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Öko-Offensive : So soll Nestlé grüner werden

Ein Anfang: Nestlé präsentiert einige Produkte in natürlichen oder recycelten Verpackungen – und will viele weitere folgen lassen Bild: EPA

Nestlé stand in den vergangene Jahren viel in der Kritik – nun hat der Lebensmittelriese bekannt gegeben, bis 2050 klimaneutral zu werden. Dazu muss er Lieferanten mit ins Boot holen und viele neue Produkte lancieren.

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          Die grüne Welle, die derzeit um den Globus jagt, hat auch den größten Nahrungsmittelkonzern der Welt erfasst: Nestlé will die Nettoemissionen von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 auf null senken. Dies kündigte das Schweizer Unternehmen am Donnerstag auf einer Pressekonferenz im konzerneigenen Forschungszentrum in der Nähe von Lausanne an. „Der Klimawandel ist eine der größten Bedrohungen, mit denen wir als Gesellschaft konfrontiert sind. Er ist auch eines der größten Risiken für die Zukunft unseres Geschäfts“, sagte der Vorstandsvorsitzende Ulf Mark Schneider.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Nestlé schließt sich dem im Pariser Klimaabkommen festgehaltenen Ziel an, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen und beschleunigt die eigenen Anstrengungen, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und anderen Treibhausgasen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg zu verringern.

          Netto null Emissionen bedeutet, dass alle Gase, die der Konzern im Zuge der Herstellung und des Vertriebs seiner mehr als 2000 Marken – darunter Kitkat, Nescafé, Nespresso, Vittel, Maggi und Thomy – ausstößt, durch Reduktionsmaßnahmen wieder aus der Atmosphäre entfernt. Dann würde Nestlé klimaneutral arbeiten.

          Neue Wege auch beim Verpacken

          Die grüne Offensive hat nicht nur damit zu tun, dass Nestlé sein angekratztes Image verbessern will: Als großer Hersteller von süßen und fettigen (Fertig-)Produkten (wie Tiefkühlpizza) steht der Konzern regelmäßig im Visier der Verbraucherschützer. Vielmehr haben die Schweizer erkannt, dass sich die Kunden zunehmend gesundheits- und umweltbewusst ernähren und immer mehr zu veganen oder vegetarischen Produkten greifen.

          Hier wächst vor allem in Industrieländern wie Deutschland und Amerika ein großer Markt heran, der überdies höhere Margen verspricht als der Verkauf austauschbarer Massenwaren. Da passt es ins Bild, dass Nestlé einerseits die Wurstmarke Herta zum Verkauf gestellt hat und andererseits Verkaufserfolge mit dem fleischlosen „Incredible Burger“ feiert.

          In ihren Versuchsküchen arbeiten die Forscher an vielen weiteren neuen Produkten, die auf Pflanzen basieren und daher einen besseren ökologischen Fußabdruck versprechen. Auch haben sich die Schweizer auf die Fahnen geschrieben, bestehende Rezepte zugunsten klimafreundlicher Zutaten zu verändern. Um klimaneutral zu werden, muss Nestlé die Lieferanten mit an Bord holen. Die Bauern in aller Welt, die den benötigten Kakao oder das Getreide liefern, will der Konzern zu nachhaltigeren Anbaumethoden bewegen.

          Neue Wege will Nestlé auch in der Verpackung seiner Produkte gehen. Nach einer Vorgabe der EU müssen Verpackungen von Konsumartikeln bis 2030 komplett recylingfähig sein. Nestlé will dieses Ziel schon bis 2025 erreichen und hat deshalb ein spezielles Forschungszentrum gegründet, das am Donnerstag eingeweiht wurde.

          Das „Institute of Packaging Sciences“ sei das erste seiner Art in der Lebensmittelindustrie, hieß es. Rund 50 Wissenschaftler tüfteln dort an neuen Verpackungsmaterialien und Darreichungsformen. Große Hoffnung setzen Schneider und sein Technologie-Chef Stefan Palzer auf den Ersatz von Plastik- durch Papierverpackungen. Dabei hat man erste Erfolge erzielt und den Snackriegel Yes sowie ein Nesquik-Kakaopulver in recyclingfähige Papierhüllen gesteckt.

          Greenpeace ist nicht überzeugt

          Allerdings eignen sich längst nicht alle Produkte für diese Umhüllung. Löslicher Kaffee zum Beispiel, der immer noch zu den größten Umsatzträgern gehört, zieht Feuchtigkeit an wie ein Schwamm und wäre daher nach heutigem Stand der Technik schlecht aufgehoben in einer Papierhülle. Gemeinsam mit Verpackungsherstellern und Start-ups arbeiten die Forscher daran, fortan mit weniger Materialschichten auszukommen und beispielsweise Aluminium wegzulassen. Zugleich versuchen sie, die Produkte selbst robuster zu machen.

          Nestlé sieht sich in seiner grünen Mission auch dazu veranlasst, den Konsumenten „ein bisschen anzuleiten“, wie Stefan Palzer in Lausanne sagte. Dazu gehört, die Kunden zum Recycling von Nespresso-Kapseln aufzufordern und sie für neue Angebote zu erwärmen wie die Getränkeautomaten, die Nestlé gerade in den eigenen Niederlassungen testet. An diesen können Durstige ihre mitgebrachten Flaschen füllen lassen.

          Greenpeace hält die Maßnahmen von Nestlé für nicht ausreichend, um der Vermüllung der Erde mit Plastik zu begegnen. Dieses Problem sei nicht mit mehr Recycling oder anderen Wegwerfmaterialien wie Papier zu lösen. Vielmehr müssten sich Konzerne wie Nestlé ehrgeizige Ziele zur Reduzierung von Wegwerfverpackungen setzen und in alternative Liefersysteme investieren, sagte Matthias Wüthrich von Greenpeace Schweiz.

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