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Öffnung der Läden : „Hier hängen Existenzen dran“

Es geht wieder los: Einkaufszentrum in Berlin Bild: Bastian Benrath

Zögerlich öffnen die ersten Geschäfte in Deutschland wieder ihre Türen – mit einem größeren Kundenansturm rechnen sie aber erst einmal nicht. Eindrücke aus Frankfurt und Berlin.

          4 Min.

          Um 10 Uhr sitzen an der Konstablerwache in Frankfurt schon die ersten Menschen auf den Treppenstufen und Bänken. Die ersten Passanten schlendern über die bekannteste Einkaufsstraße in Deutschland, die Zeil. Einige bleiben vor den ersten Geschäften stehen, vor dem Aldi an der Großen Friedberger Straße bildet sich eine Schlange.

          Stefanie Diemand

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So viele Menschen wie heute waren die vergangenen Wochen nicht unterwegs, doch von einem Besucherstrom kann bis zum Vormittag noch lange nicht die Rede sein kann. Denn normalerweise flanieren auf der Konsummeile jede Stunde mehr als 14.000 Besucher. Heute, am ersten Tag, an dem die Frankfurter Einzelhändler wieder öffnen dürfen, wird diese Zahl wohl nicht erreicht werden.

          Zwei Seniorinnen erzählen, dass sie die Ladeneröffnung richtig finden. „Aber nur, wenn genug Platz in den Läden ist.“ Beide wollen ein bisschen durch die Stadt laufen, sonst kämen sie ja nicht viel raus. Warum aber unbedingt Textilhändler öffnen müssen, verstehen sie nicht. „Wie soll man da denn Abstand halten“, sagt eine von ihnen. „Ich fände es besser, wenn nur die wichtigen Geschäfte offen haben.“ Dazu zählen ihrer Meinung nach Lebensmittelgeschäfte oder Optiker.

          H&M und Deichmann haben geschlossen

          Die Geschäfte in Frankfurt dürfen seit heute wieder öffnen, solange sie die Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern nicht überschreiten. Auch größere Geschäfte können in Hessen wieder Kunden empfangen, wenn sie die Fläche reduzieren. Bei Geschäften wie Buchhandlungen, Fahrrad- und Autohändlern besteht die Größenbeschränkung nicht.

          Doch auf der Zeil haben längst noch nicht alle Geschäfte wieder geöffnet. Vor allem die großen Filialisten wie Hennes & Mauritz (H&M) oder Deichmann haben ihre Läden – zumindest um diese Uhrzeit – noch geschlossen. Auch wenn die Türen für Besucher geschlossen sind, in den meisten Läden stehen schon Verkäufer, die die Fläche umräumen. Wann diese wieder öffnen sollen, ist nicht bekannt. Zumindest vor dem Juwelier Wempe hängt ein Zettel, dort steht: „Wir freuen uns Sie ab dem 21. April wieder begrüßen zu dürfen.“ Bis Dienstag will sich der Händler auf die Sicherheitsmaßnahmen und Hygieneregeln vorbereiten.

          Auch vor dem Buchhändler Hugendubel stehen einige Kunden, geöffnet ist dieser noch nicht. Wann das der Fall sein wird, konnte der Sprecher der Buchhandlung auf Anfrage noch nicht sagen. Vor dem großen Einkaufszentrum „My Zeil“ fragt eine Kundin einen der drei Security-Männer, ob denn das Nagelstudio endlich wieder geöffnet habe. „Nee“, sagt ein Sicherheitsmann. „Dafür ist es noch zu früh.“ Sowieso gehe es bisher noch sehr ruhig zu.  „Es ist der erste Schritt zur Normalität“, sagt er. Wenn zu viele Kunden im Einkaufszentrum wären, gebe es einen Besucherstopp. So weit seien sie aber noch lange nicht.

          „Der erste Schritt zur Normalität“

          Gleiche Zeit, ein anderes Einkaufszentrum in Deutschland. Auf dem Auslagetisch stehen Experimentierkästen, mit denen Kinder aus Dingen, die sie im Garten finden, kleine Figuren basteln können. Am Infoschalter dahinter fragt ein Vater mit einer kleinen Tochter an der Hand nach Filmen für sie, Cinderella oder Die Schöne und das Biest. Die Verkäuferin steht an ihrem Computer und versucht, die Wünsche zu erfüllen, während das kleine Kind sich permanent losreißen will und auf die vielen spannenden Dinge ringsum zeigt. Die Thalia-Buchhandlung ist eines der wenigen Geschäfte, die im Einkaufszentrum Hallen am Borsigturm in Berlin-Tegel schon wieder geöffnet haben.

          Sie hatten nur eine Woche zu, erzählt die Filialleiterin, danach konnten sie zumindest einen Tür-Verkauf anbieten. „Buchhandlungen sind ja systemrelevant“, sagt sie. „‚Systemrelevant‘ wird bestimmt das Wort des Jahres.“ Gravierende Umsatzausfälle hätte das trotzdem nicht verhindern können. „Mindestens zwei Drittel“, schätzt die Filialleiterin. „Aber mindestens.“ Die gesamte Osterware habe nicht verkauft werden können, auch Geschenke zu besonderen Anlässen wie Kommunionen oder Jugendweihen. „Solche Anlässe finden ja in diesem Jahr häufig gar nicht statt“, sagt sie.

          Nebenan hat auch Hussel geöffnet. Sie verkauften ja Lebensmittel, sagt die Verkäuferin in der Filiale der Süßwaren-Kette. Alle Geschäfte unter 800 Quadratmetern dürfen in Berlin erst am Mittwoch wieder aufmachen, jene, die jetzt schon geöffnet haben, sind eine wunderliche Mischung: Der Optiker und zwei Handyläden haben auf, die To-Go-Kaffeetheke aber zu.

          „Hier hängen Existenzen dran“

          Im auf mexikanisch getrimmten Restaurant putzt ein Mann die Tische, alle Stühle sind hochgestellt. „Wir haben mehr als 800 Quadratmeter, möglicherweise müssen wir bis September geschlossen bleiben“, sagt er. „Wir haben 25 Mitarbeiter, hier hängen Existenzen dran.“ Auf den Bänken zwischen den geschlossenen Filialen von Douglas und H&M sitzt eine ganze Reihe von Senioren. „So lange es nicht heißt ‚Stubenarrest‘, gehen wir auch raus“, sagt eine ältere Dame. „Frische Luft ist gut fürs Immunsystem.“ Dass die Läden in Berlin länger geschlossen bleiben müssen als in anderen Bundesländern, stört sie nicht. „Besser länger zu lassen. Sonst fangen wir in 14 Tagen wieder von vorne an.“

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          Eines der wenigen Geschäfte, die im Frankfurter Einkaufszentrum My Zeil geöffnet haben, ist die Parfümerie Albrecht. Das Familienunternehmen ist seit dem Jahr 1732 in Frankfurt. „Mein Vater erzählt mir, dass er so etwas noch nie erlebt hat“, sagt Dennis Albrecht, der gemeinsam mit seinen zwei Brüdern das Traditionsunternehmen führt. Ihm sei es wichtig gewesen, dass das Ladengeschäft direkt wieder eröffnet. Nun bereiten die Verkäufer das Geschäft vor, alle haben Schutzmasken und halten sich an die strengen Hygieneregeln. Mit einem großen Kundenansturm rechnet hier keiner, auch wenn die ersten Kunden schon durch den Laden schlendern. „Es ist ein erster Schritt“, sagt Albrecht. Normalität sehe aber anders aus.

          „Wir haben einen beträchtlichen Verlust gemacht“, sagt Horst Czaja. Er führt seit über 40 Jahren ein Juweliergeschäft, noch nie habe er so etwas erlebt. Juwelier Czaja liegt in einer kleinen Nebenstraße zur Zeil, hier laufen nur wenige Menschen an den Schaufenstern vorbei. Czaja räumt gerade die ersten Ringe ins Schaufenster. Einige Kartons stehen noch im Laden. Mit einem großen Kundenansturm rechnet auch er erst mal nicht. „Es wird noch bis Ende des Jahres dauern, bis alles wieder normal ist.“ Vor dem Geschäft steht ein Schild, das mit Trauringen wirbt. Hochzeiten finden zurzeit aber kaum statt.

          Nicht weit davon entfernt geht das erste Eis seit langem über die Ladentheke. Eine Frau kauft gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter zwei Kugeln. Statt einer Waffel bekommt das kleine Mädchen die Kugeln im Becher, so will es die Vorschrift. Bei „Gelato e Caffé“  steht der Inhaber gemeinsam mit seiner Frau im Laden. „Wir sind froh, dass es wieder losgeht“, sagt er. Denn im April gehe das Geschäft meist richtig los. Eis sei ein Saisongeschäft, länger hätte die Eisdiele nicht mehr geschlossen haben dürfen. „Im Winter verdienen wir ja kaum etwas.“ Er schiebt seinen Mundschutz beiseite. Damit die Geschäfte weiterhin geöffnet haben dürfen, halte sich die Familie an die strengen Hygieneregeln. Die Kunden müssen Abstand halten und dürfen das Eis nicht im Geschäft essen.

          Egal, ob in Frankfurt oder in Berlin: Die deutschen Händler versuchen, das beste aus der Ausnahmesituation zu machen. Wenigstens ist das Wetter schön.

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