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Ölindustrie : Das Milliardenloch

Flickwerk: Es dauerte Monate, bis kein Öl mehr aus dem Leck unter der Plattform Deepwater Horizon strömte Bild: dpa

BP ist kein Einzelfall: Die Risiken in der Ölindustrie wachsen sprunghaft. Wie zuverlässig arbeiten die Subunternehmer der Konzerne?

          3 Min.

          Die große Schlacht soll erst nächsten Monat beginnen, aber die juristischen Geschütze werden bereits jetzt in Stellung gebracht. Für den 27. Februar hat der Bezirksrichter Carl Barbier aus dem amerikanischen Bundesstaat Louisiana den ersten Verhandlungstag angesetzt. Ab diesem Tag wird in seinem Gerichtssaal in New Orleans um astronomische Summen gestritten: Wer muss die Rechnung begleichen für die größte Ölkatastrophe der amerikanischen Geschichte? Knapp zwei Jahre nach der Explosion der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko werden der verantwortliche britische Ölkonzern BP und weitere Unternehmen zur Rechenschaft gezogen. In dem juristischen Showdown in New Orleans werden Hunderte von Klagen zusammengefasst.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          BP will nicht allein schuldig sein. Am Dienstag wurde bekannt, dass Europas zweitgrößter Ölkonzern vom amerikanischen Unternehmen Halliburton womöglich mehr als 40 Milliarden Dollar Schadensersatz fordert. Halliburton, einer der wichtigsten Dienstleister für die Öl- und Gasindustrie, hatte vor dem Unfall im Auftrag von BP wichtige Betonarbeiten an dem Bohrloch in der Tiefsee ausgeführt und soll dabei schwere Fehler gemacht haben.

          Investitionen in die Öl- und Gasförderung 2011

          Bei dem Unfall am 21. April 2010 waren elf Arbeiter ums Leben gekommen. BP brauchte drei Monate, um ein Leck in rund 1500 Meter Wassertiefe abzudichten. In der Zwischenzeit liefen Schätzungen zufolge knapp 800 Millionen Liter Rohöl ins Meer und verschmutzten die amerikanische Golfküste. BP hat bisher Schadensrückstellungen von 42 Milliarden Dollar gebildet. Der Energieriese hat sich bis heute nicht von diesem Schlag erholt. Falls dem Unternehmen und seinen Partnern grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden sollte, könnten die Kosten des Unglücks noch weit höher ausfallen.

          Im Grunde sitzt bei dem Mammutprozess in New Orleans „Big Oil“ auf der Anklagebank. „Die BP-Katastrophe im Golf war ein Weckruf für die gesamte Ölindustrie“, sagt Geoffrey Maitland, Professor für Energietechnik am Imperial College in London. Im Gerichtssaal werden nicht nur die folgenschweren Schlampereien von BP verhandelt. Indirekt geht es auch darum, wie riskant es ist, wenn große Konkurrenten wie Exxon-Mobil („Esso“), Shell, Chevron („Texaco“) oder Total nach Öl bohren. Die Wettbewerber sagten nach dem BP-Unglück unisono, ihre eigenen Sicherheitsstandards seien weit besser als die der Briten. Ob dem wirklich so ist, könnte sich in der Gerichtsverhandlung erweisen.

          „Systemimmanente“ Sicherheitsrisiken in der Ölindustrie

          Eine zentrale Frage wird dabei sein, wie groß die Mitschuld von Halliburton und anderen Dienstleistern an der Ölkatastrophe im Golf ist. Denn die gesamte Branche ist Kunde bei diesen Unternehmen. Wenn Halliburton und der ebenfalls verwickelte Bohrplattform-Betreiber Transocean im Fall von BP schludrig gearbeitet haben sollten, wie zuverlässig sind die Helfer dann, wenn sie für Shell und Exxon-Mobil aktiv sind? Schon vor einem Jahr warnte eine vom amerikanischen Präsidenten Barack Obama eingesetzte Untersuchungskommission vor „systemimmanenten“ Sicherheitsrisiken in der Ölindustrie und bei den amerikanischen Aufsichtsbehörden für die Branche.

          Die Dienstleister waren vor dem Unglück in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, aber bei der Jagd nach Energie geht ohne sie fast nichts. Die Ölriesen investieren zwar Milliarden, haben aber große Teile der Arbeit an solche Subunternehmer ausgelagert. Halliburton etwa beschäftigt rund um den Globus mehr als 60000 Mitarbeiter, die auf praktisch allen Stufen der Öl- und Gasförderung mitarbeiten. Transocean ist der weltgrößte Betreiber von Bohrplattformen und vermietet seine Ausrüstung einschließlich Personal an die Ölkonzerne.

          Die finanziellen Risiken im Falle von Betriebsunfällen wachsen exponentiell. Transocean ist inzwischen auch in Brasilien ins Visier der Ermittler geraten. Dem Unternehmen drohen in dem südamerikanischen Land hohe Strafen. Im November waren dort nach einem Unfall knapp 3000 Fass Öl ins Meer gelaufen. Das ist zwar nur ein Bruchteil der im Golf ausgetretenen Menge, aber brasilianische Staatsanwälte fordern von dem verantwortlichen Ölkonzern Chevron und seinem Dienstleister Transocean 10,6 Milliarden Dollar Schadensersatz. Darüber hinaus müssen die Unternehmen möglicherweise das Land verlassen.

          Auch andere Konzerne sind vor Pannen nicht gefeit. Der norwegische Staatskonzern Statoil schrammte im Frühjahr 2010 nur knapp an einer Katastrophe vorbei. „Nur durch glückliche Umstände“ sei eine ähnliche Explosion - ein sogenannter „Blowout“ - wie im Fall der Deepwater Horizon verhindert worden, bilanzierte Norwegens Aufsichtsbehörde. Im schottischen Gannet-Feld des britisch-niederländischen Ölkonzerns Shell leckte im Sommer über mehrere Tage hinweg eine überalterte Ölleitung in der Nordsee. Zwar war auch diese Ölmenge minimal im Vergleich zur Golf-Katastrophe, aber Shell geriet wegen seiner zögerlichen Informationspolitik in die Kritik.

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