, dass jemand einen Einkaufswagen für die Woche füllt, ist Vergangenheit“, sagt Mark Price, der Chef der Waitrose-Kette.

          Der wirtschaftlichen Veränderung geht wie so oft eine gesellschaftliche voraus. Immer mehr Frauen sind berufstätig, immer mehr Kinder in Kitas und Ganztagsschulen, kurzum: Zumindest im großstädtischen Milieu wird seltener zu Hause gekocht.

          Es geht um „Convenience“

          Zudem steigt der Druck am Arbeitsplatz, Überstunden sind mehr Regel als Ausnahme. Auch wenn in Deutschland rein statistisch jeder Haushalt innerhalb von fünf Minuten Fahrzeit 6,2 Lebensmittelgeschäfte erreicht, auch wenn viele Supermärkte ihre Öffnungszeiten auf 22 oder gar 24 Uhr verlängert haben, auf dass auch der hartgesottenste Workaholic noch einkaufen kann: Es gibt Schöneres, als den Feierabend in der Schlange an der Wursttheke zu verbringen. Oder auf der Suche nach veganem Tofu-Aufstrich.

          Aus Sicht von Unternehmensberatern ist die hohe Ladendichte in Deutschland denn auch kein überzeugendes Argument für den stationären und gegen den Online-Handel. Entscheidend sei nicht die Verfügbarkeit, sondern die „Convenience“, sagt Ludwig Voll, Partner der Beratungsgesellschaft OC&C. „Nehmen Sie den Buchhandel. Es herrschte früher wirklich kein Mangel an Buchhandlungen. Durchgesetzt hat sich das Online-Konzept trotzdem: Weil es bequemer ist.“

          Es sind vor allem die Start-ups, die mit kundenfreundlichen Internetseiten und Smartphone-Apps Bewegung in den Markt bringen. Und damit letztlich auch die klassischen Einzelhandelsketten antreiben. Die haben nämlich per se gar kein so großes Interesse am Online-Geschäft. „Aus Händlersicht ist das alte Modell super: Da übernimmt der Verbraucher die Logistik“, sagt E-Commerce-Fachmann Lars Hofacker vom EHI.

          Läden sind auf Großeinkäufer angewiesen

          Hinfahren, Einkaufszettel abarbeiten, an der Kasse anstellen, einpacken, nach Hause fahren, das alles kostet Zeit und Geld. Deshalb lohnt es sich für die Händler nicht, wenn nur ein paar Großstadtsingles online einkaufen. Wer in diesem Geschäft überleben will, ist auf die Familien angewiesen.

          Drive-in-Modelle wie in Frankreich, wo der Kunde am Supermarkt seinen fertig gepackten Einkaufskorb übernimmt, rechnen sich für den Händler ab einem Warenwert von 50 Euro, schätzen Berater, Lieferdienste sogar erst ab einem Einkauf von 100 Euro. Das ist auch einer der Gründe, warum die meisten Anbieter eine Gebühr nehmen. Der andere ist Psychologie: Wo es eine Liefergebühr gibt, bestellen die Kunden tendenziell mehr – der Einkauf muss sich schließlich lohnen.

          Einer der umtriebigsten Akteure im deutschen Markt ist die Rewe-Gruppe, ihre roten Lieferwagen sind im Straßenbild kaum zu übersehen. In 57 Städten können die Kunden online bestellen, und zwar das komplette Supermarktsortiment mit rund 9000 Artikeln.

          Der Markt für Lieferservice füllt sich

          Geliefert wird ab einem Einkaufswert von 40 Euro, wobei je nach Zeitfenster Gebühren zwischen 2,90 und 4,90 Euro anfallen. Erst ab einem Bestellwert von 100 Euro fährt Rewe gebührenfrei vor. Wettbewerber Edeka hat noch keinen zentral geführten Online-Shop; die Übernahme des Supermarktgeschäfts von Tengelmann dürfte aber nicht zuletzt von dem Wunsch getrieben sein, Zugriff auf den dazugehörigen Lieferdienst Bringmeister zu erhalten.

          Metro wiederum hat sich zu Übungszwecken an dem Internethändler Emmas Enkel beteiligt. Fachleute gehen davon aus, dass auch alle anderen großen Spieler der Branche – Discounter wie Aldi Süd inbegriffen – entsprechende Konzepte in den Schubladen haben. Nur die Otto-Gruppe, die schon im Jahr 2000 einen Online-Supermarkt eröffnete und drei Jahre später mangels Erfolg wieder schloss, will an dieses Modell nicht mehr so recht glauben, vor allem wegen der geringen Margen im deutschen Einzelhandel und wegen der Sparfreude der Verbraucher.

          Fest steht: Das Erscheinungsbild der heutigen Supermärkte wird sich verändern. Nicht mehr die großen „Flachmänner“ auf der grünen Wiese werden die begehrten Einkaufsstätten der Zukunft sein, sondern attraktive, zentral gelegene Läden, in denen das Einkaufen Spaß macht. Seine Filialen sollen zu Treffpunkten für die Bewohner eines Viertels werden, sagt Rewe-Chef Alain Caparros. Den Samstagseinkauf kombiniert mit einem Gläschen Wein und einer Bärlauch-Bratwurst: So lässt es sich aushalten.

          Das Schreckgespenst Amazon

          Doch wie so vieles hat auch der wachsende Lebensmittelhandel im Internet eine Kehrseite. Die Städte werden nicht schöner, wenn überflüssige Supermarktfilialen zu sogenannten Dark Stores werden, zu Läden ohne Fenster also, in denen die bestellte Ware für die Auslieferung zusammengestellt wird. Hinzu kommt der Verpackungsmüll. Die Umsätze der Pappkartonindustrie steigen, und auch die Frage nach den Arbeitsplätzen muss gestellt werden: Investoren schätzen die Start-ups nicht zuletzt, weil diese kaum Festangestellte haben, dafür aber schlechtbezahlte Auftragsfahrer.

          Mit Spannung blickt die Branche auf die Pläne von Amazon. Zwar bringt der Internetgigant hierzulande bereits viele Produkte aus dem sogenannten Trockensortiment, etwa Reis und Nudeln, an seine Kunden. Der schon vor einem Jahr angekündigte Einstieg von Amazon Fresh in den Frische-Lieferdienst lässt aber nach wie vor auf sich warten – mutmaßlich wegen des hohen logistischen Aufwands. Wenn er doch noch kommen sollte, dann könnte das nach Meinung von Fachleuten dem Markt einen kräftigen, vielleicht sogar den entscheidenden Schub geben.

          Bis es so weit ist, bleiben Lebensmittel aus dem Internet ein Nischengeschäft. Die Berater von A.T. Kearney erwarten, dass der Online-Anteil bis zum Jahr 2020 auf 3Prozent steigen wird, EY rechnet immerhin mit 10 Prozent. Diese Größenordnung hält auch EHI-Berater Hofacker für machbar – wenn nicht sogar noch mehr. Hofacker selbst ist jedenfalls begeistert: „Früher stand ich am Supermarkt an einer Feuerschutztür und musste klingeln, um meine Einkäufe abzuholen. Aber jetzt fängt es langsam an, Spaß zu machen.“

          Mitarbeit: Johannes Pennekamp

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