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Obama verschärft Auto-Kurs : GM-Chef Wagoner tritt zurück

  • -Aktualisiert am

Arbeitete 31 Jahre bei GM: Rick Wagoner Bild: AFP

Auf Druck Washingtons tritt GM-Chef Rick Wagoner zurück. Nachfolger wird sein Stellvertreter Fritz Henderson. Zugleich stellt Präsident Obama GM ein 60-tägiges Ultimatum, um ein tragfähiges Sanierungskonzept vorzulegen. Chrysler hat sich mittlerweile mit dem italienischen Fiat-Konzern auf Rahmenbedingungen für eine von Obama geforderte Allianz geeinigt.

          Der amerikanische Präsident Barack Obama hat im Ringen um eine Rettung der angeschlagenen Automobilkonzerne General Motors (GM) und Chrysler einen viel härteren Kurs eingeschlagen als erwartet. Obama hat den Rücktritt des GM-Vorstandsvorsitzenden Rick Wagoner erzwungen und die Sanierungspläne beider Unternehmen als unzureichend zurückgewiesen. Er gab den Herstellern eine Gnadenfrist, um aggressivere Pläne vorzulegen und drohte so deutlich wie nie zuvor damit, die Unternehmen in die Insolvenz stürzen zu lassen. Der Kurs der Aktie von General Motors fiel am Montag um 25 Prozent.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          General Motors bestätigte den Rücktritt Wagoners und benannte den bisher für das Tagesgeschäft zuständigen Chief Operating Officer Fritz Henderson als Nachfolger. Obama hat sich nicht mit der Ablösung des Vorstandsvorsitzenden begnügt, sondern auch eine weitreichend Entmachtung des Verwaltungsrats durchgesetzt. Die Mehrheit des Aufsichtsgremiums solle in den kommenden Monaten ersetzt werden, teilte die Regierung mit.

          60-Tage-Frist für Nachbesserungen

          Die von Obama eingesetzte Arbeitsgruppe zur Zukunft der Autoindustrie setzte sowohl General Motors als auch Chrysler Fristen für Nachbesserungen an ihren Sanierungsplänen. Obama sagte dazu, alle Beteiligten müssten Opfer bringen, von den Arbeitnehmern und den Aktionären über die Gläubiger und Zulieferer bis zu den Händlern. „Sie müssen ernste Schritte zu einer Restrukturierung unternehmen, um auf dem Weg in eine bessere Zukunft voranzukommen. Noch sind sie da nicht angekommen“, begründete er den harten Kurs.

          Fritz Henderson rückt an die Spitze: Er war früher Europa-Chef

          General Motors soll nun weitere 60 Tage Zeit bekommen, um die geforderten Schritte auf dem Weg zu einem wettbewerbsfähigen Autohersteller zu unternehmen. Chrysler muss nach dem Willen der Regierung innerhalb von 30 Tagen eine im Januar vereinbarte Allianz mit dem italienischen Autohersteller Fiat unter Dach und Fach bringen, die ehemalige Tochtergesellschaft des Stuttgarter Daimler-Konzerns ist nach Auffassung der Regierung allein nicht überlebensfähig. Sowohl General Motors als auch Chrysler sollen innerhalb dieser Fristen von der Regierung Geld bekommen, um den Betrieb aufrechterhalten zu können, Beträge wurden nicht genannt. Wenn Chrysler die Partnerschaft mit Fiat gelingt, ist die Regierung bereit, dem Unternehmen weitere Kredite bis 6 Milliarden Dollar zu geben. Andernfalls solle kein Geld mehr in Chrysler investiert werden.

          Insolvenzverfahren als probate Option

          Trotz dieser Gnadenfristen zieht die Regierung aber verstärkt Insolvenzverfahren sowohl für General Motors als auch für Chrysler in Erwägung. „Ihre beste Aussicht auf Erfolg kann sehr wohl in einer schnellen und chirurgischen Insolvenz bestehen“, hieß es in einer Mitteilung. Obama sagte weiter in einer Rede, dass er eine Insolvenz als Mittel sieht, um die Schuldenlast zu verringern und ein stärkeres Unternehmen entstehen zu lassen: „Ich spreche nicht über einen Prozess, in dem ein Unternehmen zerschlagen und verkauft wird und nicht mehr existiert.“

          Die Regierung hat mit ihren Ankündigungen vom Montag die Forderungen von General Motors und Chrysler nach weiteren Milliardenkrediten zur Vermeidung einer Insolvenz zurückgewiesen. Beide Unternehmen hängen schon seit Ende vergangenen Jahres am Staatstropf: General Motors hat Kredite von 13,4 Milliarden Dollar bekommen, Chrysler 4 Milliarden Dollar. Im Februar legten die beiden Konzerne vorläufige Sanierungspläne vor und baten dabei um weitere Finanzspritzen: General Motors bezifferte den Bedarf auf bis zu 16,6 Milliarden Dollar, bei Chrysler waren es 5 Milliarden Dollar. Beiden Unternehmen war von der Regierung bei der Gewährung der ersten Kredite eine tief greifende Restrukturierung zur Bedingung gemacht worden. General Motors und Chrysler haben seither einige Sanierungsschritte angekündigt: So will General Motors sich von 47.000 Mitarbeitern auf der ganzen Welt trennen und mehrere Konzernmarken aufgeben. Bei wichtigen Elementen des Sanierungsplanes machte General Motors aber nicht die erhofften Fortschritte. So hat es das Unternehmen nicht geschafft, Vereinbarungen mit den Gläubigern und den Gewerkschaften über Zugeständnisse zu erzielen.

          Ablösung von Wagoner ist Paukenschlag

          Die Ablösung von Rick Wagoner ist ein Paukenschlag, auch wenn es in der Branche als Rätsel gilt, warum er nicht schon längst zurücktreten musste. Seine Bilanz bei General Motors ist verheerend. Das Unternehmen ist im Jahr 2005, als es dem Automarkt insgesamt noch prächtig ging, in eine schwere Krise gerutscht und hat sich seither nicht erholt. Der Konzern hat auf dem amerikanischen Markt kontinuierlich Anteile verloren, vor allem an japanische Konkurrenten wie Toyota. In den vergangenen vier Jahren hat General Motors insgesamt Verluste von 82 Milliarden Dollar ausgewiesen.

          Die Regierung kündigte am Montag außerdem ein staatliches Garantieprogramm an. So will der Staat für Garantien beim Kauf von Autos von General Motors und Chrysler einstehen. Die Unternehmen haben in den vergangenen Monaten als wichtigstes Argument gegen eine Insolvenz angeführt, dass dies Verbraucher wegen der damit verbundenen Unsicherheit um Gewährleistungsansprüche vom Autokauf abschrecken würde.

          In Deutschland dürfte sich durch die Gnadenfrist für GM von 60 Tagen die Entscheidung über staatliche Hilfen für Opel weiter hinziehen. An diesem Dienstag besucht Kanzlerin Angela Merkel das Opel-Werk in Rüsselsheim und hält eine Rede vor 3000 Beschäftigten des Unternehmens. Sie will bei dieser Gelegenheit auch ein aktuelles Bild der Lage zeichnen. Der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier spricht sich unterdessen für eine vorübergehende Staatsbeteiligung aus. „Opel kann sich nicht selbst retten.“

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