https://www.faz.net/-gqe-7zy2w

Dienstleistungen via Internet : Ein Uber für alles

Ein zweites Kriterium für Scheinselbständigkeit ist, inwieweit die Arbeitskräfte in die Weisungshierarchie des Unternehmens eingebunden sind. Den Plattformen selbst ist die Sensibilität des Themas bewusst. „Wir machen den Reinigungskräften keine Vorschriften, wie viele Stunden oder in welchen Einsatzgebieten sie arbeiten. Es gibt auch keine Uniform. Sie arbeiten vollkommen selbständig“, betont etwa Helpling-Mitgründer Benedikt Franke.

Geringe Verdienstmöglichkeiten

Bei vielen internationalen Plattformen sind auch die Verdienstmöglichkeiten gering, weil Menschen aus Niedriglohnländern mit um Aufträge buhlen. Jan Hofmeister, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, stört das im Moment nicht besonders. Er hat gerade sein Grafikdesign-Studium in England abgeschlossen und lebt nun übergangsweise wieder bei seinen Eltern, bis er eine feste Stelle gefunden hat. Um sich ein bisschen Geld zu verdienen, nimmt er ab und zu Design-Projekte auf der Plattform Freelancer.com an, entwirft Logos oder Banner für Websites. Die Arbeit macht ihm Spaß, er sagt aber auch: „Wenn man sich wirklich selbständig machen möchte, sollte man sich von der Plattform fernhalten. Es handelt sich um Dumpingpreise, und man verkauft sich stets unter Wert.“

So entwarf Hofmeister beispielsweise innerhalb einer Woche ein Logo, für das der Projekthalter recht klare und simple Vorstellungen hatte, und bekam dafür abzüglich der Vermittlungsprovision umgerechnet etwa 35 Euro. Das Design einer Schokoladenverpackung brachte ihm rund 350 Euro, allerdings war er damit fast einen Monat beschäftigt. Es gibt aber auch Plattformen wie Elance oder Odesk, auf denen hochqualifizierte Designer und Webprogrammierer deutlich höhere Löhne durchsetzen können.

Wie soll man auf die neuen Arbeitsmodelle reagieren? Der amerikanische Professor Sundararajan fordert in seinem Artikel „ein neues soziales Sicherungsnetz“ und sieht dafür nicht nur die Regierungen in der Verantwortung. Für die Unternehmen könne es sich auf lange Sicht sogar bezahlt machen, die Arbeitskräfte besser abzusichern, argumentiert er. Schließlich seien sie häufig der einzige echte Kontakt zum Kunden – und deshalb besonders wichtig für deren Zufriedenheit.

Einige Unternehmen haben das bereits erkannt. So vermittelte etwa My Clean zunächst freiberufliche Reinigungskräfte. Die meisten schlechten Bewertungen stammten aus dieser Zeit, heißt es in einem Blogeintrag des Unternehmens. Inzwischen ist My Clean dazu übergegangen, seine Reinigungskräfte fest anzustellen. Das hat zwar die Personalkosten deutlich erhöht, aber auch die Zufriedenheit der Kunden und damit die Umsätze. Das Start-up Alfred, auf dem man kleinere Aufträge wie Wäsche bügeln oder den Kühlschrank auffüllen einstellen kann, geht einen ähnlichen Weg: Wer mehr als 20 Stunden arbeitet, wird fest angestellt – mit den entsprechenden Vorzügen.

Weitere Themen

Topmeldungen

              Polarisiert: Andrea Nahles, hier kurz nach ihrem Rücktritt vom Parteivorsitz im Juni 2019

Wechsel zur Arbeitsagentur? : Nahles oder nicht Nahles

Die SPD will ihre frühere Vorsitzende offenbar zur Chefin der Bundesagentur für Arbeit machen. Die Arbeitgeber zeigen sich irritiert. Denn das Vorschlagsrecht haben eigentlich die Sozialpartner.