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Ölkonzerne in Russland : Inszenierte Zufälle

  • -Aktualisiert am

Die Zentrale der TNK-BP in Moskau Bild: REUTERS

Die russische Regierung inszeniert ein neues Störmanöver gegen westliche Ölkonzerne. Die britisch-russische TNK-BP gerät ins Visier der Behörden. Nutznießer könnte der staatliche Konzern Gasprom sein.

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          Alles Routine, heißt es von russischen Behörden und von einem Sprecher des britisch-russischen Erdölkonzerns TNK-BP. Seit mehreren Tagen reißen aber die Negativschlagzeilen über das Gemeinschaftsunternehmen des britischen Energiekonzerns BP und von russischen Investoren nicht mehr ab. In dieser Woche musste BP 148 Mitarbeiter aus TNK-BP abziehen, weil es Probleme mit den Visa der Mitarbeiter gegeben haben soll. Die Aufenthaltsbestimmungen in Russland sind im vergangenen Jahr verändert worden und stehen seitdem auch im Mittelpunkt vieler Diskussionen zwischen ausländischen Unternehmen und den russischen Behörden.

          Die nicht völlig klare Gesetzeslage sowie die Bürokratie machen es den Unternehmen teilweise schwer, sich den Bestimmungen gemäß zu verhalten. Bei TNK-BP, dem nach eigenen Angaben drittgrößten russischen Erdölproduzenten, geht man davon aus, dass es sich um ein temporäres Problem handelt. Derzeit werde bei TNK-BP wie immer gearbeitet, sagte ein Unternehmenssprecher.

          Unerwarteter Besuch

          Eine Sprecherin des Innenministeriums hatte zudem in dieser Woche verlautbart, dass ein Steuerverfahren gegen die frühere Erdölgesellschaft Sidanko eingeleitet worden sei, die eines der Gründungsunternehmen von TNK-BP im Jahr 2003 gewesen war. Das Verfahren laufe bereits seit Sommer 2007. Die eigenartigen Vorfälle rund um TNK-BP hatten schon in der vergangenen Woche begonnen. Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB hatten der Zentrale von TNK-BP und einer Repräsentanz von BP in Moskau unerwarteten Besuch abgestattet. Der FSB sagte, die Durchsuchungen stünden im Zusammenhang mit einem Strafverfahren gegen einen 29 Jahre alten Analytiker bei TNK-BP und dessen Bruder. Der Geheimdienst wirft den beiden widerrechtliches Sammeln von Informationen im Auftrag ausländischer Rohstoffkonzerne zum Schaden russischer Konkurrenten vor.

          Nun meldete sich auch noch das russische Ministerium für natürliche Ressourcen und teilte mit, dass das größte Erdölfeld von TNK-BP inspiziert werden würde. Beobachter werteten es als schlechtes Omen, dass Oleg Mitwol, der stellvertretende Direktor der Umweltbehörde Rosprirodnadsor, die Leitung der Inspektion übernehmen soll. Dabei wurden böse Erinnerungen wach: Mitwol war bereits an den Untersuchungen gegen das von Royal Dutch Shell geleitete Projekt Sachalin-2 beteiligt.

          Die Prüfung durch Mitwol führte dazu, dass der staatlich kontrollierte russische Erdgaskonzern Gasprom die Kontrolle über Sachalin-2 übernehmen konnte. Die ebenfalls ins Spiel gebrachten Steuerverfahren erinnern an das Verfahren der russischen Behörden gegen den ehemals größten privaten Erdölkonzern in Russland, Yukos. Der wurde in den Konkurs getrieben, dessen früherer Hauptaktionär, Michail Chodorkowski, sitzt eine Haftstrafe in Sibirien ab.

          Brodelnde Gerüchteküche

          Die russischen Behörden dementieren, dass es sich bei den Ereignissen um eine konzertierte Aktion handelt. In der Moskauer Gerüchteküche brodelt es jedoch heftig: Sollten mit dem behördlichen Druck die russischen Investoren dazu gezwungen werden, ihre Anteile an ein staatliches Unternehmen zu verkaufen? Soll dadurch der Abschluss des Verkaufs der Anteile am Erdgasfeld Kowikta an den russischen Erdgaskonzern Gasprom beschleunigt werden? Oder stehen die Aktionäre von TNK-BP selbst in einer Auseinandersetzung um die Kontrolle des Konzerns? TNK-BP ist ein Gemeinschaftsunternehmen zwischen BP und russischen Geschäftsmännern, die sich im Konsortium AAR zusammengeschlossen haben.

          AAR ist die Abkürzung für Alfa Group von Michail Fridman, Access Industries von Leonid Blawatnik und Renova von Wiktor Wekselberg. TNK-BP gehört den beiden Gruppen je zur Hälfte. Es ist aufgrund des großen ausländischen Anteils eine Besonderheit in der russischen Erdölbranche, die in den vergangenen Jahren einen stärkeren Einfluss des russischen Staates erfahren hatte. Seit diesem Jahr dürfen laut Vereinbarung die russischen Investoren ihre Anteile verkaufen. Es machten Spekulationen die Runde, dass Gasprom die Anteile der russischen Investoren kaufen möchte. Beide Seiten dementierten solche Gerüchte.

          Routine oder Daumenschraube?

          Eine weitere offene Frage dreht sich um die endgültige Abwicklung des Verkaufs des Anteils von 62,9 Prozent am riesigen Erdgasfeld Kowikta an Gasprom. Im vergangenen Jahr war TNK-BP wegen angeblicher Verletzungen von Umweltschutzbestimmungen und der Nichterfüllung von Lizenzauflagen dermaßen unter Druck geraten, dass das Unternehmen in den Verkauf eingewilligt hatte. Die Transaktion ist noch nicht über die Bühne gegangen. Gasprom soll dem Vernehmen nach darüber ungehalten sein.

          BP war von Beobachtern zugebilligt worden, im Vergleich mit den Konkurrenten wie Royal Dutch Shell oder Exxon Mobil durch das Jointventure mit russischen Partnern das bessere Modell für den russischen Markt gewählt zu haben. BP hatte im Jahr 2003 knapp 7 Milliarden Dollar in TNK-BP investiert, was damals auch als Zeichen gewertet worden war, dass sich das Investitionsklima in Russland verbessert habe. Wohl um die Investitionen in Russland zu schützen, machte BP auch einige Spielchen im Sinne des Kremls mit. So nahm der britische Konzern im vergangenen Jahr an einer Auktion um Yukos-Aktiva teil, um dieser den Anschein der Legitimität zu verschaffen.

          Für BP hat Russland eine große Bedeutung: Knapp ein Fünftel der gesamten Produktion des Erdölkonzerns stammt von TNK-BP, die Erdöl- und Erdgasreserven der russischen Einheit machen etwa 19 Prozent der Gesamtreserven aus. Das Engagement von BP in Russland war aber von Beginn an schwierig. So war TNK-BP bereits 2006 dazu gezwungen, bis zu 1,5 Milliarden Dollar im Zug eines Steuerverfahrens zu zahlen. Ob die vergangenen Ereignisse tatsächlich nur Routineuntersuchungen waren oder doch als Anziehen der Daumenschrauben zu bewerten sind, ist noch offen. Für TNK-BP dürfte aber 2008 ein entscheidendes Jahr werden.

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