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Alternativen zum Gelenkersatz : Frischzellenkur für Knie und Hüfte

Im Labor von Codon Bild: Foto Codon

Knorpeltransplantat, regenerative Therapie und „Tissue engineering“: Die deutschen Hersteller Codon und Tetec bieten bereits Alternativen zum künstlichen Gelenkersatz an: Auf dem Markt durchgesetzt haben sie sich damit noch nicht.

          2 Min.

          Eine biotechnologische Frischzellenkur könnte in der Zukunft viele Prothesen überflüssig machen. Dazu werden Patienten, die beispielsweise über Knieschmerzen klagen, mit einer Arthroskopie gesunde Knorpelzellen entnommen. Knapp zwei Monate dauert es, bis die Zellen danach im Labor auf die gewünschte Größe gewachsen sind. Dann werden sie dem Patienten wieder eingesetzt – und das zuvor unter Knorpelverschleiß schmerzende Gelenk funktioniert nach einigen Wochen Reha wieder beschwerdefrei. So jedenfalls stellt der Prospekt des Anbieters Codon aus Teltow bei Berlin den idealen Verlauf der Behandlung mit seinem wichtigsten Produkt dar. Regeneration statt künstlicher Ersatz, zwei kleine Eingriffe statt einer großen Operation – das klingt überzeugend.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der Wirklichkeit aber hat Codon viele magere Jahre mit erheblichen Anlaufschwierigkeiten hinter sich. 1993 gegründet und seit 2001 an der Börse notiert, war der zurückliegende Januar der erste profitable Monat in der Unternehmensgeschichte überhaupt. „Wir haben im vergangenen Jahr wichtige Meilensteine erreicht“, sagt der Vorstandsvorsitzende Andreas Baltrusch im Gespräch mit dieser Zeitung. „Die regenerative Medizin, die für viele lange ein Buch mit sieben Siegeln war, hat sich zu einer echten Alternative entwickelt.“

          Groß ist das Geschäft allerdings noch nicht. Verglichen mit den rund 180.000 Kniegelenksprothesen, die im Jahr in Deutschland eingesetzt werden, nehmen sich die 1.100 Knorpeltransplantate, die 2013 von Codon ausgeliefert wurden, bescheiden aus. Doch das Unternehmen verweist auf namhafte Partner wie die private Klinikkette Asklepios und die Charité in Berlin, auf die kürzlich vom Paul-Ehrlich-Institut gewährte Vertriebsgenehmigung – und auf das nach Ansicht des Managements immer noch erhebliche Marktpotential.

          „Richtig spannend wird es bei der Bandscheibe“

          Auf 3,6 Millionen Euro beliefen sich die Erlöse von Codon zuletzt, das war eine Steigerung um ein Drittel gegenüber dem Vorjahr. Die Ziele aber reichen viel weiter. Jedes fünfte Knie- und Hüftgelenksimplantat, sagt Baltrusch, lasse sich durch regenerative Therapien oder „Tissue engineering“, wie die Gewebezucht im Jargon genannt wird, vermeiden. Das entspreche rund 300 Millionen Euro Umsatz allein in Deutschland.

          Die Konkurrenz darum ist nicht besonders ausgeprägt. Der von der Europäischen Union verschärfte, langwierige Zulassungsprozess hat vielen Wettbewerbern die Luft ausgehen lassen. Als Marktführer in Europa bezeichnet sich mit bislang rund 9.000 ausgelieferten Präparaten der in Reutlingen ansässige Anbieter Tetec, der zum Familienunternehmen B. Braun Melsungen gehört. Eine zentrale Zulassung der europäischen Arzneimittelbehörde Ema fehlt Tetec allerdings noch genauso wie Codon. Beide Unternehmen führen zurzeit die dafür nötigen Studien durch – und leben mit der paradoxen Situation, bis auf weiteres auch ohne die Zulassung der Ema ihre Produkte anbieten zu dürfen. Das europäische Verfahren sei teuer und den ohnehin eingeschränkten Einsatzmöglichkeiten nicht angemessen, heißt es aus Reutlingen.

          Aus Teltow kommen deutlich zuversichtlichere Töne. Das Prinzip lasse sich zudem auf andere Felder übertragen. „Richtig spannend wird es bei der Bandscheibe“, verspricht Andreas Baltrusch, der Vorstandsvorsitzende von Codon. „Das ist in Europa ein Drei-Milliarden-Euro-Markt – und wir sind zurzeit der einzige Anbieter mit einem passenden Produkt.“ Rund 700 Patienten mit Bandscheibenbeschwerden seien bisher damit behandelt worden. Ähnlich wie beim Knorpelaufbau werden auch hier körpereigene Zellen in einer Art Brutkasten aufgepäppelt und dann als Polster zwischen den Wirbeln wieder eingesetzt.

          Bis der Vertrieb Fahrt aufnimmt, sind allerdings auch dafür noch umfangreiche Studien nötig. Eine Kapitalerhöhung um 5 Millionen Euro hat sich das Management dafür schon genehmigen lassen. „Ich werde Geld nachschießen“, kündigt der Hauptaktionär und Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Wegener an. Der Biotechnologie-Investor, der einst mit dem Verkauf des von ihm mitgegründeten Diagnostikspezialisten Brahms viel Geld verdient hat, kann inzwischen auch den Einstieg bei Codon als Glücksgriff einordnen: Der Aktienkurs ist seitdem von 60 Cent auf knapp 1,70 Euro gestiegen.

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