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Ökostrom : Lichtblick und VW fehlen Kraftwerkskunden

Ein Zuhause-Kraftwerk von Lichtblick Bild: ddp

Das Prestigeprojekt des Ökostromanbieters Lichtblick bleibt hinter den Erwartungen zurück. Kaum ein Kunde will sich eines der angebotenen Minikraftwerke in seinem Keller installieren.

          Deutschlands größter Ökostromanbieter kämpft mit seinen Plänen für ein virtuelles Kraftwerk. Zwei Jahre nachdem die Lichtblick AG aus Hamburg damit begonnen hat, ein Netz von Minikraftwerken in den Kellern von Tausenden Wohn- und Gewerbehäusern aufzubauen, kommt das Prestigeprojekt noch immer nicht richtig in Fahrt. Bisher wurden etwas mehr als 500 dieser Anlagen installiert.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Nach den ursprünglichen Plänen sollten es mindestens doppelt so viele sein. Langfristig soll das Netz sogar rund 100.000 Geräte umfassen. Zusammengeschaltet sollten diese Energiespender ein virtuelles Großkraftwerk mit der Leistung zweier Kernreaktoren bilden, das den etablierten Stromkonzernen Konkurrenz macht und Lichtblick wieder in Schwung bringt. Nach anfänglich stürmischem Wachstum hat das Unternehmen zuletzt kaum noch neue Privatkunden gewonnen.

          Neue Unternehmensspitze

          Die Probleme mit dem sogenannten „Schwarmstromprojekt“ kosteten den einstigen Vorstandsvorsitzenden Christian Friege vor wenigen Wochen seinen Posten. Treibende Kraft hinter der Absetzung war nach Informationen dieser Zeitung der Lichtblick-Gründer und Mehrheitseigner Michael Saalfeld. Er traute Friege nicht mehr zu, das wichtige Projekt in den Griff zu bekommen. Kurzerhand installierte der Aufsichtsrat den Mitgründer und ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Heiko von Tschischwitz wieder an der Unternehmensspitze. Dieser soll nun durchgreifen und das Projekt endlich auf die Spur bringen.

          Dass der Durchbruch bisher ausblieb, hat mehrere Gründe. Zum einen soll die Entwicklung der gasbetriebenen Anlagen länger gedauert haben als geplant. Sie werden von Volkswagen im Werk in Salzgitter hergestellt. In Branchenkreisen heißt es, der Konzern habe einige Komponenten der Geräte nachbessern müssen. Zum anderen soll Lichtblick seine internen Abläufe nicht schnell genug auf das Mammutprojekt umgestellt haben. In informierten Kreisen heißt es, unter dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Friege seien drei verschiedene Abteilungen mit dem Vorhaben befasst gewesen.

          Problematisch war die ineffiziente Struktur

          Sie gehörten zu unterschiedlichen Unternehmensbereichen und berichteten an verschiedene Vorstände. Diese Struktur soll sich in der Praxis als ineffizient erwiesen haben. Technik, Vertrieb und Kundenbetreuung hätten sich untereinander zu wenig abgestimmt. Der neue Vorstandsvorsitzende hat die drei Abteilungen in einer Einheit zusammengeführt und will das Personal aufstocken. Tschischwitz hat das „Schwarmstromprojekt“ nun offenbar zur Chefsache erklärt. Zudem musste die Leiterin der Unternehmensentwicklung gehen. Für den Posten hat Lichtblick einen Fachmann von einem großen Energieversorger gewonnen. Das soll Anfang August bekanntgegeben werden.

          Die Lichtblick AG gehört zu mehr als 70 Prozent dem Gründer und Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Saalfeld. Der Vorstandsvorsitzende Heiko von Tschischwitz hat 4,3 Prozent, die übrigen Anteile verteilen sich auf eine Gruppe norddeutscher Kaufleute, darunter der Reeder Bernd Kortüm, der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Conergy, Dieter Ammer, sowie zwei Nachkommen des Bielefelder Unternehmers August Oetker. Im vergangenen Jahr hat Lichtblick 623 Millionen Euro umgesetzt, das war gut ein Zehntel mehr als 2010. Allerdings ist die Umsatzrendite vor Steuern mit 3,5 Prozent relativ dünn.

          Zudem stagniert die Zahl der versorgten Haushalte seit drei Jahren bei rund einer halben Million. Zwar gewinnt Lichtblick noch Großkunden, doch auch in diesem Geschäft zeichnet sich eine Sättigung ab. Die Hamburger bekommen zu spüren, dass der Markt für Ökostrom sich von der Nische zum Massenmarkt entwickelt hat. Auch das Wachstum der Nummer zwei unter den reinen Ökostromanbietern, der Düsseldorfer Naturstrom AG, verliert an Tempo. Die Elektrizitätswerke Schönau, Nummer drei auf dem Markt, berichten ebenfalls von verschärftem Wettbewerb durch neue Anbieter.

          Für Lichtblick geht es nun darum, verlorene Zeit aufzuholen. Als das Projekt vor drei Jahren angekündigt wurde, war die Aufmerksamkeit groß. Lichtblick war eines der ersten Unternehmen, die ein konkretes Schwarmstromprojekt in Angriff nahmen. Inzwischen arbeitet eine ganze Reihe von großen Unternehmen an vergleichbaren Vorhaben.

          Der Stromkonzern Vattenfall will Tausende Mini-Anlagen zusammenschalten, die sowohl Strom als auch Wärme erzeugen können (Kraft-Wärme-Kopplung). In Hamburg hat der Konzern dieses Modell schon erfolgreich getestet, es soll nun bundesweit wachsen und wird dem Angebot von Lichtblick unmittelbar Konkurrenz machen. Auch die Deutsche Telekom ist in den Markt eingestiegen, ebenso wie der Stromversorger RWE. Der Startvorteil, den Lichtblick noch vor einigen Jahren hatte, ist dahin.

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