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Dienstleistungen via Internet : Ein Uber für alles

Immer mehr Putzkräfte bieten sich über Online-Portale an. Bild: dpa

Die Putzfrau kommt auf Knopfdruck, das Mittagessen sowieso, und sogar der Designer wird online angeheuert: Für jede nur denkbare Tätigkeit gibt es heute eine Vermittlungsplattform. Für die Mitarbeiter hat das nicht nur Vorteile.

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          Am Donnerstag hat Susanne Meyer volles Programm. Um acht Uhr morgens bricht sie auf zu ihrer Tour durch die Hamburger Stadtteile Eppendorf und Winterhude: In sechs Wohnungen wischt sie die Böden, putzt Fenster, bezieht Betten, bügelt und hängt Gardinen auf. Zwei Stunden braucht sie für kleinere Haushalte, drei bis vier für größere Altbauten. Zwischendurch mal eine kleine Pause, erst wenn es längst dunkel ist, gegen 21 Uhr am Abend, kommt sie nach Hause.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Unterwegs ist sie im Dienste von Helpling, einer Plattform, die ihr viele ihrer Aufträge vermittelt. 12,90 Euro bekommt sie in der Stunde, davon gehen 2,58 Euro als Provision an Helpling. Abzüglich Krankenversicherungsbeiträgen und Steuern bleiben ihr etwa neun Euro in der Stunde, Fahrtzeiten und Pausen werden nicht bezahlt, fürs Alter sorgt sie privat vor. Ein typischer Donnerstag bringt ihr so etwas mehr als 100 Euro ein, im Monat kommt sie auf rund 1500 Euro netto. „Ich arbeite, wann und wie viel ich will. Das finde ich super“, sagt die vierfache Mutter, die mit einem Teil ihres Einkommens das Studium ihrer Tochter finanziert.

          Bei Helpling kann die 52-Jährige angeben, zu welchen Zeiten sie in welchen Stadtteilen putzen möchte. Inzwischen hat sie sich ihre Woche fest eingeteilt: Montags ist sie in Altona, dienstags in St. Pauli, am Mittwoch in Barmbek. Auch sonntags hat sie in der Regel einen bis zwei Aufträge, nur den Samstag versucht sie sich freizuhalten. Die Rechnungen schreibt Helpling – „das spart eine Menge Aufwand“ –, alle zwei Wochen bekommt sie ihr Geld ausbezahlt. Festangestellt zu sein, das kann sich die gelernte Hotelfachfrau heute nicht mehr vorstellen: „Das ist nichts für mich, auf keinen Fall.“

          Washio wäscht die Wäsche, Instacart füllt den Kühlschrank

          Ein festes Einkommen, Kündigungsschutz, bezahlter Urlaub: Auf all das verzichtet Susanne Meyer. Und ist damit bei weitem nicht allein. Denn inspiriert von dem amerikanischen Fahrdienstvermittler Uber, dem Schrecken der Taxibranche, haben sich unzählige Unternehmen mit neuen Beschäftigungsformen gegründet: Sie bringen Menschen, die Zeit haben, zusammen mit Menschen, die Geld haben, aber keine Zeit: Washio wäscht einem die Wäsche, Spoonrocket liefert ein Mittagessen in Restaurantqualität, Instacart füllt den Kühlschrank, und bei Task Rabbit findet man jemanden, der einem wahlweise die Wände streicht, den Hund ausführt oder sich für Konzertkarten in die Schlange stellt. In Amerika spricht man von neuen Start-ups schon als „Uber für X“, wobei das X für jede nur denkbare Aufgabe steht, die jemand anderes für einen erledigen könnte. 1,6 Milliarden Dollar wurden 2013 laut einer Studie von Sherpa Ventures in diese sogenannte On-Demand-Branche gesteckt.

          Nun schwappt der Trend auch nach Deutschland. Die ersten amerikanischen Unternehmen sind hierzulande schon vertreten, andere Geschäftsmodelle wurden von heimischen Start-ups adaptiert: So dürfte für Helpling aus dem Hause Rocket Internet das amerikanische Pendant Homejoy als Vorbild gedient haben, das es inzwischen ebenfalls in einigen deutschen Städten gibt. Mit Eat First haben die Samwer-Brüder, die schon viele in Amerika erfolgreiche Geschäftsmodelle nach Deutschland gebracht haben, in Berlin inzwischen auch ihren eigenen Lieferdienst. Anders als bei einigen amerikanischen Anbietern sind die Fahrer jedoch Festangestellte in Teilzeit- oder Minijobverhältnissen und verdienen 8,50 Euro je Stunde.

          Das Prinzip hinter diesen Plattformen ist nicht neu. Auch früher gab es schon Menschen, die auf Aushängen im Supermarkt anboten, Hunde auszuführen oder zu babysitten. Doch der Siegeszug der Smartphones macht es heute noch so viel schneller, bequemer und einfacher. Experten gehen daher davon aus, dass bald weniger Menschen klassische Nine-to-five-Stellen haben werden. „In nicht allzu ferner Zukunft wird eine Vollzeitstelle bei einem einzigen Unternehmen eher die Ausnahme als die Regel sein“, behauptet etwa der amerikanische Ökonom Arun Sundararajan von der Stern School of Business der New York University in einem seiner Artikel. Schon heute arbeiten nach Angaben der Gewerkschaft Freelancers Union 53 Millionen Amerikaner freiberuflich – ein Drittel aller Erwerbstätigen.

          Mehr Flexibilität, aber auch mehr Unsicherheit

          Auf Deutschland lässt sich dieser Trend nicht eins zu eins übertragen. Schließlich hat die Finanzkrise Amerika 2008 besonders hart getroffen – viele Menschen arbeiten aus der Not heraus freiberuflich. Zudem seien die Deutschen sicherheitsorientierter und es gebe hierzulande stärkere Sozialpartnerschaften, sagt Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability. „Viele Beschäftigungsverhältnisse dauern bei uns immer noch ein Leben lang und versprechen ein gutes Auskommen.“ Die neuen Anbieter würden hingegen häufig mit Ausbeutung verbunden, der Widerstand gegen sie sei noch groß. Doch in einigen Branchen sieht Rump durchaus Potential für neue Geschäftsmodelle, etwa in der Reinigung: „Hier gibt es immer noch so viel Schwarzarbeit, dass die Hemmschwelle in der Bevölkerung, neue Anbieter zu akzeptieren, gering ist.“ So müssen die Reinigungskräfte etwa bei Helpling einen Gewerbeschein vorlegen.

          Für die Arbeitskräfte bedeuten die neuen Beschäftigungsformen auf der einen Seite viel Freiheit und Flexibilität. Jeder kann sich ganz nach seinem eigenen Bedarf etwas hinzuverdienen. Als Susanne Meyers Mann vor 20 Jahren überraschend starb, war sie mit ihren vier Kindern plötzlich allein, und eine feste Anstellung kam nicht mehr in Frage. Heute hat sie genau ausgerechnet, wie viel sie arbeiten muss, um genug Geld zu verdienen. Für viele Aufgaben braucht es zudem nicht einmal eine besondere Qualifikation. Zwar gibt es auch hochqualifizierte Programmierer, die auf Vermittlungsplattformen Aufträge entgegennehmen. Doch wer etwa für Uber fahren will, braucht ein eigenes Auto und einen Führerschein – mehr nicht.

          Gleichzeitig erhöht der Plattform-Kapitalismus aber auch die Unsicherheit für die Arbeitskräfte, Kritiker aus dem Gewerkschaftslager sprechen gar von „moderner Sklaverei“. Denn für viele der jungen Unternehmen ist es ein elementarer Bestandteil des Geschäftsmodells, die Kosten so weit wie möglich zu reduzieren, auch deshalb lieben die Investoren sie so. Sie bezahlen nicht für die Mittagspause, die Fahrtwege oder den Urlaub, nicht in die Arbeitslosen- oder die Krankenversicherung. Ihr Ansatz wirft allerdings auch die Problematik der Scheinselbständigkeit auf. „Wir wissen nicht, wie groß der Abhängigkeitsgrad etwa bei Reinigungsagenturen wie Helpling, Homejoy oder Book a Tiger ist“, sagt der Koblenzer Arbeitsmarktexperte Stefan Sell. „Es gibt aber Hinweise darauf, dass ein Großteil der Arbeitskräfte seine Aufträge im Wesentlichen über eine Plattform bezieht.“

          Ein zweites Kriterium für Scheinselbständigkeit ist, inwieweit die Arbeitskräfte in die Weisungshierarchie des Unternehmens eingebunden sind. Den Plattformen selbst ist die Sensibilität des Themas bewusst. „Wir machen den Reinigungskräften keine Vorschriften, wie viele Stunden oder in welchen Einsatzgebieten sie arbeiten. Es gibt auch keine Uniform. Sie arbeiten vollkommen selbständig“, betont etwa Helpling-Mitgründer Benedikt Franke.

          Geringe Verdienstmöglichkeiten

          Bei vielen internationalen Plattformen sind auch die Verdienstmöglichkeiten gering, weil Menschen aus Niedriglohnländern mit um Aufträge buhlen. Jan Hofmeister, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, stört das im Moment nicht besonders. Er hat gerade sein Grafikdesign-Studium in England abgeschlossen und lebt nun übergangsweise wieder bei seinen Eltern, bis er eine feste Stelle gefunden hat. Um sich ein bisschen Geld zu verdienen, nimmt er ab und zu Design-Projekte auf der Plattform Freelancer.com an, entwirft Logos oder Banner für Websites. Die Arbeit macht ihm Spaß, er sagt aber auch: „Wenn man sich wirklich selbständig machen möchte, sollte man sich von der Plattform fernhalten. Es handelt sich um Dumpingpreise, und man verkauft sich stets unter Wert.“

          So entwarf Hofmeister beispielsweise innerhalb einer Woche ein Logo, für das der Projekthalter recht klare und simple Vorstellungen hatte, und bekam dafür abzüglich der Vermittlungsprovision umgerechnet etwa 35 Euro. Das Design einer Schokoladenverpackung brachte ihm rund 350 Euro, allerdings war er damit fast einen Monat beschäftigt. Es gibt aber auch Plattformen wie Elance oder Odesk, auf denen hochqualifizierte Designer und Webprogrammierer deutlich höhere Löhne durchsetzen können.

          Wie soll man auf die neuen Arbeitsmodelle reagieren? Der amerikanische Professor Sundararajan fordert in seinem Artikel „ein neues soziales Sicherungsnetz“ und sieht dafür nicht nur die Regierungen in der Verantwortung. Für die Unternehmen könne es sich auf lange Sicht sogar bezahlt machen, die Arbeitskräfte besser abzusichern, argumentiert er. Schließlich seien sie häufig der einzige echte Kontakt zum Kunden – und deshalb besonders wichtig für deren Zufriedenheit.

          Einige Unternehmen haben das bereits erkannt. So vermittelte etwa My Clean zunächst freiberufliche Reinigungskräfte. Die meisten schlechten Bewertungen stammten aus dieser Zeit, heißt es in einem Blogeintrag des Unternehmens. Inzwischen ist My Clean dazu übergegangen, seine Reinigungskräfte fest anzustellen. Das hat zwar die Personalkosten deutlich erhöht, aber auch die Zufriedenheit der Kunden und damit die Umsätze. Das Start-up Alfred, auf dem man kleinere Aufträge wie Wäsche bügeln oder den Kühlschrank auffüllen einstellen kann, geht einen ähnlichen Weg: Wer mehr als 20 Stunden arbeitet, wird fest angestellt – mit den entsprechenden Vorzügen.

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