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Ölsuche in der Arktis : Der Milliardenflop von Shell

Die Shell-Plattform „Polar Pioneer“ vor der Küste Alaskas. Bild: AFP

Der Energieriese Shell scheiterte in Alaska nicht am Widerstand der Umweltschützer. Sondern ganz schlicht an Geologie und Betriebswirtschaft.

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          „Drei Jahre lang haben wir ihnen die Stirn geboten und das Volk hat gesiegt“, jubelt John Sauven, Großbritannien-Chef der Umweltschutzgruppe Greenpeace. Doch tatsächlich hat der am Montag verkündete Rückzieher des Energieriesen Shell bei seiner umstrittenen Ölsuche in der Arktis weniger mit ökologischen Bedenken als mit Geologie und Betriebswirtschaft zu tun: Eine während der Sommermonate fertiggestellte erste Explorations-Bohrung verlief enttäuschend. Die Shell-Ingenieure stießen in der Tschuktschensee zwischen Alaska und Sibirien auf viel weniger Öl und Gas als erhofft. Zugleich hat sich der Ölpreis seit dem Sommer 2014 rund halbiert und damit die extrem teure Ölsuche im hohen Norden auch wirtschaftlich infrage gestellt.

          Marcus Theurer
          (theu.), Wirtschaft

          Für Europas größten Ölkonzern ist es die schwerste Schlappe seit langem: „Das ist eindeutig ein enttäuschendes Ergebnis“, räumte Shell-Vorstand Marvin Odum ein. Sieben Jahre lang hat das Unternehmen gegen den erbitterten Widerstand von Umweltschützern rund um den Globus sein Glück in der Tschuktschensee versucht. Doch nun bläst Shell bereits nach der der ersten Testbohrung das Projekt ab: „Shell wird seine Explorationstätigkeit vor der Küste von Alaska auf absehbare Zeit beenden“, kündigte das Unternehmen an.

          Erst im Juli hatte der Konzern dagegen nach jahrelangen Verzögerungen einen neuen Anlauf genommen. Und eine Armada von 30 Schiffen und zwei Bohrinseln in Richtung Tschuktschensee in Gang gesetzt.

          Die gescheiterte Ölsuche in den eisigen Gewässern der Arktis wird nun wohl zum Milliardengrab. In der Konzernbilanz ist das Vorhaben bisher mit rund 3 Milliarden Dollar (2,7 Milliarden Euro) bewertet. Shell warnte an diesem Montag, dass darauf Abschreibungen vorgenommen werden müssten. Analysten der Deutschen Bank schätzen, dass sich die Gesamtkosten des Flops sogar auf annähernd 9 Milliarden Dollar summieren.

          Besonders brisant ist dieser Vergleich: In den vergangenen Jahren flossen rund 15 Prozent des gesamten Budgets von Shell für die Suche nach neuen Lagerstätten in das Projekt - das nun voraussichtlich keinen einzigen Tropfen Öl liefern wird.

          „Artefakt aus einer Welt überhöhter Ölpreise“

          Das Urteil der Analysten fiel am Montag vernichtend aus: „Die gesamte Episode war sowohl für das Ansehen als auch finanziell ein sehr teurer Fehler“, kommentierten die Energieexperten der Deutschen Bank. Viele Shell-Aktionäre dürften in Wahrheit erleichtert sein, dass der Konzern das Projekt stoppe, vermuten sie.

          Die Analysten der Schweizer Großbank UBS bezweifeln, dass die Investition in der Tschuktschensee wirtschaftlich rentabel gewesen wäre, selbst wenn Shell dort auf vielversprechendere Ölvorkommen gestoßen wäre. Zu hoch wären die zu erwartenden Förderkosten angesichts des drastisch gefallenen Ölpreises gewesen. Die Ölsuche im Eismeer der Arktis wirke mittlerweile wie ein „Artefakt aus einer Welt mit überhöhten Ölpreisen“.

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