https://www.faz.net/-gqe-y7ca

Ökonomie des Karnevals : Helau, Alaaf und klingelnde Kassen

Bild: Andreas Brand / F.A.Z.

An diesem Donnerstag beginnt im Rheinland der Karneval. Das jecke Treiben ist längst nicht nur Spaß. Für Taxifahrer, Kneipenwirte und Kostümverkäufer ist es ein Riesengeschäft. Doch nicht jedes lokale Traditionsunternehmen profitiert.

          8 Min.

          Auf einer seitlichen Empore in Dieter Wengers Werkshalle lagern die ausrangierten Köpfe. Überlebensgroß, auf- und nebeneinandergestapelt zu fragilen Haufen, verschwimmen hier Dutzende Augen, Ohren, Lippen und Haaransätze aus Kunststoff und Pappmaché ineinander. Ganz hinten aus dem Berg ragt etwas Graues, Buschiges. „Eine Augenbraue von Theo Waigel“, sagt Wenger und erklärt gleich weiter: „Dort oben rechts auf dem Haufen sehen Sie ein Stück von Helmut Kohl, und dort unten müsste irgendwo Obama liegen.“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Er beginnt zu kramen, die Köpfe geraten ins Rollen. Bald ist die halbe Empore in Bewegung, schiebt sich Pappmaché-Ypsilanti über den Papst, rollt Gerhard Schröder gegen die Stirn von Jürgen Möllemann, bis Dieter Wenger schließlich mit einem triumphalen „Da haben wir ihn“ den Obama-Kopf aus dem Wirrwarr zieht.

          Dieter Wenger ist so etwas wie der geistige Vater der allermeisten Figuren, die hier liegen. Er hat sie entworfen, handgezeichnet mit Bleistift auf Papier. Dann haben seine Mitarbeiter die Köpfe dreidimensional modelliert, beklebt und bunt bemalt. Mindestens einmal hat jeder der Köpfe während des berühmten Mainzer Fastnachtsumzugs einen Rosenmontagswagen geziert. Denn Dieter Wenger ist der Chefwagenbauer des Mainzer Carneval Vereins (MCV). Sein Unternehmen „Inspiration“ macht fast die Hälfte seines Umsatzes mit Karnevalsausstattung - nicht nur für den MCV, sondern auch für andere Gruppen und Vereine. Bau und Instandhaltung von Festumzugswagen bilden dabei nur einen Teil des Geschäfts. Der Dekorateur gestaltet auch die berühmten Schwellköpfe für die Mainzer Fußgruppen und fertigt Bühnen und Bühnenbilder für so manche Büttenrede oder manchen Tanzmariechen-Auftritt.

          Nachtschichten vor dem Karneval und hinterher kaum noch Energie zum Feiern: Für Wagenbauer Dieter Wenger bedeutet das Fest vor allem viel Arbeit

          Bis zu mehreren Zehntausend Euro kostet ein Wengerscher Motivwagen - mindestens 15 davon baut er jedes Jahr. Weil Wenger auch außerhalb der Fastnachtstage Bühnen baut und Freizeitparks mit Figuren ausstattet, könnte er womöglich auch ohne das Karnevalsgeschäft überleben, sagt er. Wirklich gut allerdings ginge es der Firma in diesem Fall eher nicht, das gibt er offen zu.

          Karnevals-Kalkulatoren von BCG und McKinsey

          Wengers Unternehmen ist nicht das einzige, das vom Karneval profitiert. Die jecken Tage, die dieses Jahr mit dem Weiberdonnerstag am 3. März beginnen, sind längst kein reiner Spaß mehr. Vor allem in den Karnevalshochburgen im Rheinland sind sie zu einem großen Geschäft geworden. Präzise Angaben über die Wirtschaftskraft des Karnevals sind allerdings schwierig: Es gibt keine bundesweiten Studien dazu; nur die einzelnen Städte haben sich in unregelmäßigen Abständen um Schätzungen bemüht. Vor etwa acht Jahren berechnete etwa die Unternehmensberatung McKinsey für Düsseldorf einen jährlichen Karnevals-Umsatz von 240 Millionen Euro. 2500 Arbeitsplätze seien in der Stadt vom Karneval abhängig, hieß es. Die einzige bekannte Mainzer Karnevals-Berechnung ist noch älter und stammt aus dem Jahr 1997. Damals kalkulierten zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Fachhochschule einen jährlichen Karnevalsumsatz von 49 Millionen D-Mark. Die Touristik Centrale Mainz ist der Auffassung, dass daraus heutzutage mindestens 40 Millionen Euro geworden sind. Wissenschaftlich belastbar sei diese Angabe jedoch nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Impeachment-Anhörungen : Trumps Schattendiplomat

          Gordon Sondland muss sich auf ein regelrechtes Verhör gefasst machen. Von dem amerikanischen Botschafter bei der EU erhoffen sich die Demokraten Aussagen, mit denen sie Donald Trump der Erpressung und Bestechung überführen können.

          Bei Vortrag angegriffen : Weizsäcker-Sohn in Klinik getötet

          Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist von einem Angreifer in Berlin bei einem Vortrag erstochen worden. Der Täter wurde festgenommen, über sein Motiv besteht noch Unklarheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.