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Haselnusscreme wird 75 : Happy Birthday, Nutella!

Nutella wird 75 Jahre alt. Bild: dpa

Vor 75 Jahren verkaufte der italienische Konditor Pietro Ferrero sein erstes Brot mit Nougatcreme. Eine Erfindung mit Folgen.

          4 Min.

          Der Winter riecht in Alba nach gerösteten Haselnüssen. Das Städtchen im Piemont ist die Heimat des Süßwarenkonzerns Ferrero. Hier im Norden Italiens steht bis heute das Stammwerk des vor bald 75 Jahren gegründeten Familienunternehmens, dessen Nougatcreme namens Nutella einen erstaunlichen Siegeszug rund um die Welt hinter sich hat. Dabei war der Brotaufstrich zuerst nur ein Nebenprodukt – und nicht einmal besonders typisch für den Betrieb zur Herstellung von Schokolade und Süßigkeiten, den der Konditor Pietro Ferrero 1946 in Alba eröffnete.

          Tobias Piller
          (tp.), Wirtschaft

          Dazu muss man wissen, dass süße Spezialitäten schon seit Jahrhunderten zur Tradition des Piemonts und seiner Hauptstadt Turin gehören. An den Fürstenhof dort gelangte kurz vor 1700 die aus Südamerika eingeführte Mode der Schokolade, mit der bald die Turiner Konditoreien ihr Angebot verfeinerten. Eine außergewöhnliche Wende nahm die Entwicklung der Turiner Süßwaren hundert Jahre später: Die Kontinentalblockade der Engländer gegen Napoleon machte die Einfuhr von Kakao unmöglich oder zumindest unerschwinglich teuer. Damals besann man sich auf gemahlene Haselnüsse als Ersatz für das Kakaopulver, heraus kam braune Nougatcreme. Längliche Nougatpralinen in der Form eines umgekehrten Schiffchens wurden zu einer örtlichen Spezialität. Im 19. Jahrhundert gab es sogar eine piemontesische Karnevalsfigur namens „Gianduja“, von der die „Gianduiotti“ an die Kinder verteilt wurden. Sie wurden auch von Anfang an im Hause Ferrero produziert. Als schnellen Snack konnte man im Laden aber auch ein Stück Brot mit der Gianduja-Masse bekommen. Das war, wenn man so will, die Geburtsstunde von Nutella.

          Die Ferrero-Fabrik verdoppelte noch im Gründungsjahr die Belegschaft auf 100 Mitarbeiter. Nach zehn Tonnen Süßwaren im Jahr 1946 wurden der Firmenchronik zufolge im Jahr darauf schon 235 Tonnen an Süßwaren hergestellt. Das Potential der Nougatcreme erkannte der Sohn des Gründers, Michele Ferrero. Er verkaufte den Aufstrich seit 1951 als „Supercrema“, eröffnete 1956 eine erste Zweigfabrik außerhalb Italiens im hessischen Stadtallendorf bei Marburg und brachte zugleich auch die Kirschpraline „Mon Chéri“ auf den Markt. Der Durchbruch kam indes erst nach der Umbenennung des Aufstrichs, den neue Gesetze in Italien 1964 erzwangen. Der neue Name sollte mit „Nut“ für Nüsse beginnen. Im Anklang an zwei damalige Ferrero-Produkte namens „Naturella“ (Karamellbonbons) und „Cerasella“ (Pralinen) war der Weg zu „Nutella“ nicht mehr weit.

          Heute Ferreros wichtigstes Produkt

          Heute führt Giovanni Ferrero das Unternehmen, der Enkel des Gründers und einer der reichsten Männer Italiens. Der Konzern setzte zuletzt gut 11 Milliarden Euro im Jahr um. Das wichtigste Produkt ist Nutella. Rund 28 Prozent der Deutschen greifen Marktforschern zufolge beim Frühstück am liebsten zu Nutella – ob sie nun „das Nutella“ dazu sagen oder „die Nutella“, laut Duden ist sogar „der Nutella“ in Ordnung. Insgesamt stellt Ferrero etwa 400.000 Tonnen davon im Jahr her, die größte Fabrik steht in der Normandie.

          Zu Produktion und Absatz hüllt sich Ferrero darüber hinaus in Schweigen; die sogenannte Kommunikationsabteilung antwortet nicht auf Fragen. Deshalb bleibt vorerst auch offen, ob die Diskussion über den Einsatz von Palmöl dem Absatz geschadet hat. Zur Expo 2015 in Mailand sorgte die damalige französische Umweltministerin Ségolène Royal für Skandalstimmung, als sie sagte: „Wir sollten aufhören, Nutella zu essen, weil die mit Palmöl hergestellt wird. Ölpalmen haben Bäume ersetzt und beträchtlichen Schaden in der Umwelt angerichtet.“

          Royal entschuldigte sich später. Doch die Frage, ob Ferrero wegen der Palmölerzeugung für die Rodung von Regenwald verantwortlich ist, hat viele Verbraucher beschäftigt. Schließlich ist Palmöl der zweitgrößte Nutella-Bestandteil, nach Zucker und noch vor den Haselnüssen, die laut Etikett auf einen Anteil von 13 Prozent kommen. Der Konzern verweist heute darauf, Palmöl aus zertifizierter nachhaltiger Produktion zu verwenden.

          Barilla, der Erzfeind

          Einige Wettbewerber werben indes damit, ihre Nougatcreme ganz ohne Palmöl zu produzieren. Dazu gehören die italienischen Erzfeinde der Ferreros, die weithin für ihre Pasta bekannte Familie Barilla, die neuerdings auch eine palmölfreie Nougatcreme anbieten – nach einem Jahr in Italien aber erst einen Marktanteil von 4 Prozent erreicht haben. In italienischen Feinkostläden finden sich darüber hinaus ganze Regale mit teuren Nougatcremes, die bis zu 40 oder 50 Prozent Haselnüsse enthalten.

          Eine der teuersten Varianten, mit 13,50 Euro für 220 Gramm, kommt aus der Turiner Manufaktur von Guido Gobino, der gerade von Modeunternehmer Giorgio Armani zum Partner für dessen Schokoladenangebot auserkoren wurde. Für Gobino gibt es keinen abstrakten Maßstab für das Rezept der Nougatcreme. „Für mich zählen zunächst immer der Geruch und der Geschmack“, sagt er. Seine Haselnüsse bezieht er von sieben direkt kontrollierten Bauern aus dem südlichen Piemont. Vorzug dieser Haselnüsse sei der hohe Gehalt an Nussöl, das die Nüsse lange frisch halte und sie vor ranzigem Geschmack bewahre, sagt Gobino. Er presst die Nüsse aus und gibt das dabei gewonnene Öl wieder in die Creme. Die zweite Garantie für guten Geschmack ist für ihn, die Nüsse möglichst fein zu mahlen. Da hat Ferrero mit Nutella einen Vorteil, denn in den Fabriken werden die Nüsse in großen Sälen mit langen Walzen zu winzigen Körnern von nur elf oder zwölf Mikrometer Durchmesser gemahlen. Deswegen sei der samtige Geschmack von Nutella schwer nachzuahmen, räumt Gobino ein. Er selbst hat in Maschinen investiert, die Haselnüsse auf bis zu 15 Mikrometer Durchmesser zerkleinern.

          Könnte denn eine Hausfrau mit exzellenten Zutaten eine eigene Creme herstellen? Etwa nach einem im Internet gefundenen Rezept für „Crema di nocciole – weltbeste Nuss-Nougat-Creme“, mit Haselnüssen, Ahornsirup, Mandelmilch, Kakaopulver, Vanilleextrakt, einer Prise Salz und Kokosöl? Maestro Gobino lächelt. Da bestehe nicht nur das Risiko, dass die Creme wegen relativ großer Haselnussstückchen etwas grobkörnig wird, sagt er. Die Gefahr sei vor allem, dass beim Zerkleinern der Nüsse die Masse zu warm werde und das Öl verbrenne. „Wir haben in unserem Betrieb 70 Produkte und Rezepte. Aber das schwierigste von allen ist die Nougatcreme“, sagt Gobino.

          Unterm Strich seien der Weltmarktführer Ferrero mit seiner industriellen Produktion und die kleinen Premiumhersteller keine Gegner, behauptet der Manufakturbetreiber aus Turin. „Man kennt sich und respektiert sich.“ Ohne den internationalen Erfolg von Nutella wäre das Konkurrenzangebot der kleinen Hersteller wohl nie so breit geworden. Der internationale Erfolg von Nutella, sagt Gobino, nötige ihm noch immer Respekt ab. „Als ich am Rand der Wüste von Qatar einmal in einem kleinen Supermarkt Wasser kaufen wollte und selbst dort Nutella fand, war mir klar, dass Nutella wirklich in jeder Ecke der Welt angekommen ist.“

          Anmerkung der Redaktion:

          In der ursprünglichen Fassung hieß es, dass „Längliche Nougatpralinen in der Form eines umgekehrten Schiffchens zu einer örtlichen Spezialität wurden, nach einer Figur aus dem piemontesischen Karneval „Gianduiotti“ genannt.

          Der ist anzuzweifeln. Viel mehr erfand ein Schokoladenhersteller eine neue Karnevalsfigur, die den Namen „Gianduja“ trug und die Schokoladenstücke verteilte, um dafür Werbung zu machen. Wir haben den entsprechenden Absatz berichtigt.

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