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Mautsystem : Österreich empfiehlt sich als Maut-Vorbild

So wird es richtig gemacht: Die österreichische Autobahnvignette ist profitabel und kommt dem Verbraucher zugute. Bild: dpa

In Österreich finanziert der Staatskonzern Asfinag mit der Autobahnvignette den Straßenbau - und wirft dabei sogar Gewinn ab. Im europäischen Vergleich liegt das „Pickerl“ daher ganz vorne.

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          Die österreichische Straßenbaugesellschaft Asfinag rockt – gemeinsam mit AC/DC. Um die reibungslose Anreise von 120.000 Anhängern der australischen Rockband zu einem Großkonzert in der Steiermark zu gewährleisten, hat das Unternehmen kürzlich die Straßenführung geändert und Markierungen auf die Autobahn geklebt. Ein spezieller Abschleppwagen stand bereit, um liegengebliebene Fahrzeuge über die Leitplanken zu hieven. Obwohl die Veranstaltung an einem Feiertag stattfand, leisteten die Autobahnmeistereien in Vollbesetzung Dienst. So kann staatlicher Service aussehen, und so sieht eine funktionierende Maut aus: Die Asfinag kann sich derlei Sondereinsätze nur deshalb leisten, weil sie sich vollständig aus Straßennutzungsgebühren finanziert.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Während Deutschland mit sich selbst, der Europäischen Kommission und auch mit den Nachbarländern wie Österreich um die jüngst in Berlin beschlossene Pkw-Maut streitet, ist Wien schon viel weiter. Im Auftrag der Zentralregierung erhebt die Asfinag seit 1997 eine solche Gebühr in einem Vignetten-Verfahren, das „Pickerl“ heißt. Für Personenwagen kostet die Autobahnnutzung 84,40 Euro im Jahr, der Preis steigt mit der Inflationsrate. Es gibt auch Pickerl für zehn Tage oder zwei Monate. Lastwagen und Motorräder müssen ebenfalls zahlen, für einige Brücken und Tunnel fallen Extratarife an.

          Transparente Infrastrukturfinanzierung

          Das System spült viel Geld in die Kasse, und trotz hoher Ausgaben bleibt ein satter Gewinn übrig. 2014 sind die Einnahmen der Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft (Asfinag) um 7 Prozent auf 1,97 Milliarden Euro gestiegen. Mehr als 60 Prozent davon stammten aus der Lkw-Maut. Der Jahresüberschuss wuchs um 10 Prozent auf 519 Millionen. Dem Staat kamen einerseits 173 Millionen Euro Körperschaftsteuer zugute, andererseits 200 Millionen Euro als Dividende. „Wir sind wirtschaftlich sehr erfolgreich unterwegs und können die notwendigen Investitionen in Sicherheit und Verkehrsentlastung auch in Zukunft aus eigener Kraft tätigen“, sagt Asfinag-Vorstand Klaus Schierhackl. Der freie Mittelzufluss habe zuletzt 145 Millionen Euro betragen.

          Im Unterschied zur Infrastrukturfinanzierung in Deutschland gibt es in Österreich ein geschlossenes und transparentes System: Jeder Nutzer, egal, ob In- oder Ausländer, muss zahlen, woraufhin das Geld zweckgebunden in den Straßenbau fließt. Am Ende, auch das ist außergewöhnlich, bleiben sogar Mittel übrig. Freilich gilt das nur für das operative Geschäft, denn die hohen Investitionen erfordern Fremdkapital. 2014 hat die Asfinag 910 Millionen Euro in Straßen, Brücken, Tunnel gesteckt, 30 Prozent mehr als 2013. Im laufenden Jahr sollen es eine Milliarde Euro werden, bis 2020 insgesamt 7,2 Milliarden.

          Das „Pickerl“ ist Österreichs Stolz

          Um das zu stemmen, nahm der Konzern zuletzt 123 Millionen Euro an neuen Verbindlichkeiten auf, der Gesamtschuldenstand erreichte 11,6 Milliarden Euro. Die Eigenkapitalquote der Gesellschaft beträgt knapp 24 Prozent. Würde die Asfinag keine neuen Straßen bauen und ihre Einnahmen stattdessen in die Schuldentilgung stecken, hätte sie ihre Außenstände nach 20 Jahren abgezahlt. Das klingt lang, ist aber der kürzeste Wert in der Unternehmensgeschichte und unterschreitet die Lebensdauer einer Autobahn um zehn Jahre.

          Österreich ist stolz auf sein Pickerl-System. In einem Vergleich der sieben Mautsysteme in der EU durch die Europäische Kommission habe das österreichische Verfahren 2010 ganz vorn gelegen, teilt die Asfinag mit. Bezogen auf das Streckennetz, koste ein Kilometer Autofahrt etwa 0,04 Euro im Jahr. Von Österreichs fünf Nachbarländern mit Vignetten belaste nur die Schweiz ihre Autofahrer geringer. Am höchsten seien die Gebühren in Slowenien mit 0,18 Euro, gefolgt von Ungarn und der Slowakei.

          Die bundeseigene Asfinag verkaufte 2014 mehr als 24 Millionen Pkw-Vignetten, womit sie 430 Millionen Euro einnahm. Das Unternehmen beschäftigt 2600 Mitarbeiter, die sich um 160 Tunnel, 5200 Brücken und 2200 Kilometer Straße kümmern. Zum Vergleich: Das deutsche Autobahnnetz ist fast 13.000 Kilometer lang.

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