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Allianz : Der Kronprinz übernimmt

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Bei der Allianz hat Oliver Bäte schon einmal eine steile Karriere hingelegt: Als Neuling im Konzern sprang er vor sechs Jahren gleich in den Vorstand. Nun erklimmt er die Spitze.

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          Die Allianz steht vor einer Kulturrevolution. Beim Münchener Unternehmen schätzt man Gemütlichkeit und Stallgeruch, offene Kritik ist verpönt. Oliver Bäte, der im Mai 2015 neuer Vorstandschef von Europas größtem Versicherer wird, erfüllt all diese Anforderungen nicht. Der 49-Jährige hat in Köln und New York Betriebswirtschaft studiert und lange für die Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet. Die einen beschreiben ihn als exzellenten Zahlenmenschen, die anderen als unnahbar und kalt.

          Seine Sprache strotze nur so vor Anglizismen und Management-Sprech, erzählt ein Kenner des Unternehmens. „Er ist sehr von sich überzeugt.“ Bäte ist bekannt dafür, dass er kaum ein Blatt vor den Mund nimmt. Der Schnelldenker und Schnellredner analysiert im Blitztempo komplexeste Themen aus der Finanzwelt und redet gern Tacheles – vor allem, wenn er Entwicklungen in der Branche oder gesetzliche Regelungen für Unsinn hält. Misstrauisch beäugt wird Bäte außerdem, weil er das Versicherungsgeschäft nicht von der Pike auf gelernt hat. Der Gegensatz zum bisherigen Chef Michael Diekmann könnte nicht größer sein. Diekmann hat 1988 im Versicherungs-Vertrieb und der Produktentwicklung bei der Allianz angefangen. In München ist er manchmal entspannt in der Kantine anzutreffen, bei den meisten  Mitarbeitern ist er beliebt.

          Bäte hat im Haus keinen guten Ruf

          Sein Nachfolger Bäte hat bei Investoren und Analysten einen besseren Ruf als im eigenen Haus. Der Zahlenmensch kennt die Bedürfnisse der Anleger und hat als Finanzchef dazu beigetragen, dass die Allianz zuverlässig das liefert, was sie versprochen hat. „Er ist ein guter Kommunikator“, sagt Analyst Cohen von Finanzinstitut Canaccord Genuity in London. „Ich gehe davon aus, dass er ein sehr fordernder Chef sein wird.“

          Bäte wurde am 1. März 1965 in Bensberg im Süden von Bergisch Gladbach geboren. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann bei der inzwischen zerschlagenen WestLB und dem Wehrdienst heuerte er 1993 bei McKinsey in New York an. Zwei Jahre später wechselte er nach Deutschland, wo er beim amerikanischen Konzern am die Ende Chef-Berater für Versicherungen und Vermögensverwalter war. In dieser Funktion beriet er auch die Allianz bei der Integration der Dresdner Bank - eine Übernahme, die sich für die Münchner im Nachhinein als großer Fehler entpuppte.

          Bäte verwaltete 650 Milliarden Euro

          In der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite 2008/2009 hatte sich die Allianz gerade noch rechtzeitig von der Dresdner Bank wieder getrennt. Doch es folgte die Euro-Schuldenkrise, und der Schuldenschnitt für Griechenland traf auch die Allianz und ihre Lebensversicherungskunden. Bäte verwaltete als Chefbuchhalter eine Bilanz von rund 650 Milliarden Euro, war erster Ansprechpartner für Investoren und neben dem Vorstandschef derjenige, der die Quartals- und Jahresabschlüsse nach außen verkaufen musste. „Ich hab gedacht, tolles Büro, Fahrer, weniger Arbeit“, erzählte der Rheinländer einmal im Münchner Club Wirtschaftspresse. Stattdessen erlebe er „rund um die Uhr Krisenbetrieb, und das bis heute“.

          Die Allianz war von Bäte, der vom Institutional Investor Magazin 2007 als „Mister Effizienz“ ausgezeichnet wurde, angetan und verpflichtete ihn. 2008 trat er als Vorstand für das operative Geschäft (COO) an - eine Position, die der Konzern neu für ihn geschaffen hatte. 2009 wurde er Finanzchef des Konzerns. Als Bäte Anfang 2013 erneut den Job wechselte und im Vorstand die Zuständigkeit für das Versicherungsgeschäft in West- und Südeuropa übernahmen, ahnten viele Allianz-Kenner bereits, dass er als Nachfolger von Diekmann aufgebaut werden soll. Schließlich bekomme er dadurch etwas Stallgeruch, der in München unabdingbar sei. Bäte verwaltete als Chefbuchhalter eine Bilanz von rund 650 Milliarden Euro, war erster Ansprechpartner für Investoren und neben dem Vorstandschef derjenige, der die Quartals- und Jahresabschlüsse nach außen verkaufen musste. Im Versicherungsgeschäft habe Bäte zuletzt schnell und viel dazu gelernt, sagt ein Allianz-Manager, der ihm anfangs kritisch gegenüberstand. An der Gemütlichkeit aber muss er in den nächsten Jahren noch arbeiten.

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