https://www.faz.net/-gqe-yswe

Ölindustrie : Im Jahr danach laufen die Geschäfte bestens

„Verdammt, wie konnte das passieren”: Explosion auf der Bohrinsel „Deepwater Horizon” am 21. April 2010 Bild: dpa

Vor einem Jahr explodierte die Deepwater-Bohrinsel. Der Branche hat das kaum geschadet: Dank des hohen Ölpreises machen die Unternehmen und ihre Zulieferer wieder glänzende Geschäfte. Geändert hat sich wenig. Für BP indes sind die Folgen immens.

          4 Min.

          Am Morgen des 21. April 2010 saß Tony Hayward in seinem Londoner Hotel beim Frühstück, als das Handy des BP-Chefs klingelte. Es war kurz vor halb acht Uhr, und am anderen Ende war sein Vorstandskollege Andrew Inglis, der sich aus dem texanischen Houston meldete. „Verdammt, wie konnte das passieren?“, soll Haywards erste Reaktion gewesen sein, als Inglis ihn über die Explosion auf der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ informierte.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Unglück im Golf von Mexiko riss elf Arbeiter in den Tod. Als es BP nach drei Monaten endlich gelang, das Leck in rund 1500 Metern Wassertiefe zu schließen, waren geschätzte 780 Millionen Liter Rohöl ins Meer geflossen. Es war die größte Ölkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

          Nettoverlust von 4,9 Milliarden Dollar

          Nach dem Unfall sollte alles anders werden in der Ölbranche - vor allem sicherer. Doch ein Jahr später zeigt sich: Geändert hat sich nur wenig. Die Ölindustrie bleibt ein Geschäft mit hohen Risiken. Weil der Ölpreis im Höhenflug ist, wird so viel nach Öl gebohrt wie vor dem Unfall. Denn es geht um ein Milliardengeschäft. Die aufwendige Tiefseeförderung lohne sich von einem Ölpreis von etwa 60 bis 70 Dollar je Fass an, sagt die Ölexpertin Julie Wilson vom britischen Beratungsunternehmen Wood Mackenzie. Zurzeit liegt der Marktpreis des schwarzen Goldes fast doppelt so hoch.

          Immenser Schaden: BP hat 2010 einen Nettoverlust von 4,9 Milliarden Dollar ausgewiesen

          Für BP sind die Folgen des Unfalls allerdings immens: Anfangs schob das Unternehmen die Verantwortung vor allem auf andere: Betreiber und Eigentümer der Bohrplattform war der Dienstleister Transocean. Es sei dessen Unfall, nicht der von BP. Aber Transocean handelte im Auftrag des Energieriesen, und das Öl, das den Golf von Mexiko vergiftete, gehörte BP. Der Aktienkurs des Energieriesen hat sich während des Umweltdramas zeitweise mehr als halbiert und ist auch heute noch 30 Prozent niedriger als vor einem Jahr. BP ist an der Börse rund 40 Milliarden Euro weniger wert als damals.

          BP hat allein 2010 Kosten und Rückstellungen von 41 Milliarden Dollar verbucht und einen Nettoverlust von 4,9 Milliarden Dollar ausgewiesen. Der Rechtsstreit um Strafzahlungen im möglicherweise zweistelligen Milliardenbereich wird wohl viele Jahre dauern. BP ist ein geschwächter Riese. Zeitweise galt der Konzern als Übernahmekandidat, hat aber bisher seine Eigenständigkeit bewahrt. Tony Hayward räumte fünf Monate nach dem Anruf aus Houston seinen Schreibtisch. Inzwischen ist der Amerikaner Bob Dudley BP-Chef, und das Unternehmen ist bereits in die nächste Krise geschlittert: Um TNK-BP, die wichtige Russlandsparte des Konzerns, tobt ein Gesellschafterstreit.

          „Die Häufung der Sicherheitsprobleme war auffällig“

          Die Bohrungen in der Tiefsee gehen derweil überall auf der Welt weiter. Ein Konsortium der großen Ölkonzerne hat inzwischen ein neues System entwickeln lassen, das es ermöglichen soll, Öllecks am Meeresboden schneller abzudichten. Doch es ist bisher nur an Land getestet worden. Auch die Technik der Absperrventile, der sogenannte Blowout-Preventer, der eigentlich eine Katastrophe wie im Golf von Mexiko verhindern sollte, ist nicht verbessert worden.

          Der Hamburger Ölfachmann Steffen Bukold urteilt, dass „der Kurs der Ölbranche sich kaum verändert“ habe. Sein Fazit: „Die Risiken sind nach wie vor hoch.“ Denn die Ölförderung wird immer schwieriger und aufwendiger. Besonders in der Tiefsee birgt sie erhebliche Unwägbarkeiten. „Im Mai letzten Jahres konnte in der Nordsee ein Bohrunfall ähnlich wie im Golf von Mexiko nur in letzter Sekunde verhindert werden“, sagt Bukold. Besonders wenn es darum geht, Salzschichten tief unter dem Meeresspiegel zu durchbohren, „ist das auch mit modernster Technik immer wieder ein risikoreiches Unterfangen“. Allerdings räumt Bukold ein, dass Bohrunternehmen umsichtiger agieren, als es BP bisher getan hat. „Die Häufung der Sicherheitsprobleme bei BP in den vergangenen zehn Jahren war auffällig.“

          Weitere Themen

          Woran die Preisträger geforscht haben

          Nobelpreis für Wirtschaft : Woran die Preisträger geforscht haben

          Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.

          Topmeldungen

          Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der PiS-Partei, spricht am Wahlabend zu Unterstützern und Journalisten.

          Parlamentswahl in Polen : National und sozial

          Polens Regierungspartei hat in den vergangenen vier Jahren wenig Respekt für demokratische Gepflogenheiten und den Rechtsstaat gezeigt. Die Opposition konnte dem nun wenig entgegensetzen – für die Demokratie ist das eine schlechte Nachricht.
          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Die Grünen : Was das Klima kostet

          Den Grünen wird immer wieder vorgeworfen, mit ihrem Programm vor allem diejenigen anzusprechen, denen es nichts ausmacht, tiefer in die Tasche zu greifen. Fest steht: In höheren sozialen Schichten sind sie besonders erfolgreich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.