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Oft überflüssig : Viele Versicherungen für Senioren taugen nichts

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Heiß umworben: Die ältere Klientel Bild: dpa

„Schutzbrief 55plus“, „Selekta 50 plus“ oder 55plus Gold“ - die Namen der Policen klingen eigentlich immer ähnlich. Wer über 50 ist, wird von den Versicherungen mit speziellen Angeboten umgarnt. Das meiste davon ist überflüssig. Wichtig ist nur die Pflegeabsicherung. Von Dyrk Scherff.

          3 Min.

          „Schutzbrief 55plus“, „Selekta 50 plus“ oder 55plus Gold“ - irgendwie klingt es immer sehr ähnlich, was die Versicherer Menschen in der zweiten Lebenshälfte anbieten. Dem Erfolg tut das keinen Abbruch, das Geschäft brummt. Anbieter wie die Ideal, die sich auf Senioren konzentrieren, haben ihre Prämieneinnahmen in nur einem Jahr verdoppelt. Das ist kein Wunder, denn Menschen über 50 sind vermögend und wollen sich absichern, weil sie ihre Kinder nicht belasten möchten oder weil die weit weg wohnen. Nach Jahren des Zögerns ködern die Versicherungen die Alten daher jetzt mit Policen, die speziell an deren Bedürfnisse angepasst sein sollen. Doch was da angeboten wird, ist meist unnötig.

          „Zu oft wird den alten Menschen noch das Geld aus der Tasche gezogen“, schimpft Lilo Blunck, Geschäftsführerin des Bundes der Versicherten. „Das Provisionssystem verleitet Vermittler offenkundig dazu, Älteren überflüssige Versicherungen aufzudrängen.“ Auch bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso) klagt die Versicherungsexpertin Barbara Keck: „Sehr innovativ sind die meisten Produkte nicht. Sie ähneln stark den vorhandenen. Und sie fokussieren zu wenig auf das Wesentliche.“

          „Besser, man spart normal am Kapitalmarkt“

          Immer noch werden Sterbegeldversicherungen und eine Bestattungsvorsorge verkauft. „Das ist völlig überflüssig. Die Policen zahlen kaum mehr aus, als einbezahlt wurde“, warnt Thomas Koch von der Beratungsfirma Acteam. „Besser, man spart ganz normal am Kapitalmarkt und lässt daraus die Beerdigung bezahlen.“ Da sind die Renditen höher.

          Besonders gut verkaufen sich Unfallversicherungen für Senioren. Marktführer Allianz zum Beispiel hat schon 300.000 davon abgesetzt. Besonders wichtig ist diese Absicherung aber nicht. Denn Unfälle mit bleibenden Schäden kommen entgegen der landläufigen Meinung nicht so häufig vor. „Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Und in mehr als 90 Prozent der Fälle liegt die Invalidität danach bei unter 40 Prozent. Dann wird deutlich weniger ausgezahlt, als sich die Betroffenen erhoffen“, betont der unabhängige Versicherungsberater Stefan Albers aus Montabaur bei Koblenz. Gar nicht versichert ist in vielen Policen der Handbruch. Dabei tritt der im Alter häufig auf.

          Krankheiten sind häufiger als Unfälle

          Viele Kunden genießen trotzdem das Gefühl, für alle Fälle abgesichert zu sein. Das kommt daher, dass die Versicherungen nach einem Unfall ein bisschen Arbeit übernehmen. Da wird dann zum Beispiel eine gute Reha-Einrichtung gesucht und gleich noch eine Haushaltshilfe für die ersten Wochen organisiert - aber selten auch bezahlt. Für allein lebende Senioren mag so ein Angebot sinnvoll sein, für solche mit Angehörigen oder Ehepartner sicher nicht. Und teuer ist das auch.

          Zudem zahlt die Unfallversicherung eben nur nach Unfällen. Viel häufiger sind aber Krankheiten mit dauerhaften Folgen. Wenn ein Patient dann gepflegt werden muss, zahlt das die staatliche Pflegekasse. Das reicht aber nicht aus. Weil viele nicht privat vorgesorgt haben, lebt rund ein Drittel der Menschen in Pflegeheimen von Sozialhilfe. „Das bedeutet: Die wichtigste Absicherung ist eine Pflegepolice und eine gute Geldanlage, um den Lebensstandard halten zu können“, rät Bagso-Expertin Keck.

          Möglichst früh abschließen

          Eine Pflegeversicherung sollte man möglichst früh abschließen. Schließlich schalten die Anbieter dem Vertrag oft eine Gesundheitsprüfung vor - dabei können Ältere nicht mehr bestehen. Einige Versicherer verzichten darauf, sie verlangen aber hohe Beiträge.

          Auch bei der Geldanlage lauern gerade für Ältere Fallen. Versicherungsberater Albers berichtet von dem Fall einer 70-jährigen Frau: Ihr wurde eine Lebensversicherung mit einer ungewöhnlich späten Auszahlung im 85. Lebensjahr angeboten. Sie zahlte dabei für eine Hinterbliebenenversorgung, obwohl sie gar keine Angehörigen hat. Die Beiträge summierten sich auf 4700 Euro - die maximale Auszahlung inklusive der erwarteten Überschüsse aber nur auf 3300 Euro. Das macht eine Rendite von minus 4,7 Prozent im Jahr.

          Haftpflicht ist Pflicht

          Kurioses bietet auch manche Haftpflichtversicherung. So eine Police ist Pflicht. Die Senioren-Variante kann sinnvoll sein, wenn Opa und Oma ihre Enkel beaufsichtigen und die Police Schäden deckt, die die Kinder verursacht haben. Oder für arbeitende Rentner, wenn die Nebenjobs mitversichert sind. Überflüssig sind dagegen meist Policen, die Schäden durch Surfbretter absichern.

          Die Gefahr einer solchen Überversicherung besteht vor allem bei den Komplett-Paketen. Hier werden Versicherungen kombiniert, die längst nicht jeder braucht. Und wenn doch, gibt es sie meist woanders billiger. Berater Koch: „Lieber Verträge mit fünf günstigen Versicherern als einen Komplett-Vertrag bei nur einem Anbieter.“

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