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Ohne Quote nach oben : Die schwedische Starbankerin

  • -Aktualisiert am

Annika Falkengren sticht hervor in der Welt der graumelierten Anzugmänner Bild: Florian Manz

Annika Falkengren leitet die schwedische Bank SEB. Seit 2006 - ohne Quote, dafür mit Baby. Ehrgeizigen Frauen rät sie: Werdet bloß nicht Personalchef. Ihre Tochter will jedoch lieber Bäckerin statt Bankerin werden.

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          Egal, was Annika Falkengren tut: Sie fällt auf. „Ich brauche nicht im roten Kleid zu kommen“, sagt sie. „Obwohl ich Schwarz trage und versuche, sehr diskret zu sein, bin ich immer noch eine Frau - und sehe anders aus als meine männlichen Kollegen.“ Tatsächlich sticht sie hervor in der Welt der graumelierten Anzugmänner. Klein und schmal ist sie, trägt ihre hellblonden Haare lang und an manchen Tagen ein wenig zu stark über dem Kopf gewölbt. Wie ein Helm sieht das dann aus, ein Schutzhelm gegen die Welt da draußen, die Männerwelt der Banken, ihre Welt.

          Falkengren hat sich darin behauptet und nach oben gekämpft. Seit fünf Jahren leitet sie die zweitgrößte schwedische Bank, die SEB, und ist damit die mächtigste Bankerin Nordeuropas. Vielleicht ist sie sogar die mächtigste Bankerin ganz Europas, denn ihre einzige Konkurrentin um den Titel, Ana Botín, verdankt ihre gute Position in der spanischen Bank Santander auch ihrem Vater, dem Präsidenten der Bank.

          Annika Falkengren hat es ohne Hilfe der Familie geschafft. Als Trainee hat sie 1987 bei der SEB angefangen, kam aus einer Mittelschichtfamilie, ohne Beziehungen nach oben. Sie hat ihre Posten nicht geerbt, von keiner Quote profitiert. Heute ist sie Chefin - und das in der ältesten Privatbank Schwedens, die seit Generationen in Händen einer traditionsbewussten Familie liegt: der Wallenbergs, die halb Schweden kontrollieren.

          Schwedische Starbankerin Annika Falkengren: Wenn es ums Geschäft geht, ist sie ernst, fast schon hart
          Schwedische Starbankerin Annika Falkengren: Wenn es ums Geschäft geht, ist sie ernst, fast schon hart : Bild: REUTERS

          Deutschland, das einstige Sorgenkind

          Dass Falkengren nicht fehl am Platz ist, hat sie am vergangenen Freitag gezeigt, als sie die Zahlen für das vergangene Jahr präsentierte. Die waren unerwartet gut, der Gewinn hat sich gegenüber 2009 beinahe verfünffacht, was daran liegt, dass im Baltikum, wo die SEB die zweitgrößte Bank ist, die Wirtschaft wieder anzieht. Die schlechten Kredite dort, die der SEB stark zugesetzt hatten, werden weniger. Außerdem lief der Heimatmarkt hervorragend. Denn Schweden erlebte 2010 ein noch kräftigeres Wirtschaftswunder als Deutschland. Falkengrens Stern steigt wieder, nachdem er in der Finanzkrise etwas gesunken war. Vorher führte die Zeitschrift „Forbes“ sie in der Liste der mächtigsten Frauen der Wirtschaftswelt in den Top Ten, heute immerhin noch auf Platz 22.

          Wenn Falkengren den deutschen Zweig der SEB in Frankfurt besucht, sieht sie so mächtig gar nicht aus. Eher irritierend normal. Ihren Schutzhelm hat sie niedergeföhnt. Ihr Tross besteht lediglich aus einer Mitarbeiterin. Sie rauscht nicht in den Raum, sondern betritt ihn. Erst auf den zweiten Blick erkennt man einen Hauch von Macht. Betont ruhig lehnt sie sich zurück, lässt die anderen auf sie zu rücken, lächelt nur ab und an, lacht kaum, redet nicht über Belangloses, kommt sofort zur Sache, zum Geschäftlichen.

          Es geht um Deutschland, das einstige Sorgenkind und mittlerweile das Eingeständnis eines Misserfolgs. Rund eine Million deutsche Privatkunden hatte die SEB und Filialen im ganzen Land. Man köderte die Deutschen mit lustigen Ideen wie einem Kredit für null Zinsen, Mittsommer- und Lucia-Aktionen und dem obligatorischen Elch. Trotzdem blieb der Erfolg à la Ikea oder H&M aus. Die SEB machte in Deutschland keinen Gewinn. Jahrelang.

          Sie machte ihre Drohung wahr

          Falkengren wollte das nicht hinnehmen. Zwar lässt sie sich, wie in Schweden üblich, von allen Angestellten mit Annika ansprechen. Der Typ nette Nachbarstochter ist sie aber nicht. Wenn es ums Geschäft geht, ist sie ernst, fast schon hart. Man kann sich vorstellen, dass der Raum um einige Grad abkühlt, wenn sie unzufrieden ist. Damals, bei ihrem Antritt im Jahr 2006, war sie höchst unzufrieden mit dem Management in Deutschland. Sie stellte ihm öffentlich ein Ultimatum. Entweder sie würden in zwei Jahren profitabel oder man müsse andere Wege gehen.

          Der Druck half nicht, also machte Falkengren ihre Drohung war. Sie verkaufte das deutsche Privatkundengeschäft Mitte 2010 an die spanische Großbank Santander (siehe Deutsche SEB-Filialen gehen an Banco Santander). Für 555 Millionen Euro. Da das Ganze die SEB jedoch rund 800 Millionen Euro kostet, ist es ein Verlustgeschäft, was Falkengren auch nicht beschönigt: „Es ist ein großer Verlust. Aber besser jetzt einen Schlag einstecken als noch jahrelang Verluste machen ohne Hoffnung auf bessere Zeiten.“

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